Die
Raubritter auf den Vulkankegeln
Graf Eberhard von Wirtenberg war es, der
1378 den Mägdeberg als südlichsten Zipfel seines Reiches etabliert
hatte. Und es war keine ruhmreiche Zeit, die der Berg in den Jahren zuvor
erlebte: Die Reichenauer mussten die Burg an die Herren von Dettingen
zwangsverpfängen und die Dettinger verkauften den Berg kurzerhand an den
Grafen von Wirtenberg. Heinrich von Dettingen blieb trotz des Verkaufs Herr der
Burg und musste die Burg schließlich 1378 gegen Seestädte
verteidigen, die im Krieg gegen Wirtenberg den Hegauberg als ernsthafte
Bedrohung sahen: Konstanz hatte den Oberbefehl, es wurde lange um die Burg
gerungen, bis schließlich 18 Mann Burgbesatzung desertierten und die Seestädte
die Burg einnahmen und völlig zerstörten.
Ruinen sind sie
heute alle, die Burgen im Hegau und Linzgau, ihre stolze Zeiten hatten sie
trotzdem, ihre wilden sowieso. Es war hauptsächlich ein soziales Problem,
was den Hegau zum wilden Westen der Region werden ließ, in dem sich "brave
Städter" von Raubrittern bedroht fühlen mussten: Der ländliche
Adel erlebte im 15ten Jahrhundert seinen Niedergang, die Einkünfte aus den
Grund- und Lehenzinsen, welche die Bauern an die Ritter bezahlen mussten, wurden
weniger, die städtischen Handwerker und Kaufleute wurden reicher und
reicher.
Die Ritter also bemühten sich darum, an Einfluss zu
gewinnen, belagerten Wege, verlangten Wegezoll, nahmen Kaufleute gefangen, in
dem sie ihnen Zollvergehen vorwarfen und waren alsbald als Raubritter in den Städten
verschrien. Fehden gab es zu dieser Zeit genug, so dass die eine oder andere
Aktion der Burgherren auf dem absteigenden Ast durchaus ungesühnt blieb: Zu
unübersichtlich waren die Beziehungsgeflechte auch zwischen den Städten
am See. Und die Hegauritterschaft war auch schon mit den Städten verbündet:
1427 war der Sitz des Ritterkantons Hegau in Radolfzell, und Hegauritter waren
selbst mit Konstanz verbündet. Der große Krach kam dennoch: 1439
wurden Bürger der Städte Memmingen und Kempten von der Burg Hohenhewen
aus überfallen und ausgeraubt, es gab Tote und Verletzte. Die Städte
wandten sich an den schwäbischen Bund. Werner von Schienen führte die
Hegauritter an. Die Ritter vom Hegau fingen an, regellos Bürger aus den Städten
gefangen zu setzen und nur gegen hohes Lösegeld wieder freizulassen. Hans
von Rechberg, der in Hornstaad auf der Höri ein Raubhaus eingerichtet
hatte, machte auf dem Untersee mit schnellen Booten Jagd auf Handelsschiffe.
Werner von Schienen griff von Stein am Rhein die Kaufleute auf ihrer
Wasserstraße an. Im Mai 1441 dann der große Clou: Die beiden Recken
machten Kaufleute aus Ulm und anderen Städten um 120000 Gulden ärmer,
zweihundert Bauern und fünfzig Pferde mussten die Beute auf die Schrotzburg
auf dem Schienerberg, zum Hohenhewen und nach Engen bringen. Den Städtern
platzte der Kragen: Vertreter von 32 schwäbischen Städten trafen sich
in Konstanz und beschlossen, den Raubrittern ihr Handwerk zu legen. Mit 1000
Reitern, 400 Wagen und schweren Geschützen setzte sich wenig später
ein kleines Heer aus Überlingen in Bewegung Richtung Radolfzell. Dort war
der Sitz der Hegauritter immer noch. Die Konstanzer hielten sich bei der
Intervention vornehm zurück. Die Radolfzeller - schockiert über das für
ihre Verhältnisse doch große Heer - öffneten die Tore und traten
dem Städtebündnis bei. Die Schrotzburg sollte als erstes geschleift
werden. Wurde sie auch, aber: Werner von Schienen und seine Recken entkamen (die
Öhninger Narrenzunft "Piraten vom Untersee" hat sich aus dieser
Zeit ihren Namen geangelt).
In Wangen wurde Werner von Schienens neues
Schloss dem Erdboden gleichgemacht, die Burgen Randegg und Staufen fielen, sie
gehörten Hans von Rechberg. Hilzingen musste 300 Gulden zahlen und blieb
weitgehend verschont, die Honstetter Wasserburg machte das Heer der Städter
dem Erdboden gleich, die Burgen Tengen und Hohenhewen hielten sich, Engen
ebenfalls. Versöhnt waren die Städte dennoch nicht, zumal sie von dem
geraubten Vermögen nur wenig wiedergesehen hatten. 1442 zogen die Städter
gegen Hintertengen und schossen es in Brand, Blumenfeld wurde erfolglos
belagert, die Dörfler waren die eigentlich Leidtragenden der Angriffe, die
fremdem Besitz genauso zugeneigt waren wie die Raubritter auf den Burgen: Die Dörfer
wurden weitgehend geplündert. Als der Krieg nicht enden wollte, musste der
König ran: In Konstanz schloss man Frieden, der aber nicht lange halten
sollte.
Anatol Hennig
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