Porträt:
15 Jahre Frauenhaus in Singen und im Kreis Konstanz
Die
Bundesrepublik Deutschland brauchte eine ganze Weile, um anzuerkennen,
dass es häusliche Gewalt gibt und dass dagegen wirksame Maßnahmen
ergriffen werden müssen. Die moderne Frauenbewegung in Europa
gründete Anfang der 70er Jahre erste Frauenhäuser auf
autonomer Basis, die Frauen, die oder deren Kinder häuslicher
Gewalt ausgesetzt waren, eine Zufluchtstätte bieten sollten.
1976 wurde in Berlin das erste Frauenhaus in Deutschland gegründet,
doch es dauerte bis zum Jahr 1992, bis auch im Kreis Konstanz,
in Singen und Konstanz fast zeitgleich die ersten Frauenhäuser
auf Vereinsbasis gegründet wurden, kurz darauf entstand auch
ein weiteres Frauenhaus in Radolfzell. Das lag auch mit an der
Gesetzgebung, denn die Frauenhäuser werden zwar von ehrenamtlichen
Vereinen getragen, sind aber auf professionelles Personal zur
Betreuung angewiesen. Und dafür wurden eben erst in den 90er
Jahren des letzten Jahrhunderts die entsprechenden Rahmenbedingungen
geschaffen. Das Frauenhaus in Singen, das von einem Verein mit
rund 100 Mitgliedern getragen wird, kann in diesem Jahr sein 15-jähriges
Bestehen feiern.

Heidi
Brütsch gehört dem dreiköpfigen Vorstandsteam des
Frauenhauses Singen
an und ist für die Finanzen zuständig. Im Rahmen des
15-jährigen Bestehens des
Vereins sind bis zum Ende des Jahres einige Aktionen geplant.
Swb-Bild: of
Das
Singener Frauenhaus, dessen Adresse genauso geheim gehalten wird,
wie die Namen der Mitarbeiter dort, um Verfolgungen zu verhindern,
bietet 10 Betten. In den Jahren 1994 bis 2006, so eine Statistik,
wurden im Singener Frauenhaus insgesamt 580 Frauen in Notsituationen
aufgenommen, dazu 790 Kinder. Im letzten Jahr suchten 112 Frauen
die Fachberatungsstelle des Frauenhauses Singen wegen des Problems
häuslicher Gewalt, oftmals im Zusammenhang mit Alkohol, auf.
An die 60 Aufnahmen erfolgten, zumeist aus akuten Notfallsituationen,
in das Frauenhaus, weil die Frauen selbst das Opfer vom Gewalt
wurden, in zehn Fällen erfolgte eine Aufnahme, weil die Kinder
Gewalt ausgesetzt waren und eine Trennung von Vater nötig
wurde. Die Polizei führt für die Stadt Singen in ihrer
Statistik rund 30 Einsätze wegen häuslicher Gewalt auf,
im Bereich des Reviers Singen, das den ganzen Hegau umfasst, waren
es 70 Einsätze gewesen.
Wie
eine der Betreuerinnen des Frauenhauses im Rahmen einer Straßenaktion
vor einigen Wochen deutlich machte, nimmt vor allem die Zahl der
Kindesmisshandlungen in letzter Zeit stark zu. Das beträfe
weniger die Fallzahl, von der man ohnehin annimmt, dass sie nur
die Spitze eines Eisbergs dokumentiert, als vielmehr die spektakulären
Fälle der letzten Zeit, welche bundesweit durch die Medien
gingen und vielleicht doch ein Bewusstsein geschaffen haben, dass
es einen Ausweg aus dem Kreislauf zwischen physischer und sexueller
Gewalt und meist einhergehenden Abhängigkeiten gibt, eben
das Frauenhaus und seine Beratungsstelle im Vorfeld. Auch das
Stalking, das die Verfolgung der Frauen durch ihre ehemaligen
Partner nach einer Trennung betrifft, nimmt mehr und mehr zu,
oder aber es melden sich immer mehr Frauen, die dabei die professionelle
Hilfe des Frauenhauses Singen in Anspruch nehmen wollen.
Auch
einen Fall von Zwangsprostitution gab es aktenkundlich im letzten
Jahr in Singen, die Zahl der Zwangsverheiratungen lassen sich
nur grob schätzen. Erst seit dem Jahr 2001 gibt es für
die Polizei auch die Handhabe des Platzverweises. Dabei muss bei
akuter häuslicher Gewalt nicht die Frau ins Frauenhaus fliehen,
sondern der gewalttätige Mann wird entweder von der Polizei
zur Ausnüchterung oder Beruhigung mitgenommen, oder kann
bei Bekannten oder Freunden unterkommen. Damit nehme die Polizei,
so sagte Armin Droht, der im Bereich der Polizeidirektion Konstanz
für Gewaltprävention zuständig ist, das Thema sehr
ernst und wolle auch profunder Ansprechpartner sein. In jedem
Polizeirevier gebe es inzwischen zwei Ansprechpartner für
häusliche Gewalt an Frauen und Kindern wie für von ehemaligen
Partnern verfolgte Frauen. Immerhin, das brauchte fast 50 Jahre
seit der Gründung des Landes Baden-Württemberg. Der
Verein Frauenhaus Singen will dieses kleine Jubiläum nutzen,
um mit dem Problem der häuslichen Gewalt an die Öffentlichkeit
zu gehen und durch ein Mehr an Informationen auch die Frauen erreichen,
die bisher nichts oder zuwenig über die Möglichkeiten
des Frauenhauses wussten oder wissen. Im Herbst ist eine große
Aktion mit der Bäckerinnung geplant, bei denen auf Brötchentüten
für die Idee des Frauenhauses geworben werden soll und zum
anderen gegen häusliche Gewalt aufgerufen wird.
Oliver
Fiedler
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Häusliche
Gewalt wurde erst Anfang der 90er Jahre in unserer Region ein
Thema.
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