Porträt:
Wolfgang Reuther, Narrenrichter in Stockach
Da
sind die Großen ganz klein. Jedes Jahr am »Schmotzigen
Dunschdig« muss ein Politiker vor die Schranken des »Hohen
Grobgünstigen Narrengerichts« in Stockach treten und
sich verteidigen. Menschen wie die heutige Bundeskanzlerin Angela
Merkel, der Ex-Vorzeige-Grüne Joschka Fischer oder in diesem
Jahr Ministerpräsident Günther H. Oettinger standen
dem Gericht Rede und Antwort. Ein grobgünstiges Gespräch
mit Narrenrichter Wolfgang Reuther.

Der
Chef der Stockacher Narren: Wolfgang Reuther. swb-Bild: Weiß
Frage:
Was hat sich in den letzten vier Jahrzehnten
in der Stockacher Fasnet und dem Ablauf der Gerichtsverhandlung
verändert?
Wolfgang Reuther: Im Grundsatz hat sich nichts geändert.
Es sind ein paar Bälle weggefallen, dafür sind neue
Veranstaltungen hinzugekommen. Wir versuchen jetzt auch mehr,
die jüngeren Leute, den »Narrensamen«, anzusprechen.
Vor 40 Jahren liefen die Leute noch den Narren hinterher, heute
müssen die Narren fast den Leuten hinterherlaufen. Denn es
gibt außer der Fasnet noch viele andere Angebote. Darum
muss die Brauchtumspflege zielgruppengerecht erfolgen. Der Ablauf
der Gerichtsverhandlung hat sich nicht verändert.
Frage:
Immerhin hat es 2005 bei der Verhandlung
gegen den saarländischen Ministerpräsidenten Peter Müller
zum ersten Mal in der Geschichte des Narrengerichts einen Freispruch
gegeben. Wird sich das wiederholen?
Wolfgang Reuther: Das hängt vom Beklagten und seiner
Schuld ab. Wir wollen flexibel bleiben. Es ist langweilig, wenn
man schon vorher weiß, dass der Beklagte schuldig ist. Ich
möchte nicht in ausgetretenen Spuren fahren, auch Narren
sollten für Überraschungen gut sein. Unser Anspruch,
grobgünstig zu sein, lässt sich schwer mit vorgefertigten
Urteilen verbinden. Doch Diskussionen hat der Freispruch damals
schon ausgelöst.
Frage:
Nach welchen Kriterien wird der Beklagte
ausgewählt?
Wolfgang Reuther: Er sollte etwas auf dem Kerbholz haben
und populär sein. Am besten ist es, wenn er aktuelle Freveltaten
begangen hat. Doch leider überschlagen sich in der Politik
die Skandale und Schlagzeilen. Die Termine mit den Beklagten werden
im Herbst gemacht, da kann sich bis zur Verhandlung am »Schmotzigen
Dunschdig« noch viel ändern.
Frage:
In den letzten Jahren waren mit Peter Müller,
Friedrich Merz, Franz Josef Jung und Günter Oettinger nur
CDU-Politker als Beklagte geladen. Ist die Verhandlung damit nicht
zu unionslastig?
Wolfgang Reuther: Wir haben uns bemüht, auch an
die Vertreter anderer Parteien heran zukommen. Doch das war schwierig.
Vielleicht ist die SPD ja auch humorloser als die CDU. Jedenfalls
kommen wir schwerer an die »Sozis« ran. Wir haben
bei den Sozialdemokraten auch weniger Fürsprecher auf höherer
Ebene. Und bei einer Ladung von Vertretern der äußersten
Linken wie Oskar Lafontaine oder Gregor Gysi wäre es im Jahr
darauf schwieriger, andere Politiker für einen Auftritt vor
Gericht zu bekommen. Die Linken gelten oft als Parias. Damit muss
man sensibel umgehen.
Frage:
Die Anwesenheit des Fernsehens hängt
immer vom Beklagten ab. Vor einem Jahr hat das Dritte beispielsweise
nicht über den Auftritt von Verteidigungsminister Franz Josef
Jung berichtet, weil er zu unbekannt sei. Störte Sie das?
Wolfgang Reuther: Das Fernsehen legt Wert auf hohe Einschaltquoten,
und es will Menschen, die hier eine regionale Präsenz besitzen.
Damals war der Verteidigungsminister erst kurz im Amt und daher
noch wenig bekannt. Heute wäre das wohl anders. Doch die
Entscheidung des Fernsehens haben wir zu respektieren. Außerdem
lassen wir uns den Beschluss, welchen Beklagten wir vorladen,
nicht aus der Hand nehmen. Wir sind auch nicht traurig, wenn das
Fernsehen einmal nicht kommt.
Frage:
Was bringt das Narrengericht für Stockach?
Wolfgang Reuther: Die Gerichtsverhandlungen haben den
Namen Stockachs in die Welt hinaus getragen. Sie haben Stockach
und die Fasnet über regionale Grenzen hinweg bekannt gemacht.
Es wurde sogar in einer brasilianischen Zeitung ein Artikel über
die Stockacher Fasnet veröffentlicht. So wird Stockach auch
zum Werbeartikel.
Die
Fragen stellte Simone Weiß
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