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 Letzte Lebensphase nicht verdrängen

Porträt: Hospizverein Singen-Hegau

Das Ende der 60er Jahre war nicht nur die Zeit für eine neue Zeitung wie das Wochenblatt, in England reagierten Menschen darauf, dass der Sterben immer mehr an den Rand der Gesellschaft gedrängt wurde - ein Phänomen, das sich auch in Deutschland seht stark ausgeprägt hatte. 1994 wurde im Hegau durch eine Initiative von Pfarrer Gebhard Reichert sowie Professor Gerhard Krieger und seiner Frau Gisela der Hospizverein Singen-Hegau gegründet, der heute 382 Mitglieder zählt, und dessen rund 30 ehrenamtliche Betreuer unter der Führung von Einsatzleiterin Renate Reinmuth und Margreth Suhr 1.626 Einsatzstunden im letzten Jahr absolvierten. Die Zahl der Einsatzstunden lag noch im Jahr 2000 bei 549 was den steigenden Bedarf einer würdigen Sterbebegleitung dokumentiert. Der derzeitige Vorsitzende des Hospizvereins Singen-Hegau, Aachs Altbürgermeister und Diakon Pirmin Späth, antwortete auf die Fragen des WOCHENBLATTs.


Der Hospizverein Singen-Hegau wurde im Jahr 1994 gebründet.
Im Bild die aktuelle Vorstandschaft mit dem Vorsitzenden Diakon
Pirmin Späth, der zweiten Vorsitzenden Irmgard Schellhammer,
Schriftführerin Barbara Wagenblast und Einsatzleiterin Renate Reinmuth.
swb-Bild: of

Frage: Herr Späth, welche Notwendigkeit bestand, einen solchen Verein für unsere Region zu gründen?
Pirmin Späth:
Die Gründung des Vereins geht auf 1994 zurück. Damals hatten Professor Dr. Krieger und seine Frau einfach aus ihrer beruflichen Tätigkeiten im Hegau- Klinikum die Notwendigkeit erkannt, dass hier ein großer Bedarf besteht Schwerstkranken und Sterbenden zu helfen.

Frage: es sollte eine gesellschaftliche Gruppe damit beauftragt werden, diese Begleitung vorzunehmen.
Späth:
So wie ich das einschätze, sind Krankheit, Sterben, Tod in der Gesellschaft ein Tabuthema. Da wurde verdrängt. Und gerade in der Aufbruchsphase nach dem Krieg, in den 60er und 70er Jahren, wo alles nach vorne ging, hat das kaum eine Rolle gespielt. Aber es ist ein Thema das jeden trifft. Das bewusst zu machen, diese Erkenntnis ist einfach hier gewachsen.

Frage: haben sie das Gefühl, dass sie als Verein eine Bewussteinschärfung für die Endlichkeit des Lebens schaffen können?
Späth:
Ich bin mir ganz sicher, dass das im Rahmen unserer Möglichkeiten auch gelungen ist. Das ist auch ein ganz großes Ziel unserer Vereinsarbeit und Satzungszweck. Wir wollen das Bewusstsein wecken, dass der Tod ein Bestandteil des Lebens ist. Und dass man Tod, die letzte Phase des Lebens ganz bewusst gestalten kann. Dabei möchten wir helfen ganz konkret in der Sterbephase, aber auch bei der Bewusstseinsweckung in der Gesellschaft.

Frage: Haben sie keine Befürchtung, dass sie von der Medizin zum Dienstleister akquiriert werden? Ihre Arbeit wird ja bereits in bestimmte Programme von Krankenkassen, wie etwa das Modell der »integrierten Versorgung« der DAK installiert, das auch zur Kostenersparnis bei den Krankenhäusern beitragen soll.
Späth:
Der Hospizverein Singen -Hegau leistet seine Arbeit wie andere auch ehrenamtlich. Das sind hochmotivierte Begleiterinnen und Begleiter unterstützt durch einen ehrenamtlichen Verein die hier wertvolle Dienste leisten. Umfragen sagen aus, fast alle Menschen würden gerne daheim sterben, im Umkreis der Familie, doch das ist nicht möglich. Die Tatsache ist, dass etwa 80 Prozent dieser Menschen in Krankenhäusern sterben. Dabei mitwirken zu können, dass die Menschen daheim sterben können, da möchten wir uns einklinken.

Frage: die Zahl der Stunden, die sie mit ihren Betreuern für Sterbegleitungen eingesetzt haben, hat sich seit dem Jahr 2000 verdreifacht. Sehen sie hier noch einen weiter steigenden Bedarf?
Späth:
Das ist zunächst ein Nachweis dafür, dass unsere Öffentlichkeitsarbeit Früchte trägt und dass der Hospizgedanke in die Öffentlichkeit vermittelt werden kann. Übrigens sehen wir auch, dass die Politik sich mit diesem Thema beschäftigt, das geht über die Patientenverfügung hinaus. Insgesamt wird Sterben und Tod wieder ein gesellschaftliches Thema.

Frage: sehen sie das als ihr Verdienst an?
Späth:
in aller Bescheidenheit, auch. Die Gesellschaft wird älter, das erleben wir ständig in der politischen Diskussion. Die Familienverbände existieren nicht mehr so, wie sie existiert haben. Die Menschen sind in der letzten Lebensphase auch oft alleine. Deswegen muss von außen auch Hilfe kommen.

Frage: Wie kann eine Gesellschaft lernen, besser mit dem Thema der Endlichkeit des Lebens umzugehen?
Späth:
Man muss sich wieder bewusst machen, das es ein Thema ist, dass jeden persönlich angeht. Und je früher ich mich mit meiner eigenen Lebensgeschichte und mit meinem eigenen Lebensende auseinandersetze, desto mehr kann sich das auch annehmen. Desto mehr kann ich auch diese letzte Lebensphase vorbereiten und das nicht verdrängen.

Das Gespräch führte Oliver Fiedler