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 Ein Scherbenhaufen als Herausforderung

Porträt: Bernd Wackershauser, Vorsitzender FC Radolfzell

Dass selbst ein ehrwürdiger Traditionsclub in eine bedenkliche Schieflage geraten kann, ist ein typisches Merkmal für den Wandel in der Vereinslandschaft am Bodensee und im Hegau in den letzten Jahrzehnten. Den FC 03 Radolfzell erwischte dieses schmerzhafte Malheur Ende des letzten Jahrtausends. Umgerechnet stand der Fußballclub 1999 mit satten 171000 Euro in der Kreide - ein Insolvenzverfahren drohte. Damit nicht genug: Mitgliederschwund und sportlicher Abstieg begleiteten diese dunkle Phase der FC-Vereinsgeschichte kurz vor seinem hundertjährigen Jubiläum. Nach Feierstimmung stand damals niemandem der Sinn. Im Gegenteil. Tristesse machte sich breit angesichts der Stapel an unbezahlten Rechnungen und Mahnungen; das Vereinsleben lief auf Sparflamme. Frischer Wind war dringend notwendig - mit eisernen Besen musste gefegt werden, wollte man das FC-Schiff wieder auf Kurs bringen.


Bernd Wackershauser - Vorsitzender des FC 03 Radolfzell:
Ein Verein ist wie eine Firma - Struktur, Finanzen und das
Menschliche müssen stimmen swb-Bild: mu

Die Ursachen für den finanzielle Tiefflug waren vielfältig: Überbezahlte Spieler und Trainer, zu hohe Prämien und zu guter letzt der Neubau des schmucken Clubheims. Zudem fehlte dem FC 03 eine gesunde Struktur, die sich den neuen Anforderungen der Zeit angepasst hätte. »Wir standen vor einem Scherbenhaufen«, erinnert sich Bernd Wackershauser. Der schreckte ihn nicht ab, sondern forderte eher heraus: Im Februar 1999 ging Wackershauser auf Risiko und wurde 1. Vorsitzender des FC 03 Radolfzell. Hätte er allerdings damals gewußt, was er heute alles weiß, so der Vereinsboss, »dann hätte ich die Finger davon gelassen«.

Allein mit kräftig in die Hände spucken war es seinerzeit nämlich nicht getan. Der ehemalige Aktive der Blau-Weißen hatte neben der Begeisterung für das runde Leder glücklicherweise noch mehr zu bieten: Cleverness, kaufmännisches Know-how und die nötigen Verbindungen. Das, gepaart mit Hartnäckigkeit und Überzeugungskraft sowie der Unterstützung weiterer FC-Mitstreiter machte das schier Unmögliche möglich. Stück für Stück zog man den Karren aus dem Dreck - sprich: sanierte den angeschlagenen Verein. Da wurden Sponsoren aktiviert, der Finanzgürtel ganz eng geschnallt und Spieler wie Trainer verzichteten auch mal auf Zuwendungen. Das Wirtschaften war die eine Seite der Rundumerneuerung und die liegt Wackershauser im Blut. Der Geschäftsführer einer Radolfzeller Immobilienfirma mit Sitz in der idyllischen Altstadt ist gewievt in Sachen Betriebsführung. »Da kenn’ ich mich aus«, so der gelernte Diplom Bauingenieur. Kontakte nutzen und Synergieeffekte erzielen - für den cleveren Geschäftsmann waren dies Hausaufgaben im Alltagsgeschäft. Die erledigte er mit Erfolg, wie die Bilanzen des Vereins bestätigen. Der Schuldenberg schmolz und der FC schnupperte wieder Morgenluft.

Die andere Seite des Sanierungsprozesses war nicht minder schwierig: Dem Verein musste eine klare Struktur gegeben werden. »Das ist vergleichbar mit dem Aufbau einer Firma«, erklärt Wackershauser. Entsprechend ist der Aufwand: Zwei bis drei Stunden täglich beschäftigen ihn sein »Steckenpferd FC«. Und selbst für einen erfahreren Geschäftsmann wie ihn war die Vereinsführung ein aufschlussreicher Lernprozess. »Eine wirkliche Herausforderung«, so Wackershauser, gibt aber zu: »Unter Druck arbeite ich eh’ am besten«. Davon war zu Beginn seiner Amtszeit reichlich zu spüren. Doch gemeinsam mit einem eingespielten Team übte der ehemalige Mittelstürmer nun den Doppelpass auf einer anderen Ebene. Gemeinsam werden Ziele erarbeitet, um dann das Konzept konsequent umzusetzen. Das gilt für den Spielbetrieb ebenso wie für Großveranstaltungen und die Kassenführung. Gleichzeitig werden Verantwortung an Mitstreiter übertragen und Aufgaben delegiert. Alle packen mit an und ziehen an einem Strang. »Das ist wichtig und stärkt die Identifkation mit dem Verein«, erklärt Wackershauser das FC-Teamwork und hebt die Transparenz im Finanzbereich hervor: »Hier zeigt sich, dass der Verein professionell geführt wird, denn jede Zahl ist nachprüfbar«.

Das ist auch notwendig, um den Überblick zu bewahren. Schließlich weist der FC Radolfzell mit all seinen Abteilungen einen Jahresetat von rund 100 000 Euro auf. Abzüglich der Mitgliedsbeiträge bleiben 70 000 Euro, die aufgebracht werden müssen. Kein Pappenstiel, aber für Wackershauser eine dieser Herausforderungen, die ihn richtig fordern. Und die er bewältigen kann, wie die letzten Jahre gezeigt haben. Der FC 03 Radolfzell liegt finanziell wieder auf sicherem Terrain, gut 140 000 Euro Schulden wurden abgebaut. In die Schlagzeilen kommt der Verein, wenn internationale Top-Clubs wie Schalke 04 oder Dynamo Moskau auf dem satten Grün der Mettnau ein Gastspiel geben. Auch die 1. Mannschaft kehrte pünktlich zum 100. Vereinsjubiläum in die Fußball-Landesliga zurück, wo sie sich seither wacker schlägt. Nicht zu vergessen ist die Jugendarbeit. Der Club fördert seinen Nachwuchs intensiv und erfolgreich.

Trotz oder gerade wegen dieser erfreulichen Entwicklungen und Erfolge bemüht sich Vereinsboss Wackershauser um eine gesunde Bodenhaftung: »Ich bin froh, in meinem Umfeld keine Ja-Sager zu haben, sondern Kollegen, die mir ehrlich die Meinung sagen.«

Dass sein Prinzip funktioniert, zeigte sich zuletzt beim gelungenen Fußball-Happening im Mettnaustadion, als die Bodensee Oldstars mit Wackershauser im Aufgebot gegen eine hochkarätigen Promi-Elf antrat. Solche Schmankerl serviert der Radolfzeller Fußballchef mit dem größten Vergnügen. »Davon haben alle etwas.« Er natürlich auch. »Wenn man gegen Balakov gekickt hat, ist man auch noch am nächsten Tag gut drauf«, lacht der 42- jährige. Mit dieser optimistischen Einstellung will er noch bis 2009 das FC-Feld bestellen. Sein Ziel ist aber, dass es später ohne ihn geht. Darin sieht er seine Aufgabe. Ein funktionierendes Vereinsgefüge zu schaffen, das mit Leben gefüllt ist. Und dafür sorgen die Mitglieder - fast 600 gehören mittlerweile zur FC-Familie. Die zu respektieren und ihr Engagement zu honorieren, das wird für Bernd Wackershauser neben Strukturen und Finanzen immer wichtiger. »Da kommt viel zurück«, zieht er seine positive Bilanz und kommt zu dem Schluss: »Das Risiko hat sich gelohnt«.

Ute Mucha