Porträt:
Peter Lenk, frei schaffender Künstler
Er
ist 60 Jahre alt geworden, das WOCHENBLATT wurde 40 Jahre alt.
Peter Lenk, Bildhauer und frei schaffender Künstler in Bodman,
hat also zwei Jahrzehnte Vorsprung. 1967, im Gründungsjahr
des WOCHENBLATTs, studierte er Kunst und Kunstgeschichte an der
Stuttgarter Kunstakademie. Doch das »kunstgeschichtliche
Geschwätz« ging ihm auf den Wecker. Er kümmerte
sich lieber um praktische Dinge, zum Beispiel »die jungen
Damen in der Töpferei« Die hübscheste und frechste,
die ihm bis heute bei der Arbeit hilft, hat ihn geheiratet, weil
ihm Graf Bodman sonst nicht das Haus hätte vermieten können.
Damals gab es ja noch den »Kuppeleiparagraphen«. Doch
der »Vater der Imperia« in Konstanz kann noch mehr
erzählen über sechs Jahrzehnte Peter Lenk und vier Jahrzehnte
WOCHENBLATT.

Der
Bodmaner Künstler Peter Lenk hat auch WOCHENBLATT-Chefredakteur
Hans Paul Lichtwald dargestellt.
Frage: Konnten Sie nach Ihrem Studium
von Ihrer Kunst leben?
Peter Lenk: Das war völlig ausgeschlossen. Ich hätte
nie gedacht, dass ich einmal auch nur eine Arbeit verkaufen würde.
Das pietistische Stuttgart hatte mit Sinnlichkeit nichts am Hut.
Also ging ich ins katholische Baden. Dort kann man beichten, also
darf man auch sündigen. Aber ich war in verschiedenen Berufen
beispielsweise als Zirkusbeleuchter, Seebaggerfahrer, Töpfer
und Lehrer am Stockacher Nellenburg-Gymnasium tätig. Eine
Saison lang habe ich sogar am Konstanzer Theater in den »Lustigen
Weibern von Windsor« mitgespielt. Aufträge für
Skulpturen bekam ich aber keine. Das begann erst 1991, nachdem
ich den »Laubebrunnen« in Konstanz gemacht hatte.
Vor 20 Jahren hatte mir das WOCHENBLATT übrigens vorgeworfen,
ich sei zu »sexbetont «. Dem damaligen Redakteur Peter
Voncken schlug ich daraufhin vor, eine bestrapste Thailänderin
in der Innenstadt aufzustellen, umkreist von lüsternen Erdferkeln.
Auf den Sockel sollten diverse Sexanzeigen geklebt werden wie
»Frische Ware aus Fernost eingetroffen«. Kulturamtsleiter
Dr. Frei war begeistert, hatte aber Bedenken, dass Zuhälter
das Kulturamt verwüsten.
Frage:
Nun ja, Ihre Skulpturen fallen ja nicht gerade durch zuviel Kleidung
auf. Erregte diese Art der Darstellung vor 40 Jahren noch mehr
Anstoß als heute?
Peter Lenk: Sicher. Damals zum Ende der Adenauer-Ära
waren die Menschen noch prüder und durch das Fernsehen noch
nicht so abgebrüht. Heute ist ein nackter Körper nicht
mehr so anrüchig wie damals. Es ist ruhiger geworden. Vor
Jahren wollte sich noch eine Beuys-Schülerin aus Protest
nackt an die alte Nixe am Überlinger Brunnen ketten. Leider
hat sie es dann doch mit der Angst bekommen. Schade! Beuys hätte
die Aktion gefallen und meine Schwiegermutter, eine Ärztin,
die für die Oma-Nixe Modell stand, wäre amüsiert
gewesen. Das passiert heute nicht mehr. Aber ich mache auch keine
obszönen Sachen, sondern sinnliche Dinge. Der Bildhauer arbeitet
eben schon immer mit dem nackten Körper. Und meine Figuren
stiften sogar Ehen. Die Leute stehen vor meinen Brunnen, unterhalten
sich, diskutieren, streiten darüber, kommen so ins Gespräch
und lernen sich kennen.
Frage:
Sicher, die Gesellschaft ist abgebrühter
geworden. Warum können Ihre Figuren dennoch so stark provozieren?
Peter Lenk: Ich provoziere nicht, ich wecke Interesse.
Die Sachen sind handwerklich möglichst sorgfältig gemacht
und stecken voller geschichtlicher Hintergründe. Die Nacktheit
und die Gestaltung der Figuren werfen Fragen auf. Das ist für
manche vielleicht interessanter, als wenn jemand Eisenstangen
verbiegt oder Straßenschilder in eine riesige Vase steckt.
Aber nichts gegen Kollegen. Jeder hat eine andere Botschaft.
Frage:
Sie haben ja auch schon Hans-Paul Lichtwald,
den Chefredakteur des Singener WOCHENBLATTs, dargestellt.
Peter Lenk: Ja, er hatte geschrieben: »Lenk hat
in Singen keine Akzeptanz«. Also machte ich etwas, das in
Singen wenigstens für ihn eine Akzeptanz hat: eine Figur
von Hans-Paul Lichtwald. Denn er verkörpert doch die Dynamik
und den Optimismus des Singener WOCHENBLATTs. Ich habe die Figur
auch schon zwei Mal an Liebhaberinnen verkauft. Und Hans-Paul
Lichtwald war neben Edzard Reuter und Graf Lennart Bernadotte
einer der wenigen, die die Darstellung mit Humor genommen haben.
Frage:
Wie hat sich der Kunstbetrieb in den letzten
vier Jahrzehnten verändert?
Peter Lenk: Die Kunst wird immer mehr zensiert und entwickelt
sich immer mehr zur Mode. Das Drumherum wird wichtiger, und das
meiste Geld fließt in die Museen. Es entstehen jährlich
250 neue Museen, die müssen alle unterhalten werden. Die
freien Künstler werden durch Kuratoren verdrängt, stand
neulich in der »Zeit«.
Die
Fragen stellte Simone Weiß
|


|