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 Klima hat sich für Christen verbessert

Porträt: Singener Ökumene, standhaft evangelisch

In den Gemeinden der evangelischen Landeskirche gibt es viele Facetten. Eine besondere Entwicklung hat der Singener Süden genommen. Die Markus-Pfarrei entstand, nachdem vor allem Heimatvertriebene ihren Glauben hierher mitgebracht hatten. Zur Besonderheit gehört, dass in über 50 Jahren nur zwei Pfarrer der Gemeinde vorstanden. Fritz Schullerus, selbst ein Pfarrer, der hier eine neue Heimat nach der Vertreibung gefunden hatte, hat die Gemeinde aufgebaut. Kurz vor dem Ruhestand steht sein Nachfolger Herbert Weimer. Er kam 1979 nach Singen und hatte mit Albert Haase, der schon 1972 in die Pfarrei gekommen war, einen Partner im Süden, der die Paulus-Gemeinde dann aufgebaut hat, die für eine besonders starke Jugendarbeit steht.


Herbert Weimer (rechts) und Albert Haase stehen für die evangelische Kirche
im Singener Süden. swb-Bild: li

Der Singener Süden war immer evangelisch standhaft, evangelikal ausgerichtet mit missionarischem Profil. Hier wird das Christentum engagiert nach draußen vertreten. Den Erfolg sieht Albert Haase darin, dass rund 30 junge Menschen seither einen Beruf im kirchlichen Dienst ergriffen haben. Pfarrer kamen aus dem Singener Süden wie Mitarbeiterinnen in der Diakonie.

Das Fazit beider Pfarrer ist eindeutig: Das Klima hat sich für die Christen hier verbessert. Der Singener Süden wurde zudem zu einer Keimzelle für die Ökumene. Hier ist der Weltgebetstag der Frauen entstanden, was wesentlich zur Nähe aller Christen beigetragen hat. Und hier hat auch die Arbeitsgemeinschaft der Christlichen Kirchen in Singen (ACK) ihren Anfang genommen. Die Nähe zu den Menschen wurde immer gesucht. So wurde 1976 das Paulus-Gemeindezentrum erbaut und zwei Jahre später die Südstadtkirche auch formal geteilt. 4500 evangelische Christen gab es damals im Süden. Große Aktionen wie »Pro Christ« hatten ihre Heimat in der Singener Südstadt.

Der gedankliche Sprung über fast 40 Jahre hinweg führt zu radikalen Erkenntnissen. »Die Gemeinden sind geschrumpft, « sagt Albert Haase. Die Zahl der Konfirmanden ist geringer geworden, die Einladung dazu wird oft nicht einmal beantwortet. Eine Konsequenz daraus ist absehbar: Es wird nach Herbert Weimer nur noch einen Pfarrer im Süden geben - und die beiden Gemeinden werden wieder zusammengelegt. Für Haase ist dies nicht nachvollziehbar, denn er sieht bei den Freikirchen, wie wichtig diese Nähe der Gemeinde ist.

Schließlich sei die Paulusgemeinde auch am Anfang aus einem Familienkreis heraus entstanden. Sein Erfolgsrezept steht bis heute: Die Freizeitarbeit hat die Paulus- Gemeinde stark gemacht. 70 bis 80 Jugendliche am Donnerstag im Jugendkreis, da werden andere Pfarrer schon neidisch. Weimer sieht aber nicht nur die Zahlen, schließlich sei man froh, dass junge Leute kämen. Das geistliche Klima könnte sich aber auch noch ändern.

Nach Jahren der Schrumpfung sieht auch Herbert Weimer wieder neue Entwicklungen: Die Nachfrage nach Kirche ist gestiegen. Und selbst die Konfirmandenzahlen steigen wieder an. Herbert Weimer zieht Bilanz: Die Gemeinde hat im Süden eine enorme Entwicklung genommen, denn immer wieder wurde gebaut. Der Brand hatte in den 80er Jahren viele schockiert, doch die Paulus-Kirche wurde 1990 schon wieder eingeweiht. Erweitert wurden über die Jahre die Kindergärten in beiden Gemeinden. Die Markus-Pfarrei verfügt heute über ein Kinderhaus mit Tagesstätte. Kinder ab zwei Jahren können heute hier aufgenommen werden. Im Langenrain wurde die Hausaufgabenbetreuung installiert. Kirchenaustritte sind seltener geworden, sagt Herbert Weimer. Positiv seien auch wieder Neueintritte. Die Trauungszahlen seien aber in den 80er Jahren weitaus höher gewesen als heute. Das sieht er als Folge der gesamten gesellschaftlichen Entwicklungen, die um die Kirche keinen Bogen machten. Gleichzeitig nahmen die sozialen Dienstleistungen der Kirche zu. Haase erinnert an die Beratungsstellen und die Diakonie schlechthin. Dass gerade in Singen die bisher vier evangelischen Gemeinden sehr unterschiedliche Ausprägungen haben, ist heute kein Problem mehr. Die Pfarrgemeinderäte sehen sich unter einem Dach. Dass der missionarische Gedanke wieder verstärkt in den Vordergrund aller Gemeinden gerät, freut vor allem Albert Haase, der zwar seit 2001 im Ruhestand ist, als Teil der Singener Südstadtgemeinden aber immer noch charismatische Ausstrahlung hat.

Hans Paul Lichtwald