Porträt:
Kampf gegen die Drogen in den 70er Jahren
Die
Studentenunruhen waren an Singen und der Region fast vorbeigegangen,
hätte nicht der Konstanzer SDS mit bundesweiter Unterstützung
just im Gründungsjahr des WOCHENBLATTs die roten Fahnen auf
der Ekkehardstraße wehen lassen. SDS, das war der Sozialistische
Deutsche Studentenbund, dessen Kopf ein Rudi Dutschke war, der
aber nach 1967 viele dunkelrote Schattierungen bekommen hat. Ab
1971 hatte die folgende Drogenwelle den Kreis Konstanz –
und vor allem Singen – voll im Griff. Ein Doppelselbstmord
von Sohn und Mutter hatte in Singen aufgeschreckt. Er war ein
hochbegabter Naturwissenschaftler und Außenseiter zugleich.
Wegen fehlender Sprachkenntnisse wurde ihm die Versetzung am Singener
Hegau-Gymnasium verweigert. Da folgte der Selbstmord. Was hinterher
herauskam, schockierte alle: In der Garage des Mehrfamilienhauses
hatte er fast industriell LSD hergestellt. Er besaß sogar
dafür gedruckte Banderolen!
Die
Politik antwortete durch Idealisten: Der Verein zur Bekämpfung
des Drogenmissbrauchs wurde gegründet. Der Chef im Ring war
Professor Dr. Heinz Rübsaamen, Pathologiechefarzt am Singener
Krankenhaus und Kreisrat der CDU. Teestuben entstanden in Singen
und Konstanz. Drogenberatung wurde noch unter Landrat Dr. Heinz
Göbel zur Pflichtaufgabe des Landkreises. Singen war nach
Mannheim Schwerpunktstadt im Ländle in Sachen Kriminalität
und Drogen. Einer stolperte über die Drogenwelle, der Konstanzer
Polizeidirektor Hans Stather. Er versuchte, noch eine Absolution
von den Drogenfachleuten im Kreis zu bekommen, doch der Versuch
einer Tagungsresolution schlug fehl. Stather war letztlich Opfer
einer grandiosen Köpenikiade: In Singen tauchte ein deutsch-amerikanischer
Drogenberater im Wohnheim der Teestube auf. Als es Probleme bei
ärztlicher und medikamentöser Hilfe gab, gab er sich
einfach einen Doktortitel. Da zwei Doktortitel noch besser sind,
legte er sich den auch noch zu. Er missionierte so gut, das ihn
die Konstanzer Tageszeitung zum Kronzeugen machte. Das ärgerte
Stather so, dass er ermitteln ließ. Und da flog der doppelte
Doktor auf, was keinen Einfluß auf die Notwendigkeit des
Handels hatte.
Professor
Rübsaamen hatte schon 1976 mit Methadon-Programmen gespielt:
Täglich in der Teestube abzuholen. Er hatte das Elend der
Heroinopfer täglich erlebt. Mit der Drogenwelle hatte damals
jede Jugendeinrichtung zu kämpfen. Das Singener Haus der
Jugend war mindestens dreimal geschlossen worden. In Stockach
durfte es nicht sein. Der dortige Stadtjugendring kämpfte
als Träger des Hauses der heutigen Musikschule mit der Sucht.
Als dort ein Qualifizierungsseminar für Jugendhausmitarbeiter
stattfand, wurden eingeschleuste Drogenberater unter Meskalin
gesetzt. Der Täter war zwar schnell ausgemacht: Wenige Monate
später gehörte auch er zu den Drogentoten im Kreis.
Die Schicksale bekamen die Ermittlungsbehörden überhaupt
nicht mit.
Zu
den Höhepunkten der Drogenwelle gehörte Mitte der 70er
Jahre ein besonderer Kriminalfall: Ein Chemielaborant im Kinderdorf
in Wahlwies hatte im dortigen Labor Heroin mit Strichnin versetzt.
Sieben Drogentote waren die Folge. Die Hintermänner des organisierten
Verbrechens konnten sich solche Exzesse nicht lange leisten. Junge
Leute unter Drogen gehörten zum Singener Stadtbild, viele
Kneipen zum Milieu. Optisch ist heute vieles anders, ob die Sucht
inzwischen aber nur noch verwaltet wird, ist die andere Frage.
Hans
Paul Lichtwald
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Die
Singener Teestube hat Tradition. In diesem Gebäude an der
Mühlenstraße gab es zuerst ein Obdach für Drogengefährdete.
Das handgeschriebene Schild war Zeitgeist.
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