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 Was eine Not ist, ist auch eine Tugend

Porträt: Färbe-Gründer Peter Simon im Gespräch

Peter Simon ist seit 1978 Motor und Kopf des Singener Theaters »Die Färbe «. Unzählige Stücke wurden gespielt, viele junge Schauspieler durchliefen die Färbe auf dem Weg zu einer großen Karriere. Die Färbe genießt einen guten Ruf weit über die Grenzen der Region hinaus.

Peter Simon swb-Bild:frö

Frage: Herr Simon, hätten Sie vor 29 Jahren gedacht, dass sich die Färbe derart entwickeln und etablieren würde?
Peter Simon: Nein. Die Ballettschule existierte schon, das war der Anlass, ein Restaurant zu machen. Dann gab es den Kollegen Alexander Tiebes aus Mainz und es entstand die Idee, ein Theater zu machen. Wir überlegten, ob das in Singen möglich ist. »Warten auf Godot« war nach acht Tagen ausverkauft. Das hatten wir nicht erwartet. Beckett war die intellektuelle Vorgabe. Es kamen sehr viele Leute von außerhalb. Dann kam Genets »Unter Aufsicht«. Das war wieder ausverkauft. So war das erste Jahr rum, trotz vollem Haus hatten wir ein finanzielles Defizit. Es war wie der Zauberlehrling, wir mussten Geld organisieren. Die Stadt Singen war eingesprungen.

Frage: War die Färbe ein Experiment?
Peter Simon: Ja, das kann man so sagen. Frage: Was war die Motivation, solch ein Projekt zu starten? Peter Simon: Ich wollte zum Theater und bin auch zum Theater gekommen. Ich war in München auf der Schauspielschule und hatte meinen ersten Auftritt am Staatstheater. Dann wurde ich nach Frankfurt an die Komödie engagiert. Dann kamen Heidelberg, Luzern, Mainz, Darmstadt und Nürnberg.

Frage: Hatten Sie beim Start der Färbe einen künstlerischen Anspruch?
Peter Simon: Ja natürlich. Ich habe an den Theatern über 130 Rollen gespielt. Es gab damals auch private Gründe, Milly van Lith war in Mailand, meine Mutter lag im Sterben. Ich hatte einen Burnout und wollte mit Theater nichts mehr zu tun haben. Ich musste eine Pause haben. In Singen habe ich dann damit begonnen, meine Frustrationen bezüglich Regie und Betrieb abzubauen. Ich begann Theater anders zu sehen. Ich sah, dass die Theater die Stücke schlecht machen. Die Regisseure, die mir etwas gebracht haben, kann ich an einer Hand abzählen.

Frage: Wie war das Verhältnis zur Kunsthalle, die ja eher Boulevard spielte?
Peter Simon: Theater ist Theater, auch eine Operette kann schlecht gemacht sein. Boulevard ganz besonders. Ich hatte an anderen Theatern mit dem Repertoire-Theater kein Glück. Berlin oder Hamburg. Nachdem ich mit dem Schauspieler Peter Moosbacher auf einer Tournee in 19 Tagen in 19 Städten gespielt hatte, war das der Auslöser zum Ausscheiden. Ich fand das kommerziell und unkünstlerisch. Die Tourneebühnen machen einen Bogen um die großen Städte.

Frage: Gibt es in der Färbe eine Entwicklung in den letzten dreißig Jahren?
Peter Simon: Was eine Not ist, ist auch eine Tugend. Wir können nicht über Monate oder Jahre hinweg planen, das ist eher ein von der Hand in den Mund leben. Wir fangen seit 29 Jahren nach jedem Stück wieder neu an. Künstlerisch gesehen ist das ein Ideal. Mitbestimmung im Ensemble ist immer gescheitert. Theater ist international gesehen immer dann gut, wenn eine Persönlichkeit da ist.

Frage: Theater zu machen ist immer wieder ein Kraftakt. Es braucht Energie, Geduld, wie tanken Sie auf, woher nehmen Sie die Kraft?
Peter Simon: Ich habe gar keine Wahl. Es muss funktionieren. Es gab schon Momente, in denen ich locker gelassen habe. Das hat mit dem Erfolg zu tun. Bei mir muss alles stimmen. Ich will immer das Unmögliche. Dabei strahle ich auf die Mitarbeiter einen gewissen Stress aus. Ohne den funktioniert Theater nicht. Professionalität heißt herausfordern. Die Grenzen immer weiter stecken. Künstlerisch ist man nie fertig. Es gibt keine Marke bei der Arbeit, wo man sagen kann, jetzt ist alles gut.

Frage: Was sind die Ziele, wohin geht die Färbe?
Peter Simon: Das hängt vom Geld und von den Schauspielern ab. Sehr schön wäre es, Nathan den Weisen zu spielen in der i Basilika. Das ist mit dem momentanen Etat leider nicht machbar. Es wäre ein Wunsch. Das Theater muss schon schauen, mit was es Erfolg hat.

Johannes Fröhlich

 

 


Elmar F. Kühling in Aktion. swb-Bild:Färbe