Porträt:
Aufgaben- und Imagewandel der Wohlfahrtsverbände
»Im
internationalen Vergleich ist Deutschland ein unglaublich reiches
Land, was zum Beispiel die Gesundheitsfürsorge betrifft.
Aber aus der Sicht derer, die hier leben, sicherlich nicht«,
definiert Gunter Hamburger die eine Seite des Begriffs »Wohlstandsstaat«.
Aus dem Reichtum ergebe sich für die Diakonie eine Verpflichtung
zu helfen, »wenn es gewollt wird«, folgert der Geschäftsführer
des Diakonischen Werks in Radolfzell. Als Beispiel nennt er die
Aktion »Brot für die Welt«. Die andere Seite
kreist um die Frage, wie der Wohlstand in Deutschland verteilt
ist. »Wir haben eine zunehmende Ungleichheit mit einer rasanten
Entwicklung von Armut«, so Hamburger. Damit meint er die
»relative Armut: Wenn jemand weniger hat, als in seiner
Schicht üblich ist. Armut und Reichtum beziehen sich aber
nicht nur auf materielle Dinge, sondern auch, wenn »Verwirklichungschancen«
nicht gegeben sind. »Wir sind ein Staat mit großen
Chancen, aber es gibt eine große Schere zwischen Arm und
Reich. Diese Situation gab es vor 30 Jahren noch nicht, wohl schon
das Thema Jugendarbeitslosigkeit.

Gunter
Hamburger (56) ist seit 1991 Geschäftsführer des Diakonischen
Werks in
Radolfzell. Er hat die jahrzehntelange Entwicklung der Wohlfahrtsverbände
vom
Suppen-, Butter- und Kleiderverteiler bis zur heutigen professionellen
Einrichtung
mit staatlichen Aufgaben wie Schwangerschafts- und Schuldnerberatung
hautnah miterlebt. swb-Bild: pud 40
Dieses Problem hat stark zugenommen«, stellt Hamburger fest.
Schon damals gab es einen Verdrängungsprozess: Abiturienten
nahmen die klassischen Jobs von Realschülern, diese verdrängten
die Hauptschüler aus ihren angestammten Berufsfeldern. Die
Aufgabe eines Wohlfahrtsverbands bestehe darin, als Lobbyist für
Leute mit geringen Chancen auf politischer und sozialpolitischer
Ebene einzutreten, »aber auch darin, praktische Hilfe zu
leisten, zum Beispiel mit Ämtern und Institutionen zu verhandeln«,
sagt Hamburger. Seit acht Jahren läuft das Jugendarbeitslosenprojekt
als Teil des Projekts »Arbeit und Zukunft «.
Seit
dem vergangenen Jahr arbeitet die Diakonie zusammen mit dem Singener
Jobcenter am Projekt »Dreiklang «: ein Beschäftigungsprojekt
für Menschen mit einer Schwerbehinderung. »Es macht
mehr Sinn, Arbeit statt Arbeitslosigkeit zu finanzieren. Daher
bin ich ein Anhänger eines Grundeinkommens «, erklärt
Hamburger. Auch das Ansehen der Diakonie hat sich in 30 Jahren
sehr gewandelt. »Wir waren bekannt durch die Suppenküche
und das Verteilen von Butter und Kleidung. Heute sind wir eine
professionelle Einrichtung, die quasi die Aufgaben des Staates
erfüllt, weil er uns Vertrauen schenkt. Ich denke dabei an
die Schuldnerberatung oder die Schwangerschaftsberatung«,
so Hamburger.
Insbesondere
die »gute Arbeit vor Ort« habe zu einem guten Image
beigetragen. Dazu gehört für ihn die Kinderwohnung im
Radolfzeller »Brennpunkt« Schlesierstraße, die
es schon seit 30 Jahren gibt. Gerade sie ist modellhaft für
andere unter dem Stichwort Sozialraum geworden «, so Hamburger.
Vertrauen und gute Arbeit: Sie hängen für Hamburger
auch eng mit der finanziellen Entwicklung der Diakonie zusammen.
»Vor 30 Jahren lag der Anteil der Kirchensteuer bei 30 Prozent
und machte im Prinzip das gesamte Haushaltsvolumen aus. Inzwischen
hat die Kirchensteuer immer noch den selben Anteil, 70 Prozent
kommen aber in der Regel durch staatliche Gelder«. Darin
sieht er aber keine Abhängigkeit, vielmehr einen Vorteil:
»Haushaltspläne sind transparenter«. Die Wertschätzung
der geleisteten Arbeit zeige sich auch im Spendenaufkommen. »Die
Leute sind bereit zu spenden, wenn sie selbst sehen, wo vor Ort
das Geld verwendet wird«.
Auf
einer erst kürzlich beendeten Studienreise durch ländliche
Bereiche Ungarns, Rumäniens und in der Ukraine hat Hamburger
Ideen gewonnen, wie internationale Erfahrungen lokal umgesetzt
werden könnten. Große Probleme hätte das junge
EU-Land Rumänien durch die »übergestülpten
Segnungen des Kapitalismus«. Es gäbe westliche Banken,
doch die Leute hätten kein Geld, kämen aber sehr gut
an Kredite ran und verschuldeten sich. »Es gibt kein Wort
für Kreditwürdigkeit im Rumänischen, keine Schuldnerberatung.
Dies könnten zum Beispiel rumänische Sozialarbeiter
bei uns lernen, deutsche Sozialarbeiter dagegen einiges über
diese Mentalität der Rumänen«, so Hamburger.
Rainer
Pudwill
|


|