Porträt:
Helmut Villinger, Vorsitzender Aktionsgemeinschaft Radolfzell
Einen
klassischen Gewerbeverein hat Radolfzell schon seit 129 Jahren,
im Jahr 1976 wurde ein eigener Verein für den Handel in der
Stadt gegründet, aus der Erkenntnis heraus, dass der Handelsstandort
Radolfzell eine schlagkräftige Vereinigung von Einzelhändlern
braucht, um zwischen den beiden Zentren Singen und Konstanz Flagge
zeigen zu können und vor allem um die Zukunft der Innenstadt
zu sichern die vor einer umfassenden Sanierung stand. Die »Aktionsgemeinschaft
Radolfzell« war geboren und ihr Kurs verlief nicht immer
eben. Der jetzige Vorsitzende Helmut Villinger kam eher in einer
Krise zu seinem Amt. Nachdem 1998 Bernhard Kirchner den Vorsitz
abgab, fand sich kein Nachfolger, der Vorstand der Sparkasse Radolfzell,
Hans Schneble und Helmut Villinger von der Volksbank, zuvor Kassenprüfer
in dem Verein, übernahmen interimsmäßig den Vorsitz
bis sich ein Nachfolger gefunden hätte, am Ende war es dann
doch Helmut Villinger, der seine Aufgabe sehr ernst nahm und den
Verein seither erfolgreich führt und nicht nur zu einem politischen
Schwergewicht in Radolfzell gemacht hat, sondern auch zu einem
sehr agilen Marketinginstrument für die Mettnaustadt. Wie
er das Radolfzell der Gegenwart und für die Zukunft als lebendiges
Zentrum sieht, erläutert er im WOCHENBLATT-Interview.

Seit
acht Jahren ist Helmut Villinger Vorsitzender der Aktionsgemeinschaft
Radolfzell. Er versteht den Handelsverein als effektives Marketinginstrument
für die Stadt Radolfzell.
Frage:
Radolfzell ist eine Stadt zwischen zwei
mächtigen Zentren, welche Rolle kann die Stadt in der Region
spielen?
Helmut Villinger: Radolfzell hat sich von der Schlafstadt
zur Wohnstadt entwickelt und wir sind heute auf dem Weg zu Erlebnisstadt
Radolfzell. In den vergangenen zehn Jahren hat sich Radolfzell
strukturell sehr gut weiter entwickelt. Das sieht man an der Mettnaukur,
die viele Gäste nach Radolfzell bringt und damit auch den
Einzelhandel belebt. Das ist auch die Entwicklung im Industriegewerbe,
das ist das Radolfzeller Innovationszentrum (RIZ), das ist ganz
aktuell das Seemaxx, überhaupt die Gewerbeansiedlungen. Das
sind alles Bereiche, in denen sich unwahrscheinlich viel getan
hat. Dadurch ist Radolfzell für viele, auch wenn sie woanders
arbeiten, als Wohnstadt attraktiv geworden. Den See, eine besondere
Atmosphäre, das ist das was wir bieten können. Deshalb
ist Radolfzell auch eine der wenigen Städte, die aktuell
in der näheren Zukunft ein Einwohnerwachstum hat. Was im
Moment vielleicht noch fehlt, ist eine gewisse Kundenfrequenz
für den Handel. Das muss der Ansatzpunkt der Politik sein,
damit wir hier noch attraktiver werden.
Frage:
Die Altstadtsanierung war nicht unumstritten
und hat viel Geld gekostet. Hat sich das aus heutiger Sicht gelohnt
für die Stadt?
Villinger: Die Sanierung der Altstadt und die Herausnahme
des Autoverkehrs war zum damaligen Zeitpunkt sicher eine gute
Entscheidung. Aber Radolfzell hat verpasst, die weiter Entwicklung
in oder nahe der Altstadt umzusetzen.
Frage:
Da fehlte so etwas wie ein Gesamtkonzept
für die Stadt? Der tägliche Bedarf wird ja nicht unbedingt
in der Altstadt gedeckt.
Villinger: Der tägliche Bedarf wird sicher auch
in der Altstadt gedeckt. Aber es hat sich schon vor 20 Jahren
die »Grüne Wiese« entwickelt, weil es noch kein
greifendes Einzelhandelskonzept gab. Diese Fehler kann man nicht
mehr rückgängig machen. Dadurch fehlt uns Kundenfrequenz
in der Innenstadt. Für unsere Einwohnerzahl haben wir eigentlich
eine viel zu große Fußgängerzone.
Frage:
Das Flair ist trotzdem bestechend und mit
Gastronomie ist die Innenstadt ja sehr gut besetzt.
Villinger: Zum Erlebnis gehört auch Sauberkeit oder
die Form der Beleuchtung am Abend dazu. Das ist noch Verbesserungswürdig.
Da nützen Konzepte in den Schubladen wenig. Ein Kernproblem
ist der Seezugang. Weshalb soll ein Besucher der Stadt wiederkommen,
wenn er durch die Bahnhofunterführung an den See gelaufen
ist?
Frage:
Was sind die Motive von Menschen aus der
weiteren Region Radolfzell zu besuchen?
Villinger: Das ist mit der See, jetzt auch das Seemaxx.
Wir haben zwar den See, aber uns fehlt die Attraktivität
des Sees. Es gilt jetzt relativ schnell hier etwas zu tun, damit
der Kunde einen Aha-Effekt mit dem See verbindet.
Frage:
Was tut Radolfzell, um seine Außenwirkung
zu verbessern. Kann man das der Werbung eines Seemaxx überlassen?
Villinger: Die Aktionsgemeinschaft macht seit zehn Jahren
vorbildliches Stadtmarketing über das sich andere Städte
freuen würden. Wir haben die Stadt Radolfzell positiv nach
aussen getragen, zum Beispiel mit unserer Herz- Konzeption seit
rund fünf Jahren. Das ist uns auch mit dem Wochenblatt zusammen
gelungen.
Frage:
Haben sich für sie Erwartungen mit
dem Seemaxx erfüllt oder sind Befürchtungen wahr geworden?
Villinger: Wie das sich heute darstellt und wie wir zusammen
arbeiten profitieren wir sehr gut miteinander. Wer hierher kommt,
will auch Bummeln in der Altstadt oder an den See.
Frage:
Was ist die große Herausforderung
für Radolfzell in den nächsten Jahren?
Villinger: Der See ist unsere Chance und unsere Zukunft.
Das ist natürlich ein politischer Prozess, bei dem wir mit
unseren Vorstellungen einwirken können und wollen.
Die
Frage stellte Oliver Fiedler
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