Porträt:
Gespräch mit Prof. Dr. Jürgen Mittelstraß
Seit
ihrer Gründung Ende der 1960er Jahre hat sich die Universität
Konstanz einen Namen als Reformuniversität gemacht. Einer
der treibenden Köpfe war und ist der Philosoph Prof. Dr.
Jürgen Mittelstraß. Wochenblatt sprach mit dem Wissenschaftler
über Lehre und Reformen.

Hermann Müller, Finanzminister Baden-Württemberg, bei
der Grundsteinlegung
der Universität Konstanz
Frage:
Herr Prof. Mittelstraß, über
was reden ein Philosoph und ein Physiker miteinander?
Prof. Jürgen Mittelstraß: Das hängt von
der Fragestellung und den Problemen ab. Das können konkrete
Probleme sein, dort wo die Physik Probleme der Alltagswelt zu
lösen versucht oder sich an der Lösung beteiligt. Klima-
und Energieprobleme etwa. Das kann aber auch damit zusammenhängen,
dass es in der Physik gewisse Probleme in den Grundlagen gibt,
und eine Philosophie, die ihre Aufgaben im wesentlichen in der
Erkenntnistheorie und Wissenschaftstheorie sucht, ein Wörtchen
mitzureden hat.
Frage:
Hat sich der Kulturbegriff in den letzten
40 Jahren verändert?
Mittelstraß: Ich bin mir nicht sicher. Kultur ist
wieder in einem verstärkten Maße zum Thema geworden.
Auch in der Wissenschaft, gerade in den Geisteswissenschaften,
die sich heute im Wesentlichen als Kulturwissenschaften verstehen.
Als Wissenschaften, die über Prozesse und Zustände in
der kulturellen Entwicklung sprechen.
Frage:
Kann man von einer Krise der Geisteswissenschaften
sprechen?
Mittelstraß: Davon wird gesprochen, seit es die
Geisteswissenschaften gibt. Das hängt auch mit dem etwas
problematischen Status unter den empirischen Wissenschaften zusammen.
Frage: Kann man jungen Geisteswissenschaftlern eine Perspektive
geben? Mittelstraß: Zunächst einmal muss man nicht
für die Geisteswissenschaften werben, der Zulauf ist groß,
in manchen Fächern zu groß. Das Problem sind die Berufsperspektiven,
die sich aber nicht verengt haben im gesamten Kulturbereich, in
Theater, Zeitung, Radio, Fernsehen und dergleichen. Das sind auch
heute noch Perspektiven.
Frage:
Wie haben Sie den 68er Geist erlebt?
Mittelstraß: Ich war Student, dann Assistent. Ich
erinnere mich an Universitätsreformen, an denen ich beteiligt
war.
Frage:
Was sind die grundlegenden Reformen der
letzten 40 Jahre gewesen?
Mittelstraß: In Konstanz hat mit einer Reform begonnen.
Konstanz war die einzige Universität, die keine Institute
mehr hatte, die auf eine kleinteilige Struktur verzichtet hat,
die die Forschungsförderung zentralisiert hat, alle Mitglieder
der Universität hatten entsprechende Anträge in der
Universität zu stellen. Das Geld kam nicht mehr automatisch.
Die Zentrenbildung, die die Forschung verstärken sollte und
vieles andere mehr. Der Geist der Reform in dieser Universität
ist lebendig geblieben, erkennbar daran, dass mit einer neuen
Reformbemühung vor einigen Jahren publiziert unter dem Stichwort
»Modell Konstanz« sich diese Universität neu
organisiert hat.
Frage:
Wie spürt die Universität Pisa?
Mittelstraß: Das Problem des offenen Zugangs gerade
zu den Geisteswissenschaften hatten wir schon immer. Häufig
stellt sich erst in den ersten Jahren heraus, ob man das richtige
Studium gewählt hat. Pisa bedeutet alles in allem eine Verschulung
des Studiums.
Frage:
Wie kann man junge Menschen fördern
heutzutage, wie kann man sie begeistern?
Mittelstraß: Viele muss man nicht begeistern, sie
kommen an die Universität, weil sie dort eine Ausbildung
nach ihren Neigungen suchen. In einigen wenigen Fächern muss
man werben. Dazu gehören die Ingenieurswissenschaften.
Frage:
Wie steht es um den wissenschaftlichen Nachwuchs,
kommt etwas nach?
Mittelstraß: Ja, erfreulicherweise nicht nur in
regionaler Hinsicht, die Universitäten öffnen sich zunehmend
auch mit einer internationalen Perspektive: Die Universität
ist eine gute, die nicht nur die besten Wissenschaftler anzieht,
sondern auch die besten Studenten aus aller Welt.
Johannes
Fröhlich
|