Wie alt
sind wir?
Erst nach dem Einsetzen einer wärmeren
Periode, wieder durch große Waldgebiete charakterisiert, haben wir nach
den Heidelbergischen Funden Belege frühmenschlicher Existenz. Ein weiterer
Schädelfund (1933 entdeckt bei Steinheim an der Murr) datiert in eine Zeit
vor ca. 250.000 Jahren und wird von der Forschung als eines frühesten
direkten Vorstufen zum homo sapiens angesehen, der homo sapiens steinheimensis.
Leider wurden dort bisher keine Werkzeuge gefunden, aber Vergleiche aus dem
westlichen und südlichen Mitteleuropa zeigen, dass diese Frühmenschen
differenzierte Abschlaggeräte aus Stein und Jagdwaffen aus Holz besaßen.
Wieder klafft eine zeitlich große Fundlücke bis zum
Neandertaler, der vermutlich vor ca. 100.000 Jahren in Südwestdeutschland
heimisch war. Ein Oberschenkelbruchstück, gefunden 1937 in der Stadelhöhle
am Hohlenstein, wird dem Neandertaler zugeschrieben und hat ein Alter von ca.
80.000 - 60.000 Jahren. Der Neandertaler (homo sapiens neandertalensis) erlebt
ja gerade eine Art der Wiedergeburt. Wurde er bis noch vor gar nicht langer Zeit
als ein krummbeiniges und langarmiges, mehr oder weniger intelligentes und dem
damaligen homo sapiens weit unterlegenes Geschöpf angesehen, so versteigen
sich heute manche in der Behauptung, er würde entsprechend gekleidet, in
einer Stadtbevölkerung gar nicht mehr auffallen. Wie dem auch sein mag, der
Neandertaler lebte nicht nur vor dem homo sapiens, sondern sicher auch eine
zeitlang mit dem homo sapiens zusammen. Inwieweit allerdings Kontakte zwischen
den Gruppen bestanden haben mögen, ist umstritten. Vor ca. 32.000 Jahren
treffen wir den modernen Menschen, den homo sapiens sapiens, mit eindrucksvollen
Funden an. Berühmt sind vor allem die Tierfigürchen aus der Vogelherdhöhle
bei Ulm und dem Geißenklösterle bei Blaubeuren, die als früheste
Kunstgegenstände gelten.
Ab dieser Zeit, die von sich
abwechselnden Kälte- und Wärmeperioden geprägt war, berichten uns
zahlreiche Funde über die Lebensweise der damaligen Jägergruppen.
Eiszeit Man stelle sich eine Landschaft mit niedrigem und kargem
Pflanzenbewuchs vor, ein Boden, der bis mehrere Meter tief gefroren ist und
selbst in den wenigen Wochen des sogenannten Sommers nur an der Oberfläche
auftaut. Eine karge Landschaft mit rauhem Klima, die durchschnittliche
Jahrestemperatur lag bei -3º bis -1º C. Diese Tundralandschaft liegt
nicht in Sibirien sondern lag im Bodenseeraum. Sie wurde begrenzt im Norden
durch die Höhen des Schwarzwaldes und der Schwäbischen Alb, im Süden
durch den eisigen Wall der Gletscher, die über Singen hinaus reichten. Wir
befinden uns in einer Zeit vor ca. 15.000 Jahren und damit in der letzten Phase
der Eiszeit, der sogenannten Würmeiszeit. Vom Bodensee war weit und breit
noch nichts zu sehen, er sollte sich erst nach dem Rückzug der mächtigen
Alpengletscher als tiefes, von den Eismassen ausgeschürftes Becken mit den
Schmelzwassern auffüllen und später zum Anziehungspunkt
jungneolithischer Siedler werden. Aber kehren wir zur Eiszeit des 13.
vorchristlichen Jahrtausends zurück, zu einer Periode, die von den Archäologen
nach einem französischen Fundort als Magdalénien bezeichnet wird.
Das Klima war damals nicht mehr ganz so kalt, das Jahresmittel lag in etwa bei 4º-7º
C, und die Landschaft vor den Gletschern war durch Steppenvegetation wie Gräser,
Kräuter und niedrige Sträucher geprägt - Wälder gab es noch
nicht. Der Eisrand lag in etwa auf der Höhe von Schaffhausen und die
Gletscher bedeckten zum größten Teil die Landschaften des Hegaus. Als
bedeutendsten Fundort dieser Zeit ist das Kesslerloch beim heutigen Grenzort
Thayngen gelegen, zu nennen. Zahlreiche Geräte aus Rengeweih und -knochen,
zum Teil mit Tierdarstellungen verziert, wie Wurfspeere und Harpunen,
charakterisieren die Bewohner dieser Höhle als spezialisierte Rentierjäger.
Es wurden aber auch beispielsweise die Knochenreste vom Mammut, Wollnashorn,
Steinbock und Wisent sowie von einigen Raubtieren wie Höhlenlöwe,
Braunbär, Wolf und Luchs gefunden.
Das Klima beginnt zunehmend milder zu werden und das Eis zieht sich
weiter in Richtung Alpen zurück. Als Abflussrinne der Schmelzwasser
entstand zwischen Engen und Singen eine weite Talebene, in der ideale
Weidebedingungen für die damals großen Rentierherden bestanden. In
geschützten Lagen konnten sich nun vereinend stehende Bäume behaupten.
Eines der Täler in diesem Gebiet ist uns heute als Brudertal bei Engen
bekannt, in der zwei eiszeitlich genutzte Höhlen liegen: der sogenannte
Petersfels und die Gnirshöhle. In beiden Höhlen wurden durch
Ausgrabungen bedeutende Fundmaterialien zu Tage gefördert, die uns ein
anschauliches Lebensbild der vergangenen Jägerkulturen vermitteln.
Besonders berühmt sind der Lochstab aus der Petersfelshöhle mit seiner
Darstellung zweier Rentiere und die stilisierten Frauenfigürchen aus
fossilem Holz (Gagat), die wohl als Anhänger oder als Schmuckbesatz auf der
Kleidung gedient haben. Das damalige Leben war geprägt durch die
verschiedenen Jahreszeiten. Die Menschen richteten sich nach den Wanderzügen
der großen Rentierherden und suchten sich Behausungen, von denen aus man
die Jagdzüge ohne weite Märsche unternehmen konnte. Der Petersfels und
die Gnirshöhle, an einer engen Stelle im Brudertal gelegen, waren dazu
ideal. Die Rentiere verließen im Herbst ihre Sommerweiden im Alpenvorland
und wanderten nach Norden zur Überwinterung ins mittlere Neckargebiet.
Dabei konnten sie beim Aufgang zu den Höhen der Schwäbischen Alb durch
die schon wartenden Jägergruppen leicht in enge Täler abgedrängt
und in großer Zahl erlegt werden. Man verarbeitete die Tiere direkt an Ort
und Stelle und legte sich somit einen Vorrat für den bevorstehenden langen
Winter an.
Vor ca. 11.000 Jahren wurde das Klima deutlich wärmer. Das Eis
zog sich in die Alpen zurück, der Bodensee füllte sich mit den
Schmelzwassern und die Landschaft veränderte sich recht rasch. Es
entstanden ausgedehnte Wälder und die Zeit der großen Tierherden war
endgültig vorbei. Sie wanderten nach Norden ab und die Mehrzahl der
eiszeitlichen Jäger dürfte ihnen gefolgt sein. Der Mensch musste sich
auf die Einzeljagd nach den Tieren des Waldes umstellen, die zudem in weit
geringerer Zahl als die Rentiere vorhanden waren. Damit ging auch eine
Umstellung der gesamten Lebensweise einher, die offensichtlich nur von wenigen
erfolgreich bewältigt wurde; uns sind nur wenige Lagerplätze bekannt.
Vom Rentierjäger zum Jäger und Sammler, dies ist vor ca. 9.500 Jahren
wohl durch eingewanderte Gruppen geschehen. Es bricht somit die letzte Epoche
der Jäger- und Sammlerkulturen an, das sogenannte Mesolithikum, die
Mittelsteinzeit. Die Menschen suchten Geländekuppen, die Seeufer und
nachwievor Höhlen und Felsüberhänge als Lagerplätze auf, um
von dort je nach Saison den Tieren nachzustellen und die reiche Nahrungsquelle
Wald zu nutzen. Auch der Fischfang spielte in den Seeuferplätzen ein große
Rolle. Der Wasserstand des Bodensees hatte sich zur damaligen Zeit auf 400 m ü.NN
eingependelt (heute bei mittlerem Wasserstand 395 m ü.NN). Zahlreiche
mesolithische Fundplätze liegen auf dieser Höhenlinie und dürften
wohl in unmittelbarer Nähe zum See angelegt worden sein. Schon zu damaliger
Zeit hatte der Bodensee wohl eine starke Anziehungskraft auf den Menschen ausgeübt,
allerdings lag mehr die Beschaffung von Nahrung im Vordergrund als das
Freizeitvergnügungen. Mit seinem Wild- und vor allem auch Fischreichtum und
mit seinen vielfältigen Nahrungsressourcen in den Waldgebieten bot die
Region am See ein ideales Aufenthaltsgebiet der nomadisierenden Jäger- und
Sammlergruppen.
Als wohl bedeutendsten Einschnitt in der Entwicklung des Menschen wird
der Wechsel vom Jäger- und Sammlerleben zur bäuerlichen Sesshaftigkeit
angesehen. Nie zuvor und auch nie danach ist die Lebensweise so einschneiden verändert
worden wie in der Mittleren Steinzeit vor ca. 7.500 Jahren. Schon vor ca.
10.000 Jahren begann man im Orient mit der Kultivierung von Wildgetreide und der
Domestizierung wilder Tiere wie z.B. Schafe und Ziegen. Langsam begann der
Mensch sich auf eine völlig andere Lebensform umzustellen. Seine Ernährung
musste er nicht mehr mühselig zusammensuchen oder erjagen. Er konnte mit
dem Anbau von Feldfrüchten und der Zucht von Haustieren Überschüsse
erwirtschaften, die ihn in die Lage versetzten, Vorräte für eine größere
Anzahl von Menschen anzulegen; damit wurde die Grundlage für
Siedlungsgemeinschaften gelegt. Für diese Wirtschaftsweise mußte
allerdings das Nomadentum aufgegeben werden, die Menschen errichteten dauerhafte
Behausungen und verblieben über Generationen an einem Ort. Ausgehend vom
Orient verbreitete sich diese Art des Daseins langsam über den Balkan bis
nach Südwestdeutschland, wo ab der Mitte des 6. Jahrtausends vor Christus
der Abschied von der jägerischen Lebensform begann. Dieses einschneidende
Ereignis wird heute als die Neolithische Revolution bezeichnet. Was passierte
damals? Wir haben gesehen, in unserem Gebiet lebten wandernde Gruppen, die von
der Jagd und den Waldfrüchten lebten. Um 5.500 v.Chr. wurden diese
Lebensform aber immer mehr durch eine bäuerliche Lebensweise abgelöst,
deren Träger nach der Verzierungsweise ihrer Keramik als Bandkeramiker
bezeichnet werden. Ihre Kultur drang von Osten her kommend in unseren Raum ein
und verbreitete sich relativ rasch über Mitteleuropa von Ungarn bis nach
Holland. Sie waren es, die bei uns zum ersten Male Häuser errichteten,
Felder anlegten und Tiere züchteten und damit auch massiv in das
Landschaftsbild eingriffen. Schließlich mußte man Platz schaffen für
die Weiden und Felder. Das bedeutete die Rodung der ausgedehnten Waldflächen,
bei der auch Baumaterial für die Häuser abfielen. Da man die Düngung
noch nicht kannte, mussten im Laufe der Generationen für immer neue Flächen
für den Ackerbau und Viehzucht auf Kosten des Waldes Raum geschaffen
werden. Neben ihrer typischen, mit Bändern verzierten Keramik sind den
Archäologen die Langhäuser der Bandkeramiker gut bekannt, deren Reste
wir in Siedlungen bei Hilzingen oder beim Hohentwiel bei Singen gefunden haben.
Ebenso haben Ausgrabungen in Baden-Württemberg eine große Anzahl
bandkeramischer Gräberfelder ergebe, in den die Torten in der Regel als
Hockerbestattungen der Erde anvertraut worden sind. Neuere Forschungen ergaben,
dass auch mediterrane Gruppen aus dem italischen Raum in etwa zeitgleich mit der
bandkeramischen Kultur ihre bäuerlich geprägte Kultur nach Norden
trugen. Die Einflüsse dieser nach dem französischen Fundort La
Hoguette bezeichneten Kultur sind auch im Bodenseeraum nachweisbar, allerdings
gingen sie dann in der bandkeramischen Kultur auf. Bisher ist nicht bekannt,
wie die ansässigen Jäger auf die neue Lebensform reagierten. Mussten
sie sich in nicht von den Bandkeramikern genutzte Gebiete zurückziehen,
wurden sie von den Einwanderern eliminiert oder übernahmen sie die bäuerliche
Lebensweise, wurden also "neolithisiert"? Am meisten wahrscheinlich
ist wohl die mehr oder weniger friedliche "Neolithisierung" der Jägerkulturen
anzunehmen, ohne dies allerdings archäologisch nachweisen zu können.
In einem Punkt sprechen die archäologischen Befunde allerdings eine recht
eindeutige Sprache. Mit dem Auftauchen der bandkeramischen Kulturen ging ein
recht schneller und krasser Wechsel der Lebensweise einher, die jägerischen
Gruppen verschwinden im archäologischen Fundgut völlig. Es brach nun
eine Epoche an, in der Ackerbau und Viehzucht das Leben der Siedler bestimmte
bis gegen Ende des 5. Jahrtausends v.Chr. die Menschen am Bodensee begannen,
ihre Dörfer in die Uferbereiche der Seen zu verlagern und die ersten
Pfahlbauten errichteten.
Dr. Patrick Rau, Archäologisches Landesmuseum Konstanz |