Porträt:
Dr. Klinger, 30 Jahre Kriesenmanagement
Gottmadingen
war noch in den 60er Jahren ein Inbegriff der blühenden Wirtschaftslandschaft,
doch die Gemeinde hatte in den letzten 30 Jahren einen gravierenden
Wandel zu bewältigen. Nach der Schließung der Großbrauerei
Bilger erfolgte das Ende des Landmaschinenbaus bei Fahr in vielen
Schritten. Die Veräuserung an KHD, nach deren Zusammenbruch
der Übergang in »Greenland«, danach Kverneland
und schließlich vor eineinhalb Jahren das Ende zu Weihnachten.
Trotzdem hat sich die Gemeinde weiter entwickelt, das grenzt an
ein Kunststück, das damals Bürgermeister Hans Jürgen
Schuwerk vollbracht hat. Sein Nachfolger Dr. Michael Klinger stellt
sich den Fragen zur Gegenwart.

Der
Abschluss einer langen Krise in Gottmadingen. Zu Weihnachten 2006
wurde die Schließung des Kveneland Werks (einsmals Fahr)
in Gottmadingen bekabnnt gegeben. swb-Bild: of
Frage:
Gottmadingen erlebt seine Krise seit den
70er Jahren. Bilder, Fahr, KHD, Greenland zuletzt als Kverneland
das Ende. Wurde damals zu spät reagiert?
Dr. Michael Klinger: Die Krise begann eigentlich schon
viel früher, nämlich als zwei Unternehmen die Monostruktur
Gottmadingen dominiert haben. Mit diesen Unternehmen war man natürlich
viel zu lange auf Gedeih - das waren die guten Zeiten - und auf
Verderb verbandelt. Richtig schnell hat man dann in den 80er Jahren
schon reagiert, mit dem Industriepark Gottmadingen auf den frei
werdenden Flächen im Osten des Fahr-Geländes. Aber man
muss schon sagen, der Motor war Bernhard Gersbacher von der IPG,
dem man an dieser Stelle viel zu verdanken hat. Die Gemeinde hat
immer wahnsinnig schnell reagiert und begleitet. Was richtig gelaufen
ist, dass wir heute eine kleinteilige Struktur bei den Betrieben
haben. Wenn wir auf das Ende jetzt bei Kverneland kommen, da haben
wir sehr früh versucht einzugreifen, sind die in die Verhandlungen
eingestiegen und von Pontius zu Pilatus, leider ohne Erfolg, wie
wir heute wissen. Wir haben rechtzeitig versucht eine Nachfolgefirma
zu begleiten und zu unterstützen, was immerhin 60 Arbeitsplätze
brachte. Die Flächen, die nun übrig bleiben, sind derzeit
privat.
Frage:
Bedingt durch die gewerbliche Entwicklung
waren die finanziellen Spielräume der Gemeinde immer sehr
eng gesteckt und Schuldenabbau hat oberste Priorität. Ist
noch mehr Engagement der Bürgerschaft gefordert?
Dr. Klinger: Wir sind bei den Schulden auf dem Weg. Die
hohen Schulden sind entstanden durch Investitionen in die Zukunft.
Wir haben Ende 2003 im Haushalt der Gemeinde 4,1 Millionen Euro
Schulden gehabt, Ende 2007 werden wir, wenn wir noch eine Sondertilgung
haben, 2 Millionen Euro Schulden haben, wir haben es geschafft,
das zu halbieren. Wir haben im Jahr 2006/07 alleine eine Million
Sondertilgungen gemacht. Was mein Ziel bleibt ist eine Nullverschuldung.
Mit den Tilgungen weitet sich der Raum. Wir sind einen ganz harten
Weg der Haushaltskonsolidierung gegangen, um diese Spielräume
wieder zu gewinnen. Die Bevölkerung hat uns gut unterstützt
das mitzutragen. Diese Solidarität brauchen wir auch, was
bürgerschaftliches Engagement betrifft. Da ist ein Ruck durch
den Ort gegangen.
Frage:
Einen Vorteil hat Gottmadingen gegenüber
anderen Gemeinden, die Anneliese- Bilger-Stiftung. Was hat sie
der Gemeinde Gutes getan?
Dr. Klinger: Das ist eine tolle Sache für die Gemeinde.
Wir haben in den letzten 11 Jahren aus dieser Stiftung 1,2 Millionen
Euro ausschütten können. Das ist Geld, das die Gemeinde
sonst nicht hätte. Dabei sind Großprojekte wie für
die Sozialstation des Altenpflegeheims, beim St. Hildegard- Altenpflegeheim
und viele kleine Dinge bis zu Spazier- und Radwegen.
Frage:
Gottmadingen ist seit den 70er Jahren bemüht
eine gute Infrastruktur aufzubauen. Ist das Angebot ausreichend
oder sind Korrekturen notwendig?
Dr. Klinger: Wir haben mit der Hebelschule, Kindergärten,
Sporthalle sehr stark investiert. Da ist nicht mehr so viel zu
tun. Für die Zukunft müssen wir Schluss mit Bau auf
Pump machen. Wir brauchen einen Allwetter-Fußballplatz,
der zweite Bauabschnitt am Schulhaus Ebringen, Sanierungen von
Gebäuden. Ein großes Thema wird sein, die Schulen fit
zu machen für die Zukunft.
Frage:
Im Rahmen der Ortskernsanierung wurden große Mengen öffentlicher
und privater Gelder investiert. Wie hält die damalige Planung
aus heutigen Gesichtspunkten stand?
Dr. Klinger: Der Ortskern hat sich stark gewandelt
zu seinem Vorteil. Wir haben zwei Themen wirklich gut eingelöst,
nämlich sehr gute Wohnangebote, haben dadurch sehr flächensparend
auch alte Industriebrachen umgesetzt. Das hält auch heute
noch Stand. Die Pflegebereiche sind in der Ortsmitte angesiedelt.
Wir sind gut bestückt mit Einzelhandel, müssen aber
viel tun um das für die Zukunft zu halten. Was wir nicht
ganz eingelöst haben: Gottmadingen hat kein klares Zentrum.
Frage:
wie sehen die Perspektiven für die
Entwicklung eines Unterzentrums Gottmadingen für die nächsten
zehn Jahre aus?
Dr. Klinger: Wohnen und Arbeiten gleichmäßig
entwickeln. Wir wollen ein Ort werden, der organisch wächst.
Wir müssen mehr Wirtschaftsförderung betreiben um mehr
Unternehmen nach Gottmadingen bringen und um die bestehenden Unternehmen
zu stärken. Gottmadingen hat alles, das müssen wir mehr
herausstellen. Frage: Sie sind als junger Bürgermeister in
Gottmadingen angetreten, hat sich ihr Traum erfüllt? Dr.
Klinger: Der Traum hat sich erfüllt. Das Thema ist gestalten
zu dürfen und zu können. Ich fühle dabei einen
sehr guten Rückhalt im Gemeinderat, wir haben ein tolles
Team im Rathaus, und eine Bevölkerung, die den Kurs mit trägt.
Die
Fragen stellte Oliver Fiedler
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