Porträt:
Prof. Gerhard Thielcke, BUND
Fragt
man Prof. Gerhard Thielcke (76) nach seinem »Aha-Erlebnis«
in Sachen Naturschutz, nennt er den unerlaubten Kahlschlag von
Erlen im Naturschutzgebiet Mindelsee 1968. Die Erlen seien kornfaul,
hieß es von amtlicher Seite. »Doch dies traf nur auf
drei von 100 Bäumen zu. Graf Bodman erhielt eine Geldbuße
von 120 Mark«, erinnert sich der Ehrenvorsitzende des Bunds
für Umwelt und Naturschutz Deutschland BUND genau.
Zwei
Jahre später gründete er die »AG Naturschutz Bodensee«.
»Unser erstes Thema war der Eingriff in das Naturschutzgebiet
Wollmatinger Ried. Der damalige Bürgermeister Dr. Werner
Dierks drohte uns, kein Geld mehr zu geben. Wir hatten nie welches
bekommen«, lacht. »Es war das Verdienst von Thielcke
zu erkennen, dass man als Naturschützer auch auf die Politik
einwirken muss. Nicht Partei sein, aber Partei ergreifen«,
lobt Wolfgang Friedrich, Hauptgeschäftsführer des BUND-Landesverbands
Baden-Württemberg. Getreu dem Motto ging man erfolgreich
gegen den im Mooser Naturschutzgebiet angelegten Parkplatz und
gegen die geplante Straßenverbreiterung im Radolfzeller
Aachried vor. »Auf die eingelegte Dienstaufsichtsbeschwerde
gegen den zuständigen Bearbeiter antwortete das Ministerium,
dass diese zu Recht bestehe. Man werde aber keine Maßnahmen
einleiten, da er bald in Pension gehe«, berichtet Thielcke.
»Die wichtige Erkenntnis daraus lautete: Wer verstößt,
bekommt Ärger. Wer aufpasst, bekommt auch Ärger, aber
auch viele Freunde, sogar in der Verwaltung«, ergänzt
Friedrich.
Mit
dem ehemaligen Landrat Dr. Robert Maus hatte Thielcke so manchen
Strauß ausgefochten. »Ihn fragte ich, warum Gemeinden
wachsen müssen. Er beendete abrupt das Gespräch. Später
schrieb er mir, dass er keine inquisitorischen Fragen beantworte«,
sagt Thielcke. Daraufhin veröffentlichte Thielcke die Gehälter
der Bürgermeister im Landkreis. »Anfangs wurden wir
belächelt, doch wir hatten das Thema exklusiv, vor allem
ab den Ölschock 1973«, weiß Friedrich. Dies schlug
sich auch in der Gründung von Verbänden und Institutionen
wie des BUND und des Radolfzeller Umweltamts nieder. Der BUND
entstand aus der Erfahrung mit der ÇAG Naturschutz«,
dass zwar die Vorstände mitzogen, das ÇFußvolk’
aber nicht«, so Friedrich. »Es war das große
Verdienst von Schuster und Thielcke, die beide in der Biologie
fußten, die politische Dimension des Natur- und Umweltschutzes
erkannt zu haben«, ergänzt Friedrich. »Zum Umweltamt
kam es, weil wir Seminare für ausländische Gäste
abhielten und dafür Offizielle zur Begrüßung einluden.
So sprach einmal der damalige OB Günter Neurohr von Radolfzell
als Umwelt-Hauptstadt. Dies griff ein SPIEGEL-Redakteur auf und
Neurohr kam daraufhin zu TV-Auftritten. Damit war das Eis gebrochen.
Danach ging ich mit Siegfried Schuster mit einem 14-Punkte-Umweltprogramm
zu ihm hin und er hat sofort 12 zugestimmt«, schmunzelt
Thielcke. Medien-Unterstützung hatten die Naturschützer
auch durch den »Schwarzwälder Boten«, in dem
sie jeden Donnerstag eine Rubrik mit freigewählten Themen
hatten. »Diese Ausgabe war die meistgelesene in den Verwaltungen«,
so Thielcke.
Eine
fruchtbare Zusammenarbeit zwischen Naturschutz und Verwaltung
entwickelte sich ab 1973 aus der Bedrohung des Mindelsees als
Schutzgebiet. »Daraus entstand die hauptamtliche Betreuung
durch den BUND im Auftrag des Regierungspräsidiums Freiburg«,
berichtet Mindelsee-Projektleiter Kai-Steffen Frank. Die Herausforderung
der Zukunft liegt für Thielcke, Friedrich und Frank im Klimawandel.
»Dramatische Veränderungen sind bereits in der Tierwelt
festzustellen. Den Waldlaubsänger gibt es nur in Norddeutschland.
Der ÇAllerweltsvogel’ Baumpieper ist am Bodensee
fast verschwunden «, so Thielcke. »Die Losung heißt:
Energie sparen, Energie effizienter nutzen, erneuerbare Energien
einsetzen. Schon 1976 thematisierten wir erstmals die Sonnenenergie.
Wir betrieben eine Rikscha mit Solarzellen in Sassbach. Heute
wird mit Solarenergie fünf Milliarden Euro Umsatz im Jahr
gemacht«, fügt Friedrich an. Als zukunftsweisende Projekte
nennt Frank die Bioenergiedörfer Mauenheim bei Engen und
in Lippertsreute sowie die Solaranlage auf der ehemaligen Mülldeponie
Rickelshausen. Positiv bilanziert Thielcke den jahrzehntelangen
Einsatz für Natur und Umwelt: »Früher kämpften
alle gegen alle. Seit 1990 gibt es Einsichten und Gemeinsamkeiten.
Immer mehr Flüsse sind naturnaher und man sieht wieder Streuobstwiesen.
Alles in allem hat sich die Arbeit sehr gelohnt«.
Rainer
Pudwill
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Prof.
Gerhard Thielcke, Ehrenvorsitzender des BUND, war einer der ersten,
der die politische Dimension des Natur- und Umweltschutzes, erkannt
hatte. Seine ersten Aktion war das Anprangern des unerlaubten
Erlenkahlschlags im Naturschutzgebiet Mindelsee 1968.
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