Porträt:
Lobby für behinderte Menschen vor 41 Jahren gegründet
Neue
Zeiten brauchten auch neue Formen der Gesellschaft. In der Nachkriegszeit
spielte das Thema der behinderten Menschen eine untergeordnete
Rolle, da viele behinderte Menschen in der Zeit der Nazi- Diktatur
einfach beseitigt wurden. Doch in den 60er Jahren musste sich
eine Gesellschaft diesem Problem wieder stellen. In Singen wurde
kurz vor der Gründung des Wochenblatt der Verein »Selbsthilfe
Singen- Hegau« gegründet, der Anlaufstelle für
die Eltern, Geschwistern oder auch Betreuer war, der eine Lobby
für behinderte Menschen werden wollte. 43 Gründungsmitglieder,
unter ihnen Eduard Hertrich, Dr. Hettesheimer und Professor Schmieder,
schritten damals zur Tat. In die Geschichte dieses außergewöhnlichen
Vereins, der gleichzeitig auch den Start der Selbsthilfegruppen
markiert, von denen es inzwischen über 160 im Landkreis gibt,
blickt Dr. Stefan Sauter-Servaes als jetziger Vorsitzender des
rund 250 Mitglieder starken Vereins zurück.

Laufen
für den BeTreff Singen: im Jahr 2003 wurde erstmals ein Sponsorenlauf
für die
Freizeiteinrichtung für Behinderte Menschen durchgeführt,
die vom Verein
»Lebenshilfe« unterhalten wird. Das Bild entstand
beim Sponsorenlauf 2005.
Frage:
1966 wurde die »Lebenshilfe Singen-
Hegau« gegründet, es war eine der ersten Selbsthilfegruppen.
Was war der Auslöser, dass es neben der staatlichen Hilfe
auch eine Selbsthilfegruppe brauchte?
Dr. Stefan Sauter-Servaes: Diese Selbsthilfegruppe, die
sich auch so genannt hat, war eine Vereinigung von Eltern und
Geschwistern von betroffenen Kindern und auch Jugendlichen und
Erwachsenen nicht nur von geistiger Behinderung sondern auch begleitender
Körperbehinderung. Verschiedene Institutionen und nicht betroffene
Personen haben sich aus Solidarität mit eingebracht. Man
hat damals erkannt, dass die Beratung der Betroffenen einer besonderen
Gruppierung bedarf. Das war im Prinzip damals schon der Beginn
der familienunterstützenden Dienste, die wir vor einem Jahr
unter der Leitung von Romana Trautmann offiziell eingeführt
haben.
Frage:
Wie waren denn die Zustände Ende der
60er Jahre überhaupt für eine Familie mit einem behinderten
Kind?
Dr. Stefan Sauter-Servaes: es gab keine Einrichtungen,
die sich von Staats wegen für die Behinderten einsetzten.
Das hat sich erst daraus entwickelt. Unsere Initiative war Vorreiter
gewesen. Es gab keine Schule, kein Wohnheim, es gab auch keine
Arbeitsmöglichkeiten und keine Freizeiteinrichtung. Die Behinderten
lebten in ihren Familien.
Frage:
Das bedeutet auch, dass sehr viel Öffentlichkeitsarbeit
notwendig war.
Dr. Stefan Sauter-Servaes: Ich bewundere da meine Vorgänger
im Vorstand wie die früheren Mitglieder, die sehr viel Pionierarbeit
geleistet haben und sehr viel Gutes bewirken konnten. Sie haben
darauf hingewiesen, wie wichtig es ist, dass wir uns um die Behinderten
kümmern. Es wurde schon zwei Jahre nach der Gründung
mit dem Bau einer beschützenden Werkstätte für
Behinderte begonnen, die später von der Caritas übernommen
wurde, es wurde der Bau eines Wohnheims für Behinderte initiiert,
der ebenfalls von der Caritas umgesetzt wurde. 1972 gründeten
Helga und Peter Nowak mit weiteren Interessierten die »Pfadfinder
trotz allem«, so wurde auch die Freizeit der Behinderten
allmählich gestaltet, bis dann 1996 der »BeTreff«
gegründet werden konnte.
Frage:
der BeTreff ist eine Einrichtung, die auch
nur sehr beschränkt gefördert wird.
Dr. Stefan Sauter-Servaes: Die Freizeiteinrichtung wird
leider nur vom Land Baden- Württemberg mit 26.000 Euro im
Jahr gefördert. Seit einem Jahr haben wir den Familiendienst
eingerichtet und bekommen den gleichen Betrag, das heißt
wir müssen das aufteilen. Das übrige Aufkommen müssen
wir erbitten und erbetteln, müssen Sponsoren und Gönner,
und alle, die uns wohl gesonnen sind, um Unterstützung bitten.
Wir müssen sehr viel Eigeninitiative ergreifen wie zum Beispiel
unser »Singen rennt für den Betreff, was nächstes
Jahr wieder durchgeführt werden soll. Wir bekommen auch gerichtlich
verfügte Geldstrafen zugesprochen, für die wir sehr
dankbar sind. Wir haben mit der Sparkasse Singen-Radolfzell immer
einen guten Donator gehabt. Unser Jahresbudget beläuft sich
um die 100.000 Euro, da müssen wir viel Geld sammeln dass
wir das auch bekommen.
Frage:
Ende der 60er Jahre gab es kaum Strukturen
für eine Familie mit einem behinderten Kind. Inzwischen hat
sich eine ganze Menge getan mit Wohnheimen, Schulen, Freizeitmöglichkeiten
und anderer Fördereinrichtungen. Hat sich, über das
Materielle hinaus, die Situation für behinderte Menschen
verbessert? Ist der behinderte Mensch angenommener Teil der Gesellschaft
geworden?
Dr. Stefan Sauter-Servaes: Wir haben hier im Kreis Konstanz
und Singen sehr gute Erfahrungen gemacht. Ich mache die Erfahrung,
dass die behinderten Menschen hier bei uns sehr gut integriert
und angenommen sind.
Oliver
Fiedler
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