Porträt:
Solarkomplex, Bene Müller erzählt
Am
Ende des letzten Jahrtausends war der Begriff der Energiewende
geboren. Das hat eine lange Vorgeschichte, angefangen von den
Publikationen des damaligen »Club of Rome« über
die Ölkrise 1973 über weitere Teuerungswellen der fossilen
Energieträger bis zu der Erkenntnis, dass sich Deutschland
einen »Kohlepfennig« schlichtweg nicht mehr leisten
kann und die Klimaveränderungen nicht mehr wegzudiskutieren
waren. Die damalige Rot- Grüne Bundesregierung verabschiedete
in Korrespondenz zu ihrer Vision vom Ende der Kernkraftwerke gleich
zum Start ins neue Jahrtausend das Energieeinspeisungsgesetz,
das Strom aus regenerativen Energien einen Preis deutlich über
dem Marktniveau garantierte, im Hegau öffnete das einer Bürgerbewegung
Chancen. Heute ist die damals gegründete Bürgergesellschaft
»solarcomplex«, die sich im Sommer 2000 gründete
ein zukunftweisendes Wirtschaftsunternehmen aus Bürgerkapital
geworden, das sich vorgenommen hat, bis zum Jahr 2030 die viel
beschworene Energiewende so weit zu vollziehen, dass mehr als
50 Prozent des Stroms und der benötigen Heizenergie regenerativen
Ursprungs ist. Derzeit liegt diese Quote im Landkreis bei rund
5 Prozent. »solarcomplex«-Mitbegründer und Geschäftsführer
Bene Müller hier nun im Gespräch mit dem Wochenblatt.

Seit
2004 installiert »solarcomplex« Holzheizungen mit
Pellets und Hackschnitzeln im
Contracting. Im Bild die Einweihung der großen Heizanlage
der Ottilienquelle in
Randegg mit (von links) Clemens Fleischmann, Bürgermeister
Dr. Michael Klinger,
solarcomplex Geschäftsführer Bene Müller. swb-Bild:
of
Frage:
Herr Müller, Sie haben im Sommer 2000
die Bürgergesellschaft »solarcomplex « gegründet,
was war der Auslöser dafür?
Bene Müller: Es gab vor »solarcomplex«
eine Initiative, die nannte sich Singener Werkstätten, dort
haben sich erwachsene Menschen einmal die Woche getroffen und
miteinander diskutiert. Da ging es natürlich auch um Themen
wie den Klimawandel oder nachhaltige Recoursenpolitik. Und irgendwann
war der Punkt erreicht, wo die Leute gesagt haben »Wir reden
immer nur. Wir wissen so viel, lasst uns doch vom Reden ins Tun
kommen. Lasst und das, was wir da alles wissen, wenigstens ansatzweise
umsetzen.« Dann kam es zur Gründung von »solarcomplex«
mit der klaren Zielvorgabe, wir wollen hier versuchen die Energieversorgung
in unserer Region bis zum Jahr 2030 weitgehend auf erneuerbare
Energien umzustellen.
Frage:
Ich denke zurück an die Solarfeste
der 90er Jahre, die gerne als Exotenveranstaltungen belächelt
wurden. Wie wurde ein richtig funktionierendes Wirtschaftsunternehmen
daraus?
Müller: Zunächst denke ich hat sich der Zeitgeist
insgesamt deutlich gewandelt. Die Solarfeste waren kleine und
wahrscheinlich auch exotische Veranstaltungen, wo man versucht
hat mit dem Solarkocher die Welt zu revolutionieren. Das waren
eben die Anfänge. Wenn sich dann die politischen Rahmenbedingungen
verändern, wir haben ja seit April 2000 ein Gesetz für
erneuerbare Energien, dann kann man so etwas auch unternehmerisch
umsetzen. Auch die ersten Projekte von Solarcomplex waren noch
sehr bescheiden. Wir haben damals auf dem Dach des Friedrich-Wöhler-Gymnasium
in Singen 100.000 Euro investiert und wir haben ein halbes Jahr
gebraucht um dieses Geld einzusammeln in vielen kleinen Veranstaltungen.
Frage:
Sie haben mit der Kraft einer gewissen Naivität
damals angefangen. Hätten sie sich damals wirklich vorstellen
können, dass sie innerhalb von sieben Jahren zu einem Unternehmen
mit 500 Gesellschaftern und Aktieninhabern mit einem gezeichneten
Kapital von 4,7 Millionen Euro werden?
Müller: Das konnten wir gar nicht vorhersehen. Die
Gründungsgesellschafter haben aus einer Art innerer Stimme
heraus gehandelt und wollten vor sich selbst einfach glaubwürdig
bleiben. Bei jeder Unternehmensgründung muss man realistischerweise
auch das Scheitern sehen. Es hätte auch schief gehen können
- wir hätten dann zumindest sagen können, wir haben
es versucht. Wenn man sieht, dass Veränderungen stattfinden
müssen, dann wird man unglaubwürdig, wenn man immer
nur sagen würde »wir sollten« und probiert es
nicht.
Frage:
Was hat sich in der Gesellschaft verändert,
dadurch dass sie seit sieben Jahren für regenerative Energien
werben?
Müller: Wir stellen fest, dass dieses Thema quer
durch die politischen Parteien anerkannt und in der Mitte der
Gesellschaft angekommen ist. Wir haben ganz neue Mehrheiten. Wir
bekommen Zustimmung und Unterstützung von den Bürgermeistern
in der Region. In den Köpfen der Menschen hat ganz allgemein
ein Bewussteinswandel stattgefunden.
Frage:
gab es Rückschläge?
Müller: In der Anfangszeit neigten wir etwas zum
Größenwahn und wollten beliebig viele Projekte parallel
machen. Wir dachten sogar über den Aufbau einer Tankstellenkette
auf der Basis von Pflanzenöl nach und wollten auch Windkraftprojekte
machen. Es hat sich sehr schnell gezeigt, mit einer so kleinen
Mannschaft, wir sind heute 10 Mitarbeiter, ist es nicht möglich,
eine beliebige Anzahl von Projekten zu stemmen. Wenn man etwas
macht, muss man es vor allem gut machen. Wenn wir ein einziges
Projekt in den Sand setzen, kann es sein, dass das Thema für
Jahre verbrannt ist. Wir beschränken uns heute auf vier Geschäftsfelder
mit Solarstrom, moderner Holzenergie mit Pellets oder Hackschnitzeln,
Biogasanlagen und Wasserkraft. Dabei wird es auch bleiben. Man
bekommt im politischen Raum nicht immer Zustimmung, der Solarpark
Rickelshausen zwischendrin durchaus in schwierigem Fahrwasser,
weil die Kreisräte eine Art Generalopposition zu dem Projekt
entwickelt haben. Was uns auszeichnet, ist dass wir bis heute
kein einziges Projekt in den Sand gesetzt haben. Alle Projekte,
die wir realisiert haben, funktionieren auch wirtschaftlich erfolgreich.
Die Renditen, die wir den Bürgern versprochen haben, waren
immer konservativ berechnet.
Frage:
wie hoch ist der Anteil erneuerbarer Energien
im Landkreis Konstanz?
Müller: man muss sagen, dass wir nach vor hier in
einem sehr bescheidenen Umfang agieren. Was uns in der Region
hier fehlt, ist der Anteil der Windkraft denn es gibt bislang
keine Anlage. Wir haben im bundesweiten Strommix einen Anteil
von 12 Prozent aus erneuerbaren Energien, davon macht die Windenergie
die Hälfte aus. Wir haben hier den durchschnittlichen Anteil
von 5 bis 6 Prozent anderer erneuerbarer Energien. Ich hoffe,
dass ich das noch erlebe, dass wir in ein paar Jahren hier einen
kleinen Windpark haben.
Frage:
wenn bis zum Jahr 2030 der Energiebedarf
mehrheitlich aus erneuerbaren Energien kommen soll, sind dafür
gewaltige Flächen notwendig. Wie soll das bewerkstelligt
werden?
Müller: Wie es sich in letzter Konsequenz bewerkstelligen
lässt, wissen wir heute nicht. Wir denken etwa drei bis fünf
Jahre voraus Wir haben jetzt klare Projekte für 2007/08,
nämlich das zweite Bioenergiedorf in Lippertsreute nach dem
Vorbild von Mauenheim, und wollen dann pro Jahr ein Bioenergiedorf
realisieren, wir werden nach dem Solarpark Rickelshausen nun den
nächsten Solarpark auf der ehemaligen Deponie Langenried
bei Singen realisieren, wir haben für 2008 eine weitere große
Grundstücksfläche in Radolfzell in Aussicht. Ob es wirklich
gelingt, diese großen Investitionen tatsächlich aus
Bürgerkapital aus der Region zu finanzieren, wird man sehen.
Optimistisch stimmt uns, dass wir bisher ja 4,7 Millionen Euro
Bürgerkapital organisieren konnten, was Investitionen von
23 Millionen Euro auslöste. Jetzt ist die Frage, wie weit
geht die Steigerung. Ich glaube, dass, wenn einmal die regionalwirtschaftlichen
Vorteile einer erneuerbaren Energie verstanden werden, nämlich
dass man damit Kaufkraft vor Ort bindet, statt fossile Energien
einkaufen zu müssen und Millionen Euro abfließen, dann
könnte es sein, dass hier eine noch viel stärkere Dynamik
entsteht, als wir sie bisher schon sehen. Bisher wurden erneuerbare
Energien ja hauptsächlich unter ökologischen Bedingungen
gesehen. Doch davon kann keine Region wirklich wirtschaftlich
profitieren. Dann können wir etwas Gutes damit für uns
selbst tun.
Das
Gespräch führte Oliver Fiedler.
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Der
Solarpark Rickelshausen auf der ehemaligen Kreismülldeponie
ist das bisher größte Projekt von »solarcomplex
« mit einer Leistung von 1,65 Megawatt. swb-Bild: solarcomplex
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