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Porträt: Michael und Christoph Greuter im Gespräch

Seit drei Generationen steht der Name Greuter in Singen ganz im Zeichen des Buches. Mittlerweile ist Greuter auch Verlag und veranstaltet regelmäßig Lesungen. Das Wochenblatt sprach mit Vater Michael und Sohn Christoph Greuter über das Leben mit Büchern.


Christoph und Michael Greuter. swb-Bild: frö

Wochenblatt: Herr Greuter, erinnern Sie sich noch an das Geschäft Ihres Vaters?
Michael Greuter: Ja, sehr genau, das war die Bücherstube Erich Greuter in der Schwarzwaldstraße. Ich war damals 11 Jahre alt. In unserer Familie hat sich alles nur um Bücher gedreht. Meine Mutter war ebenso aktiv, der Vater war als Lektor tätig nach dem Krieg in Konstanz. Meine Tätigkeit begann als Bub mit dem Austragen von Büchern als Bote, es gab 30 Pfennig die Stunde.

Wochenblatt: Wie sah der Buchhandel unmittelbar nach dem Krieg aus?
Michael Greuter:
Was ich von den Eltern weiß, gab es einen Hunger nach Literatur und zwar nach freier Literatur. Das war im dritten Reich nicht möglich.

Wochenblatt: Christoph Greuter, können Sie sich noch an die 60er erinnern, an die Buchhandlung Ihres Vaters?
Christoph Greuter:
An das Geschäft in der Hauptstraße kann ich mich gut erinnern. Meine Schwestern und ich, wir waren damals oft im Geschäft, sind mit Bürostühlen abends durch die Gänge gerollt und haben uns mit Gummibändern beschossen und Prospekte gestempelt. Im Winter vor Weihnachten haben wir die Prospekte bei Eiseskälte an Haushalte verteilt.

Wochenblatt: Was hat der Vater Ihnen mitgegeben?
Christoph Greuter:
Das Wichtigste war, dass Buchhandel Arbeit bedeutet. Wenn man es gut machen möchte, muss man Arbeit, Zeit und Herzblut investieren. Das haben wir als Kinder schon unbewusst wahrgenommen. Buchhandel war Gesprächsthema beim Mittag-oder Abendessen. Man muss sich bemühen und ein Stück weit mit der Zeit gehen, auf Entwicklungen reagieren.

Wochenblatt: Was macht eine gute Buchhandlung aus?
Michael Greuter:
Der Kunde darf eine solide, gute Auswahl erwarten. Dann ein Fachpersonal, das den Beruf von der Pike auf gelernt hat und über die Liebe zu Büchern verfügt und dem Kunden Begeisterung nahe bringt. Wichtig ist ein Laden, der Atmosphäre hat. Das muss nicht die Größe sein. Herz und Verstand müssen sich auch in der Gestaltung des Ladens zeigen.

Wochenblatt: Gab es in den 60ern Protestliteratur, verlangten Kunden die Mao- Bibel oder das Kapital?
Michael Greuter:
Ja, selbstverständlich. Buchhandel muss das in einer Demokratie anbieten. Der Buchhändler kann selbst bestimmen, aber er wird sich nach dem Markt richten. Greuter hat nie ein Geschäft gemacht mit Pornografie, obwohl das damals »in« war. Und es gab zu keiner Zeit rechtslastige Literatur.

Wochenblatt: Wird heute weniger gelesen als vor 30 oder 40 Jahren?
Christoph Greuter:
Wenn man den Durchschnittsbürger anschaut, wahrscheinlich ja. Zeit wird mehr mit anderen Medien verbracht. Fernsehen oder Internet. Aber der Bedarf an Literatur ist immer noch da.

Wochenblatt: Wie wird sich Lesen und der Umgang mit Büchern in den nächsten Jahren entwickeln, gibt es Trends?
Christoph Greuter:
Die Medienvielfalt wird sicherlich größer. Der Buchhandel hat reagiert. Man handelt nicht nur mit Büchern, sondern mit allen möglichen Medien, MP3-Hörbüchern oder anderem.

Wochenblatt: Wird der Markt bestimmt von Harry Potter oder Autoren wie Gaby Hauptmann, fragen die Kunden nach Tipps?
Christoph Greuter:
Das, was auf den Bestsellerlisten ist, sorgt für Umsatz. Aber es macht nicht die Breite des Angebots aus. Es gibt eine ungeheure Vielfalt und immer wieder kleine Verlage, die mit gewagten Projekten und Autoren am Markt sind. Zum Glück gibt es diese Vielfalt. Keine Buchhandlung kann die ganze Breite abdecken, aber sie ist verfügbar. Wir können über Nacht 4.000 verschiedene Buchtitel bestellen.

Wochenblatt: Was war in den 60ern und 70ern gefragt?
Michael Greuter
: 1959 auf der Buchhändler- Schule in Köln war Heinrich Böll groß im Gespräch. Jeder hat die Literatur damals verschlungen. Böll war ein kleiner Revolutionär. Rowohlt hatte damals die einfache Literatur aus den USA verlegt. Johannes Mario Simmel selbstverständlich war gefragt.

Wochenblatt: Was muss der zeitgemäße Buchhändler bieten?
Christoph Greuter:
Angebot und Atmosphäre müssen stimmen. Buchhandlungen sind auch Treffpunkte. Michael Greuter: Früher hat man sich gerade an Weihnachten hier bei uns getroffen. Viele junge Leute und Studenten. Wichtig sind unsere Veranstaltungen.

Wochenblatt: Was lesen Sie momentan?
Christoph Greuter:
Ich lese Max Goldt. Michael Greuter: Ich lese Andrea de Carlo »Wenn der Wind dreht«.

Johannes Fröhlich

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 


Hier war einst die Buchhandlung Greuter zuhause, in der Singener Ekkehardstraße swb-Bild: Greuter