Porträt:
Dr. Karl-Heinz Wiemert
Als
am 13. August 1961 die Berliner Mauer gebaut wurde, machte Karl-Heinz
Wiemert mit seiner Verlobten Gabi Urlaub an der Ostsee. Die Ostberliner
erlebten aus der Ferne einen Vorgang, der ihr Leben radikal verändern
sollte. Beide waren mit der Ausbildung noch nicht fertig –
und seine Universität lag in Westberlin! Beide pendelten
jeden Tag in den Westen, sie als angehende Medizinisch Technische
Assistentin. Der angehende Arzt kurz vor dem Examen und die Pfarrerstochter,
das war damals eine existentielle Katastrophe. Das SED-Regime
bot ihm an, sich ein Jahr lang in der Produktion als Arbeiter
zu bewähren. Darauf wollten sie sich nicht einlassen. Weil
sie aber eingebettet waren in das Netz der evangelischen Kirche,
wurde ihnen geholfen: Mit einem amerikanischen Pass für ihn
und einem schwedischen für sie überquerten sie den Bahnhof
Friedrichstraße. Er erinnert sich: er wurde blondiert und
bekam einen Bart angeklebt. Doch sie fühlten sich in der
damaligen Krise mitten im Kalten Krieg auch in Westberlin nicht
mehr sicher.

Dr.
Karl-Heinz Wiemert wurde als Internist im Singener Süden
glücklich. 32 Jahre behandelte
er seine Patienten, ohne einen Tag krank zu sein. swb-Bild: li
Über
die Flüchtlingslager Ülzen (sie) und Friedberg (er)
kamen sie schließlich über kirchliche Kontakte an den
Bodensee. In Freiburg konnte Wiemert fertigstudieren und bereits
im Oktober 1962 stand das frischvermählte Paar in Singen.
Hier standen ihnen die Türen offen. Der Pathologe Professor
Dr. Heinz Rübsaamen sprach für die Qualität von
Singen, weil er der einzige weit und breit war. Und Professor
Mallebrein ebnete ihm wie weitere Chefärzte dieser Zeit den
Weg zur eigenen Praxis als Internist in Singen.
1971
war das im Neubau der Zwillinge Romulus und Remus möglich.
Dr. Wiemert war als erster Facharzt in Singen in den Süden
gezogen. Das war ein Stück Revolution. Für Dr. Wiemert
war aber schon der Name Berliner Platz ein Stück Heimat.
„Wir waren hier schnell zu Hause“, sagt der Mediziner,
der im Ruhestand lebt, im Rückblick. So wurde der Kirchenchor
der Lutherkirche unter der Leitung von Ursula Kern in den 60er
Jahren ihre erste Heimat in Singen. Singen sei eben eine ausgesprochen
offene Stadt gewesen. Die Offenheit hatte er auch im Krankenhaus
erlebt. Als er, der keine Kontakte hier hatte, noch eine Zusatzausbildung
in der Gynäkologie gebraucht habe, habe er die Stelle bekommen,
obwohl der Sohn eines bereits niedergelassenen Arztes sich dafür
auch beworben habe.
Durch
die Bauskandale rund um den Bau der Hochhäuser konnte Dr.
Wiemert erst ein Jahr verspätet einziehen, obwohl er schon
vorher gekündigt hatte. Auch da kam ihm die Klinik entgegen.
Seine Kirchenchorfreunde halfen beim Einzug. Wasser im Keller,
Kloschüsseln für das ganze Haus im Treppenhaus vor seiner
Praxis. Der Weg war wahrlich steinig. Doch ab dem ersten Tag kamen
die Patienten. Das eigene Röntgengerät war damals eine
Rarität. Blutuntersuchungen machte er im eigenen Labor: Der
ganze klinische Hintergrund war spürbar.
Dr.
Wiemert hat gerne im Singener Süden praktiziert: 32 Jahre
sollten es werden. Der gebürtige Ostberliner, der im Westen
einst sein Abitur nachmachen musste, bevor er Medizin studieren
durfte, hatte von vornherein keine Berührungsängste.
Im Gegenteil: Er hatte sich die schmucken Eigenheime der vielen
Heimatvertriebenen hier angeschaut, ihre gepflegten Gärten
gesehen. Und in den Wohnblöcken, selbst im Langenrain, beeindruckte
ihn immer wieder die Solidarität der Menschen. Da wurde er
angesprochen, er möge doch einmal nach dem Nachbarn sehen,
den habe man schon länger nicht mehr gesehen.
Für
ihn ist der Mensch gleich geblieben. Deutlich wurde ihm, wie gerade
Mitarbeiter aus den Großbetrieben bei Krisen unter bestimmten
Krankheiten verstärkt litten. Er habe „krankmachende
Dinge“ erlebt, sagt er; unterschiedliche Krankheiten je
nachdem, ob einer leitend tätig oder ganz einfacher Arbeiter
war. Das erste Mal war es die GF, die Alu folgte. Das Jammerlied
über die Bürokratisierung im Gesundheitswesen stimmt
der hervorragende Tenor nicht an: In den 70er Jahren habe man
die Praxis einmal im Quartal schließen müssen, um die
ganzen Krankenscheine zu zählen. Das werde gerne in der Erinnerung
vergessen.
Hans
Paul Lichtwald
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