Porträt:
Friedhelm Möhrle, Alt-OB
Friedhelm
Möhrle kämpfte in seiner Zeit als OB von Singen (1969
bis 1993) für den Bau der Stadthalle. Vergebens. Nun bekommt
Singen die Halle, das Wochenblatt sprach mit dem Alt-OB über
den Bau und die späte Genugtuung.

Alt-Oberbürgermeister Friedhelm Möhrle.
swb-Bil:
frö
Wochenblatt:
Warum braucht Singen immer noch
die Stadthalle?
Friedhelm Möhrle: Die Stadt braucht sie
nicht mehr so wie früher, weil eine ganze Reihe von Dingen,
die wir damals in der Planung hatten, wie die Bibliothek, das
Bürgerzentrum, die Musikschule oder der kleine Saal schon
an anderer Stelle umgesetzt sind. Auch die Kunsthalle, inzwischen
wurden viele Millionen investiert. Alles das war damals mit in
der Planung drin.
Wochenblatt:
Ist das für Sie eine späte
Genugtuung, dass die Halle doch noch gebaut wird?
Friedhelm Möhrle: Eigentlich nicht. Ich
sehe das, was auf uns zukommt etwas mit Sorge. Wir müssen
uns hinter die Halle stellen.
Wochenblatt:
Werden die Singener die Halle annehmen?
Friedhelm Möhrle: Wenn man sich einmal überlegt,
was in der Halle alles geboten sein wird und wo die Bedürfnisse
der Singener sind, dann muss man ein wenig Sorge haben.
Wochenblatt:
Wird sich die Halle finanziell rechnen?
Friedhelm Möhrle: Auf keinen Fall. Das Projekt
kann sich nicht rechnen, das ist sicher. Ich selber habe zwei
Abonnements in der Tonhalle in Zürich. Selbst diese weltberühmte
Halle hat eine Auslastung von nur 80 Prozent. Das bedeutet jedes
Jahr ein Millionen-Defizit. Wir sollten uns nicht in die Tasche
lügen, sondern dafür sorgen, dass das Defizit so klein
wie möglich wird.
Wochenblatt:
Woran ist das Projekt vor 25 Jahren
letzten Endes gescheitert?
Friedhelm Möhrle: Wir hatten damals zu viel
auf einmal in die Halle gepackt. Das war nicht mehr zu begreifen,
dass man das Museum drin haben wollte oder die Musikschule. Das
Volumen war zu groß. Die einen waren nur an etwas Bestimmtem
interessiert und am Anderen nicht. Wir wollten einfach zu viel
auf einmal packen. Aber es war machbar.
Wochenblatt:
Was passt heute, was damals nicht
gepasst hat?
Friedhelm Möhrle: Was heute in die Halle
könnte, was nicht in die Stadt passt, das weiß ich
nicht. Es wird nur der Feierraum geschaffen.
Wochenblatt:
Warum haben die Singener so lange
darauf warten müssen?
Friedhelm Möhrle: Als die Halle damals abgelehnt
wurde, war das ein Schock. So etwas brauchen wir nicht, hieß
es. Irrsinnige Kosten. Im Übrigen nicht einmal die Hälfte
dessen, was wir jetzt ausgeben. Die Halle wäre längstens
bezahlt. Keiner hat das Thema mehr angefasst, ich musste sorgfältig
Schritt für Schritt in der Stadt arbeiten. Die Musikschule
zum Beispiel. Die ist auf der Insel doch zauberhaft geworden.
Oder die Bibliothek, die Leben in die Innenstadt geholt hat. Oder
Bürgerhaus und Museum. Wir waren zu ehrlich. Alle Grundstückskosten
und den Kanal hatten wir in der Rechnung, obwohl das Gelände
schon der Stadt gehörte.
Wochenblatt:
Ist die jetzige Halle ein Projekt
für Jedermann, für die ganze Bürgerschaft, oder
kommen nur die Großen nach Singen?
Friedhelm Möhrle: Wenn wir es nicht schaffen,
dass die Bürgerschaft die Halle voll annimmt, dann wird das
Defizit ungeheuer groß werden.
Wochenblatt:
Was kann man dafür tun?
Friedhelm Möhrle: Das ist ein Frage des
Marketings. Zu hoffen, dass man ohne Defizit rauskommt, wäre
falsch.
Wochenblatt:
Inwiefern hat sich Kultur verändert
in den letzten dreißig Jahren?
Friedhelm Möhrle: Viel hat sich nicht verändert.
Wir haben alles hinbekommen. Die Musikschule hat über 1.000
Schüler bekommen, dieses wunderbare Theater Kunsthalle, die
ja ein echtes Kleinod ist. Das wird jetzt kaputt gemacht. Übrigens
ist keine politische Diskussion um die Halle geführt worden.
Es wurde an der Bevölkerung vorbei entschieden. Die Politik
ist anders geworden. Langweiliger, finde ich. Früher wurde
kräftig gestritten. Nehmen sie den Krankenhaus-Prozess. Hier
wurde an der Bevölkerung vorbei entschieden.
Wochenblatt:
Warum muss man die Kunsthalle abreißen?
Friedhelm Möhrle: Es geht ums Geld, mehr
nicht. Für mich persönlich ist das schlimm. Solch ein
Kleinod. Aber ich mag die Stadt, da darf ich nicht nur schimpfen.
Man muss Vieles schlucken. Der Architekt Paillard, den wir damals
hatten, hat einen wunderschönen Entwurf präsentiert.
Das alte Dorf wurde mit einbezogen. Leider ist nichts draus geworden.
Keiner hat mehr ein Wort über Paillard verloren, das ist
Machtpolitik.
Johannes
Fröhlich
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