Marion
Czajor zieht neue Linien für die Zukunft / Weichenstellung
Was
Marion Czajor macht, entspricht nicht immer den Erwartungen an
übliche Verhaltensmuster. Gleich, in welchem politischen
Umfeld sie agiert, setzt sie ganz eigene Akzente. „Mein
Handeln und Denken ist eins“, sagt sie. Und weiter: „Ich
habe mich noch nie verbogen!“ Sie wolle dem christlichen
Menschenbild gerecht werden, sagt sie. Dafür sprechen viele
Taten. Als die Not im jugoslawischen Bürgerkrieg 1991 am
größten war, holte sie Kinder, die ihre Heimat und
Familien verloren hatten, in den Kreis Konstanz zur Erholung.
Solche Aktionen fanden oft ein geteiltes Echo, denn sie machte
vielen anderen klar, dass sie nur redeten aber nicht handelten.
Marion Czajor ist sich ihrer Andersartigkeit durchaus bewusst:
„Ich betrachte die politische Arbeit nicht als Geschäft!“

Als Frau unter den Granden des Landes: Marion Czajor
mit Ministerpräsident Erwin Teufel, Wissenschaftsminister
Klaus von Trotha und IHK-Präsident Dietrich H. Boesken. swb-Bild:
privat
War
sie zuerst die junge Frau an seiner Seite, der Seite des CDU-Kreisgeschäftsführers,
so änderte sich dies bald. Als Anfang der 70er Jahre auf
der Heimfahrt von einer Wahlveranstaltung der Überlinger
CDU-Spitzenkandidat für die Kreistagswahl, Karl-Heinz Niedermayer,
tödlich verunglückte (er war zugleich stellvertretender
Landesvorsitzender der Jungen Union, startete sie eine Spendenaktion.
Der Hoffnungsträger der CDU hatte seine aus Singen stammende
Frau und drei kleine Kinder hinterlassen. 30 000 Mark kamen zusammen.
Dann erlebte Marion Czajor erstmals den Einfluss der Bedenkenträger:
Der Erfolg schaffte Probleme, denn jetzt durfte das Geld nur für
die Ausbildung der Kinder gut angelegt werden. Solche Momente
haben Marion Czajor, damals ebenfalls junge Mutter, geprägt.
Sie
setzte verstärkt auf die Zusammenarbeit der Frauen, nicht
nur in der CDU. Wie findet man als Neubürger Zugang in einer
alemannischen Hochburg? Die Czajors haben erst einmal alles richtig
gemacht: Sie haben sich geöffnet und sind bald in den Hegau-Geschichtsverein
und in die Poppele-Zunft eingetreten. Es folgte für Marion
die Muettersproch- Gsellschaft und der Kirchenchor von Peter und
Paul. Das sei die Basis gewesen, um damals als Nordlicht hier
beruflich bestehen zu können.
Das Jahr 1987 war nicht nur das Jahr der 1200-Jahr-Feier in Singen,
es wurde auch zu einem echten Integrationsjahr für die Kommunalpolitikerin
Marion Czajor. Die Bäume auf dem Weg zum Hohentwiel waren
dem Zahn der Zeit zum Opfer gefallen. Sie sammelte Spender für
eine neue Hohentwiel-Allee mit kräftigen Kastanienbäumen.
Für Kinder richtete sie einen Malwettbewerb aus, die den
Singener Bären zeichnen durften. Das war natürlich hochpolitisch,
denn der Freiburger Grafiker Pölzelbauer hatte gerade den
schwangeren Bären zum Stadtjubiläum aus dem Hut gezaubert.
Zur Einweihung der neuen Allee hingen die Bären-Bilder der
Kinder mit Wäscheklammern an einer Leine von Baum zu Baum.
Marion Czajor mischte sich ein und wurde zur Buch-Herausgeberin.
Die Hegau- Poesie erschien zum Jubiläum. Marion Czajor, die
ihre eigene Sprache nie verstellt hat, bot Mundartautoren der
Region ein Podium, auf das sie andere nicht stellen wollten. Auch
die zweite Auflage ist bald vergriffen gewesen.
Und
noch einmal langte Marion Czajor entgegen der offiziellen Kulturlinie
zu. Vor 40 Jahren hatten die deutschen Kriegsgefangenen die Theresienkapelle
gebaut. Über das Radio rief Marion Czajor ehemalige Gefangene
zur Teilnahme an einem Treffen auf. Der Zustrom war enorm. Zugleich
erschien ein Buch „Ein Mahnmal für Versöhnung
und Völkerverständigung“. Sie hatte an eine Gruppe
von Menschen gedacht, die andere nicht mehr auf ihrer Agenda hatten.
Das ist durchaus typisch für Marion Czajor.
Marion
Czajor hatte die Seniorenarbeit in der Volkshochschule aufgebaut
und nach dem politischen Bruch 1994 unter dem Dach des Katholischen
Bildungswerks weitergeführt. Viele Kontakte verbinden sie
mit den Singener Ausländergruppen. Möhrles Ausländerbeirat
hält sie noch heute für eine der größten
Errungenschaften von Singen. Den Schlüssel zur Integration
sieht sie in der Klarheit im Umgang miteinander: Die Menschen
müssten genau wissen, welche Zukunft sie hier haben. Und
das müsse dann auch gelten.
Hans-Paul
Lichtwald
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