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 Ein Schmuckstück statt Parkplätze

Porträt: Manfred Sailer, Altbürgermeister Engen

Seit einigen Tagen plagt ihn ein Laubfrosch. Lautstark macht sich der grüne Geselle im gepflegten Garten am Stadtrand bemerkbar. Nervig sei das, aber das kleinere Übel, erklärt Manfred Sailer. Lieber erträgt er das Froschgequake als die Gewissheit, dass sich am nahen Gartenteich eine Ringelnatter räkelt. Wenn’s nämlich nicht mehr quakt, hat’s dem Reptil geschmeckt. Und Schlangen mag Manfred Sailer überhaupt nicht.


Manfred Sailer, Altbürgermeister von Engen, brachte
die Altstadtsanierung mit auf den Weg. swb-Bild: mu

Der geschulte Blick für Details und Kausalität sind typisch für den ehemaligen Engener Bürgermeister. Diese Eigenschaften, gepaart mit Zielstrebigkeit und Geduld, waren hilfreich, als er nach seiner Wahl 1972 mit der Sanierung der Engener Altstadt ein Vorhaben anging, das prägend für seine 24-jährige Amtszeit werden sollte.

Dabei wurde es dem Schwaben aus Tübingen im Badens tiefen Süden anfangs nicht gerade leicht gemacht. So mancher Schwabenwitz ging auf seine Kosten. Bürgermeister wurde er nur, flachste ein Stadtrat, »damit auf dem Rathaus wenigstens einer was schafft«. Darüber muss Sailer heute noch schmunzeln. Doch der gelernte Verwaltungsfachwirt lernte schnell und ließ erst gar keine Animositäten aufkommen. Im Gegenteil. Er krempelte - ganz der fleißige Schwabe - erst mal die Ärmel hoch. Das war auch notwendig denn zu »schaffa« gab’s reichlich im beschaulichen Hegaustädtchen. Zuerst galt es aber Überzeugungsarbeit zu leisten.

Die Engener hegten nämlich wenig Zuneigung zum morbiden Charme ihrer Altstadt. Nur knapp die Hälfte der Einwohner hielten eine Sanierung überhaupt für wünschenswert. Sie wollten lieber Parkplätze und ein Kaufhaus. Sogar ein Hallenbad stand bei einer Umfrage auf der Wunschliste der Engener Bürger. Damals verstand man unter Sanierung hauptsächlich Abriss. Laut Gemeinderatsbeschluss aus dem Jahr 1969 sollte der »Pappenheimer «, die imposante Herberge aus dem 17. Jahrhundert, abgebrochen werden. Und mit ihr sollte der »Adler« und die ganze Häuserzeile bis zum Schulplatz der Spitzhacke zum Opfer fallen. Allerdings waren die Wohn- und Lebensbedingungen seinerzeit im Herzen von Engen nicht gerade komfortabel. 14 Prozent der Altstadtgebäude waren baufällig, 28 Prozent der Wohnungen hatten kein Bad, 17 Prozent kein WC und 80 Prozent der Häuser hatten keinen Abwasseranschluss. Von den 240 Gebäuden im Sanierungsgebiet war ein großer Teil verwahrlost, einige Gebäude waren unbewohnbar. »Man tat damals gut daran, in der Mitte der Straße zu gehen, sonst bestand die Gefahr, von herabfallenden Teilen getroffen zu werden«, erinnert sich der frühere Bürgermeister an seine Anfangszeiten im Hegau.

Zahlreiche Anekdoten und Geschichten könnte Manfred Sailer über die Rundumerneuerung der Altstadt erzählen. Bleibenden Eindruck hinterließ er seinerzeit in Stuttgart, als er mit seinem »schäbigen Mäpple« einen Zweidrittel-Zuschuss für die Sanierung aushandelte. Mit kniezer Bauernschläue und taktischen Winkelzügen setzte der badische Schwabe seine Anliegen durch. Unterstützt von Mitstreitern, die die Altstadsanierung ebenso befürworteten und unterstützten. So beschloss der Gemeinderat 1976 die Festlegung des Sanierungsgebiets, und ein Jahr später wurde die Engener Altstadt unter Denkmalschutz gestellt. Mittlerweile hatte man den historischen und kulturellen Wert des Ensembles erkannt. Als schließlich die Bauarbeiter anrückten, begannen für viele Altstadtbewohner harte Zeiten mit vielen Einschränkungen. Besonders betroffen war der Einzelhandel, der durch die Bauarbeiten schwer erreichbar war. »Die Leute schimpften heftig«, erzählt Manfred Sailer. Doch die Mühe lohnte sich offensichtlich. Neue Gas-, Strom,- und Wasserleitungen wurden ebenso verlegt wie Abwasserkanäle. Die Wohnqualität wurde gesteigert und die schmucken Häuserfassaden versöhnen mit den strengen Vorgaben der Altstadtsatzung, die Architektur- und Baudetails wie Dachneigung und Fenstergröße vorschreiben. Insgesamt wurden knapp 90 Millionen Mark in die Altstadtsanierung investiert,wobei der Förderrahmen rund 20 Millionen Mark betrug.

»Dies war nicht nur ein städtebaulicher Kraftakt, sondern auch ein wirtschaftliches Konjunkturprogramm, das der Bauwirtschaft diente, Arbeitsplätze schuf und Umsätze beim Gewerbe und Einzelhandel sicherte«, erläutert Sailer die »Nebenwirkungen « des Großprojektes. Gut 90 Prozent der Häuser im Sanierungsgebiet wurden saniert oder modernisiert, die Wohnqualität ist und zu Ende ist die Rundumerneuerung bis jetzt noch nicht, betont Manfred Sailer.

Heute sind die Engener stolz auf ihr Schmuckstück im Herzen der Stadt. Die malerischen Fassaden und engen Gassen, die imposanten Gebäudeensemble und die originelle Brunnenkunst locken Jahr für Jahr zahlreiche Touristen an. »Kunst ohne Wasser war damals in Engen nicht möglich «, erklärt Sailer. Nur in Verbindung mit dem nassen Element waren Werke wie die Martinsäule und der Sechs-Sinne- Brunnen des Bildhauers Jürgen Goertz sowie die Brunnenanlage von Lutz Brockhaus und den Sebastiansbrunnen von Wolfgang Bier trotz heftiger Wellen der Empörung zu realisieren. Diese haben sich ebenso gelegt wie jene, die anfangs über den Altstadtaufzug schwappten. Die Wohnqualität in der Altstadt hat ihren eigenen Charme, davon zeugen zahlreiche schmucke Häuser, die privat ganz im Sinne der Sanierungsväter gestaltet wurden. Einzig die Leerstände im Einzelhandel bereiten Sorgen, denn zur Puppenstube soll sich Engens Herzstück nicht entwickeln. Das wäre gar nicht im Sinne von Altbürgermeister Sailer. Nach seiner Vorstellung sollte die Altstadt mit Leben gefüllt ein, denn »die Altstadt wurde für die Menschen gebaut«.

Ute Mucha