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 Alefanz unter den Oberbürgermeistern

Porträt: Günter Neurohr baute seine Stadthalle

1994 wurde der Radolfzeller Oberbürgermeister Günter Neurohr mit dem Alefanz- Orden auf Schloss Langenstein ausgezeichnet. Ja, er war wirklich der Alefanz unter den Oberbürgermeistern, denn ihn zeichnete alles dafür aus: Er war listenreich und widerborstig, konnte sich ebenso hinter dicken Mauern verbarikadieren wie humorvoll in die Offensive gehen. Als Leiter der dortigen Stadtwerke war er 1970 aus Crailsheim nach Singen gekommen. Dr. Ernst Waldschütz von der FDP hatte ihn geholt. Doch bald bekam Neurohr Streit mit seinem Rathauschef und verkroch sich schützend unter den Rock der CDU. Für die war er plötzlich der Hoffnungsträger. Doch seinen Alefanz hatten viele unterschätzt, denn Neurohr akzeptierte keine Konventionen. Wenn OB Möhrle in Singen mit dem damaligen Galeristen Günter Heiß Krach hatte, dann verkehrte Neurohr dort erst recht und hielt sogar Reden bei Ausstellungseröffnungen.


2004 kam die Stunde des Abschieds: Regierungspräsident Sven von Ungern-Sternberg
verabschiedete den Radolfzeller Oberbürgermeister Günter Neurohr in den Ruhestand.
swb-Bil: Lichtwald

Der wichtigste Konflikt in Singen lag aber in der Stadtplanung. Da kooperierte er mit alternativen Gruppen wie dem Bauforum. Und in Radolfzell wollte er dann alles endlich so machen, wie er es sich vorstellte. Als Singen die Stadthalle 1981 nicht mehrheitsfähig gemacht hatte, wollte er vor Singen auf jeden Fall eine vergleichbare Halle haben. Wenn Singen eine Autobahnabfahrt hatte, dann wollte er auch eine. Und wenn Singen schon kein Wachstum mehr zustande brachte, dann sollte es Radolfzell schaffen. Neurohr war alefänzig. Für den Kreistag kandidierte er in Radolfzell, obwohl er in Friedingen weiter wohnte. Das musste schief gehen. Neurohr sagte, er habe als OB das Bürgerrecht erworben und könne deshalb in Radolfzell kandidieren. Eine Pritsche im Rathaus sollte sein Beleg sein. Er kam nicht in den Kreistag und schied später aus der CDU aus. Ab dem Zeitpunkt ging er seinen Weg allein. Seine dritte Wahl schaffte er im zweiten Wahlgang 1992 gegen Siegfried Lehmann und Frank Hämmerle. In diese Periode fällt die Einweihung des Milchwerks als heutiges TKM. Der damalige Stadtbaudirektor Nüsse war über die Jahre hinweg sein kongenialer Stadtplaner. Der machte aus dem bankrotten Milchwerk eine Halle, wie sie die Region noch nicht hatte. Radolfzell wollte plötzlich Tagungen und Kultur an sich binden. Und es klappte sogar: Singener Betriebe mussten mit ihrer Hausmesse nach Radolfzell. Das war ganz nach Neurohrs Gusto. Mit Neurohr konnte man streiten. Das zeichnete ihn aus. Als der Krankenhausskandal in den 90er Jahren auf dem Höhepunkt war, forderte der Chronist damals im Wochenblatt seinen Rücktritt. Neurohr hatte einmal mehr seine eigenen Personalentscheidungen getroffen und sich damit Ärger eingehandelt. Aber immer wieder kam er ins ganz normale politische Spiel zurück: er hatte Radolfzell weitergebracht und ging hochgeehrt in den Ruhestand. Das Städtle hat ihn mögen . . .

Hans Paul Lichtwald