Porträt:
Dietmar Johann machte Möhrle zum OB
Gespräche
mit Dietmar Johann sind immer wieder aufschlussreich: Aus dem
Juso der 60er Jahre wurde ein Elder-Statesman der Kommunalpolitik,
der fast schon ein wandelndes Geschichtsbuch ist. Er hat die Veränderungen
miterlebt und weiß, dass eigentlich schon wieder ein Aufbruch
wie Ende der 60er Jahre nötig ist. Nur ist keiner da, der
es macht. Fast wäre er Mitgründer des Wochenblatts geworden.
Doch dann wurde er Benjamin im Singener Gemeinderat. Er war zweimal
Landtagskandidat, legte sich mit Dr. Robert Maus an und hat alle
parteipolitischen Stürme überlebt. Die Fragen stellte
Hans Paul Lichtwald.

In
der alten FC-Leichtathletikabteilung war
Dietmar Johann noch 1983 in deren Trikot aktiv.
Frage:
Sie haben ja enge Beziehungen zum Wochenblatt,
weil Sie Hans-Joachim Frese gut gekannt haben. Blicken wir auf
1967 zurück: Wie haben Sie die Wochenblatt- Gründung
damals mitbekommen?
Dietmar Johann: Da war zunächst einmal der Generalsekretär
der Sozialdemokratischen Partei der Schweiz, der nach Singen kam
und gesagt hat, man müsse doch in Singen medienmäßig
Konkurrenz machen. Damals war Hans-Joachim im Kreisvorstand der
Jusos, ich war Kreisvorsitzender. Der Schweizer meinte, das könnten
wir doch machen. Ich könnte schreiben, Frese sei ein guter
Organisator für die Verteilung. Ich sagte dann, ich wisse
nicht so recht, ob ich das machen solle. Der Schweizer Genosse
hatte große Pläne Richtung Hauptamtlichkeit gehabt.
Ich sollte dann weg von der Post, Hans-Joachim war damals Busfahrer
bei der Bundesbahn - und er war der Idee gegenüber gleich
sehr aufgeschlossen. Ich war dann schon sehr zurückhaltend.
Und kurz darauf ging es schon los, mit einstweiligen Verfügungen
gegen die ersten Blätter . . .
Frage:
. . . die uns natürlich allen bis heute
noch vorliegen . . .
Johann: Da kam ein Zeitpunkt, wo wir mit dem allen nicht
mehr zurechtkamen. Dieser Mann aus der Schweiz war so ein Hektiker.
Das ging mit den einstweiligen Verfügungen über Monate
so hin und her, bis Hans-Joachim sagte: »Das mache ich alleine!«
Er hat mich dann noch einmal angesprochen, ob ich nicht bei ihm
einsteigen wolle, doch ich wollte nicht meinen Beruf aufgeben.
Dann war Anna Siegel die erste Schriftleiterin des neuen Wochenblatts.
Frage:
Es war ja Aufbruchstimmung im Land 1967
- und auch in Singen. Politisch und gesellschaftlich in allen
Lagern. Sie haben dann ja auch 1968 für den Gemeinderat kandidiert
und wurden zum Benjamin im Gremium. Wie war das dann als Youngster
aus dem Kreis der Aufmüpfigen im Gemeinderat zu sitzen?
Johann: Das war eigentlich unheimlich spannend, zumal
damals einige Altvordern der SPD aufgehört hatten. Als 25-
jähriger ist es mir dann gelungen, da hineinzurutschen. So
war damals auch das passive Wahlalter. Da hatte ich gleich das
Schlüsselerlebnis mit der Beigeordnetenwahl von Fritz Hässig.
Dann kam die Wahl von Friedhelm Möhrle zum OB. Ich hatte
mich da schnell hineingearbeitet, auch wenn einige gesagt hatten,
ich sei zu vorlaut.
Frage:
Sie waren aber schon 1969 dann der Wahlkampfchef
von Friedhelm Möhrle.
Johann: Da war ja eine wirklich gute Mannschaft da, insbesonder
Dietrich Gläser aus Gottmadingen, Hermann Erath und eine
ganze Reihe von Leuten, die geholfen haben. Sie waren nicht unbedingt
bei den Jusos, die damals stark waren, denn bei unseren Versammlungen
kamen bis zu 50 Jugendliche. Oft saßen wir in der Wohnung
von Bürgermeister Otto Muser (Möhrles Schwiegervater)
und berieten. Er hat sich selbst da nie darum gekümmert.
Er hat ab und zu hereingeguckt und gefragt: »Was heckt Ihr
da wieder aus?« Da haben wir dann auch die Programme für
den Friedhelm gemacht.
Frage:
Was war der inhaltliche Erfolg der SPD-Politik
dann in den 70er und 80er Jahren?
Johann: Das Abschneiden der alten Zöpfe war für
die SPD damals schon wichtig. Willi Brand war im Bundestagswahlkampf
1972 in Singen, das hat in der SPD schon Begeisterung ausgelöst.
In der Kommunalpolitik gab es viele Dinge, so verkrustete Strukturen
in der Verwaltung aufzubrechen. Da wurde ein Sportamt geschaffen,
ein Seniorenamt. Vielfach war es aber auch nicht einfach, als
Regierungspartei zu arbeiten, zumal Friedhelm auf seine Art auch
ein Künstler war. Manche Dinge, die am Montagabend ausgemacht
waren, galten am Dienstag im Gemeinderat nicht mehr.
Frage:
Da hatte sich ja einiges verändert
im Kreis um Friedhelm Möhrle herum. Es waren ja nicht mehr
die Jusos bis hin zu Günter Litz und seinen Freunden aus
dem Wahlkampf 1985. Das war eine sehr bürgerliche Mitte,
die sich da in den Vordergrund bewegt hatte.
Johann: Mit manchen haben wir schon sehr gut zusammengearbeitet.
Die Öffnung, die Friedhelm Möhrle ja auch betrieben
hat, haben manche alte Genossen mit Argusaugen betrachtet. Damals
war das nicht ganz einfach.
Frage:
1993 war das natürlich auch eine schwierige
Konstellation für die SPD. Was müsste für die Partei
derzeit passieren, dass sie in Singen wieder einen OB stellen
könnte?
Johann: Da muss man natürlich schauen, wie sich
der jetzige OB weiter entwickelt. Das ist natürlich bis zur
nächsten Wahl eine lange Zeit. Wir haben mit ihm derzeit
einen relativ guten Kontakt. Er merkt natürlich schon, dass
wir ihm nichts Böses wollen. Wir müssen aber jetzt Antworten
für das nächste Jahrzehnt finden.
Frage:
Damals vor 40 Jahren war alles verkrustet.
Blickt man auf die heutige Kreispolitik, dann ist dies auch dort
wieder so. Braucht man wieder so einen Knackpunkt wie 1969?
Johann: Ich denke schon. Die Zeit ist zwar noch nicht
so bei jungen Leuten ausgeprägt. Aber wir brauchen neue Leute,
die frisch an die Probleme herangehen. Viele sehen aber nicht,
dass man in der Kommunalpolitik speziell unheimlich viel bewegen
kann.
Hans
Paul Lichtwald
|