Porträt:
Siegfried Schuster - Naturschutzbund
Siegfried
Schuster (71) ist einer, der die Entwicklung des Naturschutzes,
vor allem am Bodensee, hautnah erlebt und maßgeblich mitgeprägt
hat. Der ehemalige Realschullehrer und Landesvorsitzende des Naturschutzbunds
Deutschlands NABU und jetzige Vorsitzende der neuen NABUGruppe
Bodanrück teilt die vergangenen vier Jahrzehnte aus Sicht
des Naturschutzes in drei Phasen ein: in die »Kampfphase«
von etwa 1970 bis 1985, in die folgende »Konsolidierungsphase«
bis etwa 2000 sowie in die momentane Phase des Umdenkens. Die
»entscheidende Wende« begann schon Ende 1960. »Gravierende
Gefahren« für die Artenvielfalt bestanden in der forcierten
Schiffbarmachung des Hochrheins mit der Stauung des Rheins bei
Stein am Rhein, der von der Landesregierung Baden-Württemberg
geplante unterirdische Stollen vom Bodensee ab Ludwigshafen bis
zum Neckar, um diesen schiffbar zu machen, in der angedachten
Brücke über den See von Konstanz nach Meersburg sowie
in der Bodanrück- Autobahn. »Dies ist der einzige Fall,
den Naturschützer verloren haben. Aber immerhin konnten wir
erreichen, dass unter anderem wegen des Verzichts auf die Standspur
weniger Flächen verschwendet wurden«, erinnert sich
Schuster. Ein großer Erfolg für den Naturschutz war
Schusters erster Antrag von 1967: die Anerkennung des Radolfzeller
Aachrieds als Naturschutzgebiet. »Zu meiner großen
Überraschung ging der Antrag in wenigen Wochen durch«,
meint Schuster im Rückblick. 35 Naturschutzgebiete im Landkreis
wurden in der Folge realisiert. Zwei wichtige Schritte passierten
1970: Zum einen fand der erste Europäische Naturschutztag
statt, an dem laut Schuster Gerhard Thielcke ganz entscheidend
beteiligt war.

Früher
war laut Siegfried Schuster (Bild) der Naturschutz eine Sache
von Leuten in Kniebundhosen, die Nistkästen aufstellten.
Der ehemalige NABU-Landesvorsitzende ist heute noch aktiv: in
der neuen NABU-Gruppe Bodanrück, in der fast ausschließlich
Rentner mitmachen.
Zum
anderen gründete Thielcke die »AG Naturschutz Bodensee«,
in der sich laut Schuster rund 18.000 Mitglieder aus 12 verschiedenen
Vereinen zusammenfanden. Der Grund zur Gründung war, dass
man mit dem Bund für Vogelschutz, dem ersten Naturschutzbund
überhaupt, nicht politisch vorgehen konnte. »Der Naturschutz
war bis dahin eine Beschäftigung für Leute in Kniebundhosen,
die gern wanderten und Nistkästen aufstellten«, so
Schuster. Kennzeichnend für die »Konsolidierungsphase
« war die weitgehende Anerkennung des Naturschutzes beim
Bürger und den Behörden. Ein gutes Beispiel ist für
ihn die Grundsteinlegung des Naturschutzzentrums Wollmatinger
Ried im April 1978. Dieses war das erste in Baden- Württemberg
und nicht staatliche überhaupt. Dadurch fühlte sich
die Politik »unter Zugzwang gesetzt«, Stellen auch
hauptamtlich zu besetzten. Naturschutz fand fortan auch Einzug
in die Universitäten. Der erste Lehrstuhl wurde an der Uni
Hannover eingerichtet. Die Konstanzer, Freiburger und die Tübinger
Hochschulen widmeten sich sehr stark der Biologie. Ein wichtiger
Punkt der Konsolidierung hing mit dem Geld zusammen. Durch den
Zuwachs an Mitgliedern und der Erhöhung der Beiträge
gelang eine gewisse finanzielle Absicherung. Doch auch diese ruhige
Periode vor etwa 20 Jahren und die heutige Zeit hatten ihre »Kämpfe«,
wie Schuster sich ausdrückt. Ein Beispiel ist der Hohentwiel
und seine Feste, die ursprünglich am Pfingsten stattfinden
sollten. »Da dies die Hochsaison für Brüter ist,
forderten wir den September. Als Kompromiss einigte man sich auf
den 15. Juli. Die Maßnahme zeigte Wirkung: Der Wanderfalke
und der Kohlkrabe siedelten wieder an«, berichtet Schuster.
»Seit 2000 muss der Naturschutz total umdenken, weil es
völlig neue Gegebenheiten gibt: den Klimawandel. Es gibt
keine Winter mehr, der Untersee friert nicht mehr zu, das Gras
und die Moose im Wald wachsen schneller «, hat Schuster
festgestellt. Hinzu komme der 50-prozentige Zuwachs des CO2- Ausstoßes.
Die Touristiker freuten sich zwar über eine verlängerte
Badesaison, doch die »Klimaanomalien« seien deutlich
spürbar: »Die Marienschlucht und die Dettelbachstraße
zum Beispiel müssen jedes Jahr geräumt werden. Die Obstplantagen
sind mit Hagelnetzen überzogen.« Bisher unbekannte
Gefährdungen tauchen nun am Bodensee auf, zum Beispiel der
Feuerbrand oder Ausschläge durch den Eichelprozessionsspinner.
»Die Energien der Zukunft heißen Windkraft, Wasserkraft
und Solarenergie«, ist Schuster überzeugt, wohl wissend,
dass er gerade bei den Windrädern auch auf Widerstand in
den eigenen Reihen stößt. »Wir müssen weg
vom Käseglocken-Denken. Das Ziel muss Biodiversität,
biologische Vielfalt heißen«. Schusters Fazit: »Es
geht nicht mehr um den einzelnen Luchs, sondern darum, dass die
Wiesen wieder bunt sind«.
Rainer
Pudwill
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