Porträt:
Heinrich Wagner erinnert sich
Heinrich
Wagner ist ein Macher. Er hat nicht nur 51 Jahre bis zum Februar
diesen Jahres ein eigenes Bauunternehmen geleitet, er war auch
zehn Jahre der Vorsitzende des Verbands der Bauwirtschaft in Südbaden,
davor über 20 Jahre Obermeister der Baugewerbeinnung Stockach,
dann Konstanz. 16 Jahre wirkte er als Bürgermeisterstellvertreter
und gilt zudem als einer der Männer, die die Stockacher Fastnacht
mit dem Grobgünstigen Narrengericht zu neuer Blüte und
überregionaler Bedeutung führten. Es gäbe also
viele Themen, über die man mit Heinrich Wagner Rückblick
halten könnte. Es soll in der Geburtstagsausgabe des Wochenblatt
jedoch seine Tätigkeit für das Baugewerbe sein, für
das er sich auch immer wieder politische stark gemacht hat, und
das in den Zeiten einer schweren Krise der Bauwirtschaft in den
Jahren von 1993 bis 2003.

Die
Zigarette war sein Markenzeichen: 10 Jahre war Heinrich Wagner
Präsident der Bauwirtschaft in Südbaden swb-Bild: of
Frage:
Ihre Präsidentschaft, für die
sie unter anderem mit dem Bundesverdienstkreuz und der Verdienstmedaille
ausgezeichnet wurden, war von der Bewältigung einer tiefen
Krise auf dem Bau gekennzeichnet.
Heinrich Wagner: Als ich 1993 mein Amt übernommen
hatte, gab es in unserem Verbandsgebiet über 1.000 Bauunternehmen,
zum Ende meiner Amtszeit hatte sich die Zahl halbiert. Das lag
im bundesweiten Trend, der nicht aufzuhalten war. Südbaden
ist allerdings der einzige Verband, der 150 Kilometer Grenzen
nach Frankreich und der Schweiz hat.
Frage:
Sie haben in den Pressekonferenzen zu den
Hauptversammlungen der Bauwirtschaft immer in scharfer Form das
Wort ergriffen und die Hilfe der Politik gefordert. War diese
Krise eine notwendige Bereinigung?
Wagner: Der Boom des Wohnungsbaus war in den 60er und
70er Jahren und irgendwann war der Markt einfach gesättigt.
Auch der Aufschwung der Wiedervereinigung hat sich relativ schnell
wieder gelegt. Jetzt hat es im Osten viele leere Wohnungen. Die
Marktbereinigung hat auf einem preislich sehr niederen Niveau
stattgefunden und auch große Unternehmen wie zum Beispiel
Wieland in Singen getroffen. In Baden-Württemberg gab es
in den letzten Jahren jährlich rund 300 Konkurse pro Jahr.
Jetzt geht es wieder etwas aufwärts, die Preise sind aber
nach wie vor unten. Da waren auch die Bauunternehmer selbst mit
schuld, die sich gegenseitig unterboten haben, um noch einen Auftrag
zu bekommen, der das Überleben sichern sollte.
Frage:
Sie haben als Unternehmer über 50 Jahre
Erfahrung. Hat sich der Wettbewerb so verschärft in den letzten
Jahren?
Wagner: Wir haben zusammen mit Züblin die Bodenseetherme
in Konstanz gebaut. Aber die Rohbauarbeiten hat weder Züblin
noch Mühlherr-Wagner gemacht, sondern ein rumänischer
Subunternehmer in unserem Auftrag, weil wir mit den eigenen Arbeitern
preislich nicht mitgekommen wären. Parallel haben wir mit
dem eigenen Unternehmen kurz gearbeitet. Das ist ein Widersinn
ohne gleichen. Das habe ich auch immer wieder der Politik gesagt.
Aber je größer die EU wird, desto größer
wird auch dieses Problem.
Frage:
Fühlt man sich da nicht wie Don Quichote
vor der Windmühle?
Wagner: Ja. Wobei wir Bauunternehmer in einigen Dingen
auch selbst schuld sind. Die Ethik und Moral geht schleifen, obwohl
man eigentlich seinen Mitarbeitern gegenüber eine Verpflichtung
hat. Für viele ist der Mammon der einzige Grund, der noch
existiert. Das finde ich auch global gesehen schlecht. Wenn heute
große Unternehmen tausende von Leuten entlassen, dann steigt
der Aktienkurs. Auch Gewinne müssen heute noch eine moralische
Verpflichtung haben. Das kann so auf die Dauer nicht weiter gehen.
Frage:
Was muss ein Bauunternehmer heute leisten,
um sich in dem harten Markt durchsetzen zu können.
Wagner: Er muss sehr gute Mitarbeiter haben, die für
das Unternehmen an einem Strang ziehen.
Frage:
Haben Sie nicht das Gefühl, dass Ihre
Mahnungen an die Politik nicht gehört wurden.
Wagner: Gerade der ethisch-moralische Aspekt zählt
immer weniger.
Frage:
Was würden Sie einer nachfolgenden
Generation von Unternehmern mitgeben wollen?
Wagner: Der kleine Betrieb sollte wie eine Familie sein.
Die Mitarbeiter sollten nicht einfach nur dazu dienen, dass der
Chef Geld verdient. Beteiligungen der Mitarbeiter am Betriebserfolg
werden im Laufe der nächsten Jahre sicher immer stärker
kommen, damit auch die Mitarbeiter ein Interesse haben, dass es
der Firma gut geht. Das ist sicher ein Zukunftsmodell. Dafür
muss sich aber auch die Gewerkschaft radikal ändern, die
steckt noch im tiefsten 19. Jahrhundert.
Die
Fragen stellte Oliver Fiedler
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