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 Weihnachten beginnt für ihn im Knast

Porträt: Dr. Walter Steger, Zahnarzt der Gefangenen

Seinen Beruf würde er wieder ergreifen, sagt der Singener Zahnarzt Dr. Walter Steger im Gespräch mit dem WOCHENBLATT, denn das Handwerkliche lag ihm seit seiner Kindheit auf der Insel im alten Singener Dorf im Blut. Aber die Bürokratie! Die Reglementierung ärgert den Mann aus altem liberalem Urgestein fast tagtäglich. Wie das Gesundheitssystem funktioniert, weiß Dr. Steger ganz genau, denn er hat sich stets engagiert. Acht Jahre saß er am Vorstandstisch der Kammer, vier Jahre diente er in der zahnkassenärztlichen Vereinigung und über zehn Jahre war er Gutachter. Dass ein Mediziner soziale Verantwortung trägt, ist für ihn selbstverständlich. So betreut Dr. Steger seit über 25 Jahren die Gefangenen in der Singener Vollzugsanstalt.


Dr. Walter Steger liebt die schönen Dinge im Leben, so seinen Garten. Und seit 25 Jahren
ist er Mitglied im Club kochender Männer. Seinen Beruf als Zahnarzt liebt er, weil er den
Menschen helfen kann, selbst den Senioren im Knast. swb-Bild: li

Sie kommen begleitet von zwei uniformierten Vollzugsbeamten zu ihm in die Praxis an der Ecke Scheffelstraße / Hegaustraße. Dass er wieder in Aktion ist, erkennt man beim Vorbeifahren, denn an den Straßenrand gedrückt wartet die kleine »grüne Minna« auf die Rückfahrt. Ergreifend und erbauend ist für ihn die Weihnachtsfeier in der Vollzugsanstalt - und das seit 25 Jahren. Ja, da fange für ihn Weihnachten einfach an - im Knast. An einen Gottesdienst erinnert er sich besonders. Da stimmte der Pfarrer das Lied an »Macht hoch die Tür, die Tor macht weit«. Die Gefangenen nahmen die Aussage wörtlich und lachten von ganzem Herzen.

Näheren Kontakt hatte Dr. Steger mit sehr unterschiedlichen Insassen im Singener Seniorenknast. Der berühmtberüchtigte Gestapo-Müller saß lebenslänglich hier ein. Sein Wirken in der NS-Zeit wurde mit der Wannsee-Konferenz später verfilmt. Der Arzt sieht sich auch als eine Art Seelsorger: Für manchen Gefangenen war er schon eine Art Beichtvater.

Walter Steger, der im kommenden Jahr in den Ruhestand gehen wird und schon einen Nachfolger für die Praxis hat, ist auf der Insel in der Nachbarschaft zur »Färbe « aufgewachsen. Handwerker prägten seine Kindheit: Schreiner, Schmied, Seiler und Küfer gab es hier. Und durch den nahen Schlachthof war er auch mit den anderen Seiten des Lebens vertraut.

Die Kinder erlebten eine bewegte Zeit: Die Hauptstraße war die Grenze zwischen den Revieren. Und der kleine Walter tollte mit seinen Freunden quer über die Schanz. Für ihn änderte sich das bald, denn sein Weg führte zur Ekkehardschule und dann zum Gymnasium. Entdeckt hatten die jungen Burschen den Garten hinter der Hepp-Villa in der Erzbergersraße, dem heutigen »La Villa«. Da spielten sie Indianer und Banditen, entfachten Feuer und hatten ihre eigene Abenteuerwelt. Das Abitur machte Walter Steger dann im Internat in Sasbach, ging zur Bundeswehr und studierte Zahnmedizin in Freiburg, wo er später auch vier Jahre am Klinikum praktizierte. Ein anderer Berufstraum war zwischenzeitlich aufgeflackert: Pilot. Doch mit seiner Brille war das nicht machbar. Singen war eigentlich nicht eingeplant in seiner beruflichen Laufbahn, bis ihn Dr. Schroer Mitte der 70ger Jahre ansprach: Beim Cafe Maurer werde neu gebaut, da kämen auch Praxen hinein. Das wäre doch eine Chance für ihn, sich in Singen niederzulassen, 1976 konnte Dr. Walter Steger dort seine Praxis eröffnen. In seinem Beruf habe sich viel geändert: Vom Dentisten über den Zahnarzt bis hin zum Zahnkosmetiker reiche die Entwicklung. Die Kieferorthopädie steckte damals noch in den Kinderschuhen. Dr. Knittel war damals in der Scheffelstraße in Singen Wegbereiter.

Später kamen die Implantate, seit 15 Jahren baut auch Dr. Steger die Zahnkonstruktionen darauf. Hatte die Kriegsgeneration meist Vollprothesen nach Mangelerscheinungen und harten Zeiten, so sehe er selbst heute keine Karies-Gebisse mehr. Die Floridierung der Zahnpasten habe geholfen, die Essgewohnten hätten den Rest bewirkt. Auf den Zuckerkonsum werde vor allem mehr geachtet, sagte Dr. Steger. Er selbst sei über die Wirkungen von Kindertees oft erschrocken gewesen! So sieht der Mediziner eine positive Entwicklung in seinem Fachbereich und in der Gesellschaft. Und: Die Eltern schauen bei ihren Kindern besser nach.

Hans Paul Lichtwald