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 Die Jugend hat Zukunft

Porträt: Walter Riester, Arbeitsminister

Genau alt wie die Wochenblatt ist das DGB Jugendcamp bei Markelfingen. Es konnte im Juni seinen 40. Geburtstag feiern und eine beeindruckende Bilanz der gewerkschaftlichen Jugendarbeit am Bodensee ziehen. Mit diesem Jugendcamp verbunden ist der ehemalige Arbeitsminister Riester, der hier trotz seines Führungsjobs auch wirkliche Basisarbeit geleistet hat:


Walter Riester zu Gast am Bodensee. swb-Bild: frö

Frage: Herr Riester, stimmt es, dass Sie hier im Camp die Fliesen gelegt haben?
Walter Riester:
...lacht....Ja, daran kann ich mich gut erinnern. Damals hat der Südwestfunk darüber berichtet.

Frage: Das war schon etwas Besonderes, ein Bundesminister, der einen Handwerksberuf erlernt hat...
Walter Riester:
Ich bin sehr zufrieden mit meinem Beruf. Ich habe mit 14 Jahren meine Lehre als Fliesenleger angefangen. Meine Meisterprüfung habe ich in Konstanz gemacht. Mit dem Beruf bin ich immer noch verbunden. Ich arbeite ab und zu bei Verwandten. Man sieht abends ganz konkret, was man geleistet hat...

Frage: Sie können auch Mosaik legen...
Riester:
Ja, das habe ich auch am Bodensee gelernt. Der Bildhauer Bertold Müller- Ehringhausen hatte eine Mosaikwerkstatt, bei dem habe ich Mosaizist gelernt.

Frage: Welchen Stellenwert hat das Camp heute noch für Sie?
Riester:
Einen ganz, ganz wichtigen. Das war der Start meiner Arbeit in der Gewerkschaft, als ich als Fliesenleger aufgehört habe. Dazwischen habe ich noch kurz studiert, dann habe ich als Jugendbildungsreferent in Tuttlingen angefangen. 1970 kam ich hier runter ins Camp. Ich habe dort nicht nur viel erfahren, sondern auch viel gelernt. Damals war eine andere Zeit. Die Studentenbewegung war angesagt. Wir waren in einer euphorischen Aufbruchstimmung, das Camp wurde damals sehr autoritär geführt. Ich war von Frankfurt und der Studentenbewegung her ganz anders strukturiert. Damals wurden die Zelte abends mit der Taschenlampe kontrolliert. In einem Camp treten immer Konflikte auf, das ist klar. Denen muss man auch Raum geben. Schon in Grenzen, aber die waren weiter gesetzt, wie das meine Vorgänger gesehen haben. Als ich kam, war das ein Stück Kulturbruch. Ich habe das Camp sieben Jahre geleitet. Und mit geprägt.

Frage: Wie ist die Problemstellung heute, ist die Jugend unpolitischer geworden?
Riester:
Ich weiß nicht, ob man das so sagen kann. Die Zeit, über die wir sprechen, lag in der Mitte einer Etappe unserer Bundesrepublik. Im Kern ging es immer aufwärts. Damals in den 70ern waren schon die ersten Brüche.

Frage: Was waren Ihre Schwerpunkte ‘68?
Riester:
Ich war sehr engagiert und hatte politisch andere Auffassungen als heute. Für mich war klar, dass die nächste Etappe der Sozialismus sein würde. Manches, was ich gesehen habe, habe ich in Frage gestellt. Für mich war die kapitalistische Ordnung eine Etappe. Heute sehe ich das ganz anders.

Frage: Der Spruch: Früher war alles anders, alles besser...kann die Jugend unsere Gesellschaft verantwortlich weiter führen?
Riester:
Allemal. Da bin ich ganz sicher. Meine beiden Söhne sind in eine Zeit hineingewachsen, in der eine große Unsicherheit da war. Man konnte sich nicht sicher sein, ob der hohe Standard zu halten sein würde. Heute ist die Angst größer geworden, dass der Wohlstand abbrechen könnte. In den 90ern ist die Arbeitslosigkeit sprunghaft gestiegen, die Themen waren andere. 1968 waren die Themen der Aufbruch der Jugend, die Frage des Sozialismus, Missstände in der Ausbildung. Die Jugend hat politische Inhalte des DGB in Frage gestellt.

Frage: Mit welchem Gefühl beschließt man die Rente mit 67?
Riester:
Ich bin überzeugt, dass das der richtige Schritt ist. Der Stand mit 67 wird im Jahr 2029 sein. Die Lebenserwartung der Menschen steigt weiter. Wir fangen mit diesem Schritt nicht einmal das ein, was als Lebenserwartung auf uns zukommt. Die Menschen empfangen länger Rente. Es war überfällig, da einen Schritt zu machen.

Frage: Ist die Riester-Rente ein gelungenes Modell?
Riester:
Heute auf jeden Fall. Ich hatte auch früher keine Sorgen darüber. Eine ergänzende Rente war und ist erforderlich. Blüm hat die fatale Lüge verbreitet, die Rente sei sicher. Das war eine Banalität. Die Menschen müssen mehr Rücklagen bilden. Wir erfüllen ein Stück weit den Traum, in Gesundheit älter zu werden.

Frage: Sie engagieren sich stark für Sozialarbeit....
Riester:
Ich bin einer der Abgeordneten, die den Bundestag im Europarat vertreten. Da gibt es die Menschenrechtskonvention und die Sozialcharta. Ich soll die Sozialcharta erneuern. Daran habe ich zwei Jahre gearbeitet. Der Ausschuss hat das angenommen. Ich arbeite auch mit am Aufbau eines Sozialsystems in China. Ein Riesenprojekt.

Johannes Fröhlich