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 Alternative zu Bier und Blasmusik

Porträt: Heinz Rheinberger schöpf Kraft aus Kultur

Gerne wurde er als »Gaugraf« der Gewerkschaften bezeichnet, Heinz Rheinberger. 1959 war der gelernte Uhrmacher aus Schwenningen nach Singen gekommen – vom Dorf in die Stadt, bekennt er im Gespräch. 1963 stieg er bereits zum Ersten Bevollmächtigten der IG Metall auf. Knapp 30 Jahre sollte er das Amt ausfüllen. Was ihm gelungen ist, wirkt bis heute nach: Die Gewerkschaften wurden zu einem sichtbaren Teil der Gesellschaft, vernetzt zwischen Kirche und Kultur.


Heinz Rheinberger in Aktion: Hier hält er eine Vernissagerede in Gottmadingen. Mit auf dem
Bild ist Herbert A. Baier, als früherer Lokalchef des Singener „Schwarzwälder Boten“ ein
Wegbegleiter des rührigen Gewerkschafters.

Er war bei vielen Dingen ein Vermittler und Grenzgänger zugleich. Dass der Stadthallenentwurf von Claude Paillard 1981 im Bürgerentscheid scheiterte, wurmt ihn bis heute. Seine Einschätzung: »Die Stadt hat damals ihre große Chance verpaßt.« 25 Jahre sind als Entwicklungsphase in seinen Augen vertan worden. Singen hätte Zentralität gewinnen können, die der Stadt gut getan hätte. Und: »Das hat der Stadt den eigentlichen negativen Knick gegeben.« Er wollte zusammen mit CDU-Fraktionschef Helmut Graf die Stadt aus dem Schatten herausbringen. Ihr Zusammenwirken ist für ihn bis heute ein zentraler Punkt in seinem politischen Leben. Die CDU hatte unter OB Friedhelm Möhrle ab 1975 die absolute Mehrheit im Gemeinderat. Dass sich die politischen Lager nicht gegenseitig blockierten, dazu trug Rheinberger bei, der seit 1965 im Gemeinderat saß und auch für seine SPD-Genossen bisweilen schwer verdaulich war.

Rheinberger erinnert sich an den Abend seiner ersten Wahl in den Gemeinderat: Emmi Kraus sei in die Bilgerstuben gestürmt und gejubelt: »Wir haben zwei Mandate mehr.« Aber sie hatte hinzugefügt, der »Kommunist « sei leider halt auch gewählt worden. Rheinberger war den einen nicht links genug, den anderen viel zu sehr. Als Gewerkschaftsführer war er erfolgreich. 7000 Mitglieder hatte die IG-Metall 1959 – Mitte der 70er Jahre waren es knapp 15 000! Mit diesem Gewicht im Rücken machte er Politik. Bier und Blasmusik war ihm in den 70er Jahren beim Hohentwielfest zuwider. Also holte er die Recklinghausener Ruhrfestspiele nach Singen. 400 000 Mark hat die Gewerkschaft dafür hingeblättert, dafür aber war Arbeiterkultur in Singen angekommen. Brechts »Herr Puntila und sein Knecht Matti« war in der »Kunsthalle« ein Erfolg. Und auf dem Hohentwiel gab es Kultur pur. Nur die Darstellung einer Nonne auf der Unteren Festung auf dem Hohentwiel sorgte für Aufregung, dabei waren die Schauspieler schlicht nur betrunken gewesen!

Der 1. Mai hatte bei Rheinberger eine besondere Bedeutung: Auf dem Thingplatz am Hohentwiel, auf dem schon August Bebel gesprochen hatte, präsentierte er engagierte Mairedner. Nach der Initialzündung auf dem Hohentwiel zogen die Gewerkschaften mit ihrem Kulturfest an die Scheffelhalle. Glücklich war Rheinberger, wenn bürgerliche Besuche mit Franco Trincale Revolutionslieder sangen. Vieles wurde in diesen Jahren bewegt. So beginnt in Singen der 1. Mai mit einem Gottesdienst. Mit 10 000 bis 15 000 Besuchern ist der 1. Mai in Singen bis heute die größte Veranstaltung im Lande an diesem Tag. Mit den »Ruckzucklern« hatte die IG-Metall plötzlich eine Theaterjugendgruppe unter der Regie von Peter Simon, aus der Antonio da Silva hervorgegangen ist, der heute in Wintherthur spielt.

Dass das Theater »Die Färbe« einen klaren Förderrahmen bekommen hatte, war auch ein Produkt der Zusammenarbeit von Möhrle und Rheinberger. Auch die Partnerschaft mit Celje hat diese Basis. Rheinberger, der aus einer kulturell bewegten Familie stammt, hat in den 80er Jahren aber noch andere Umschichtungen vornehmen müssen. Mit der Schließung von KHD in Stockach und dem ersten Sozialplan fing 1982 eine harte Kampfphase an. 1984 trat Rheinberger auch deshalb nicht mehr für den Gemeinderat an. 1989 kam die Schließung von KHD-Fahr in Gottmadingen hinzu. Mit Dietrich H. Boesken erlebte Rheinberger noch die beste Zeit der Alu in Singen. Nachdem beide im Ruhestand waren, bröckelte die Beschäftigung hier immens. Rheinberger hatte mit den Konzernen damals auf Augenhöhe verhandelt.

So kraftvoll wie er sind seine Nachfolger nicht mehr aufgetreten. Er selbst widmete sich im Ruhestand dann ganz der Förderung junger Künstler und betrieb einen eigenen Kunsthandel. Er kann die schönen Dinge des Lebens genießen. Bewundert hat er immer die Stadtplanung von Hannes Ott. Das waren für ihn die visionären Dinge für Singen und seinen Rang in der Zukunft. Und das vermisst er seit Jahren auf bittere Art und Weise.

Hans Paul Lichtwald