Porträt:
Dekan Hartwig-Michael Benz sieht neue Religiösität wachsen
Er
wird der letzte Dekan des östlichen Hegaus bleiben: Hartwig-Michael
Benz ist Pfarrer in Mühlingen und wird im Herbst im neuen
Dekanat Konstanz für kein Amt mehr zur Verfügung stehen.
Der 66-Jährige betrachtet die sich wandelnde Gesellschaft
mit wachen Augen. »Gott führt sein Volk zusammen«,
sagt er mit Blick auf die Ökumene. Und er sieht die Menschen
wieder verstärkt nach Antworten suchen. Bei Gott stehe der
Mensch im Mittelpunkt. Und er dreht den Satz gleich um: »Der
Weg zu Gott ist der Mensch«. Dekan Benz stellt im Gespräch
klare Bezüge her. Er beklagt die Reizüberflutung in
unserer Gesellschaft und erlebt zugleich, wie schon Schüler
nicht mehr zuhören können. In den dritten und vierten
Klassen gibt er immer noch Religionsunterricht. Den tragische
Unfall eines elfjährigen Buben in Konstanz machte er zum
Thema. Plötzlich fragte ein Mädchen, wie alt der Bub
nun gewesen sei. Auch andere Schüler hatten dies überhört.

Dekan
Hartwig-Michael Benz sieht seine Kirche auf dem Vormarsch.
Unser
Bild zeigt ihn symbolträchtig bei einer Fahrzeugweihe. swb-Bild:
Weiß
Am
20. Mai 1971 war Benz im Freiburger Münster vom damaligen
Erzbischof Hermann Schäufele zum Priester geweiht worden.
Das ist für ihn ein bleibendes Erlebnis. Viele Stationen
liegen hinter dem Geistlichen: Wiesental bei Bruchsal, Albbruck,
wo er direkt neben der Rotation der Druckerei wohnte, Waldhausen
im Odenwald oder auch zwischendurch St. Georgen, wo Felix Dietrich
sein Chef war, also der Bruder von Missionar Cosmas Dietrich aus
der Singener Traditionsfamilie. 15 Jahre war er in Waldhausen
und wäre auch dort gerne geblieben. Da hatte die Frau des
Pfarrgemeinderatsvorsitzenden schon geträumt, dass Benz an
den Bodensee gehe. So sei eben die Information von ganz oben gekommen.
Am 13. September 1992 kam Benz nach Mühlingen, also nicht
ganz an den Bodensee. Seit fast fünf Jahren ist er nun Dekan,
seit sein Vorgänger plötzlich gestorben war. Das Amt
hat er nie angestrebt, deshalb war er auch zuvor nur Stellvertreter,
also Kammerer. Doch wie er sein Amt lebt, ist auch in diesem Gespräch
eindrucksvoll.
Wie
hat sich die Kirche in den letzten 30, 40 Jahren verändert?
Benz sagt: Die Menschen haben sich verändert und damit auch
die Kirche. Wir seien in eine Spaßgesellschaft hineingerutscht,
in der die Verbindlichkeit abnehme. Wenn einer einem ein Wort
gebe, heiße dies nicht, dass das morgen noch gelte. Was
Spaß mache sei gut, und was keinen Spaß mehr mache,
werde entsorgt. Und diesen Satz bezieht Benz auch auf die Ehe.
Die junge Generation habe es heute schwerer als vor allem die
erste Nachkriegsgeneration: Die hätten heute so viele Angebote,
dass sie nicht mehr wüssten, wo sie hingucken sollen. Schon
in der dritten Klasse hätten die Schüler einen Terminkalender
wie ein Bankdirektor. Man könne nichts mehr genießen.
Das sei wie beim Zappen am Fernseher. Man schaue zwei Stunden
Programme und wisse am Ende nichts mehr. Das sei die Not der jungen
Leute: Aus Notwehr schalte die Seele einfach ab. In dieser Situation
fange die Kirche neu an. Die Kirchen sähen sich gegenseitig
nicht mehr als Rivalen, sondern als Bereicherung. Dieses Beziehungsnetz
der Kirchen und der Menschen guten Willens sei im Wachsen begriffen.
Das sei der entscheidende Wandel in dieser heutigen Zeit: »Ich
diskutiere nicht mehr, wer Recht hat, sondern ich achte einfach
den anderen.« Da könne man sich gegenseitig beschenken.
Der
Mensch brauche auch ein Gerüst, sagt Benz. So geht er mit
der neuen Dekanatsstruktur um. »Und jetzt machen wir das
Beste daraus.« Das Dekanat östlicher Hegau werde nicht
aufgelöst, sondern zwei Dekanate würden ineinander hineinfließen.
Seit Anfang des Jahres tage man bereits gemeinsam mit den Konstanzern.
Das sei eine schöne Sache, ein gleitender Übergang.
Die Sorge, dass Konstanz dominieren könnte, sieht er nicht.
Das sei eine Frage, wie man miteinander umgehe. Die Konferenzen
würden hauptsächlich nicht in Konstanz sein, das habe
verkehrtstechnische Gründe. Das geistliche Zentrum werde
in Hegne sein. Schwester Ulrika strahle ja weit aus. Am 11. Januar
2008 werde auch dort das neue Dekanat aus der Taufe gehoben.
Hans Paul Lichtwald
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