Die
Stockach machten für sie Schulden, die Franzosen köpften sie
In den Städten, durch die die Österreicherin
Marie Antoinette mit ihrem Troß fuhr, war helle Aufregung. Beispiel
Stockach: Am 20. März beschloss das Stockacher Magistrat, dass die Straße,
über die Marie kommen sollte, instandgesetzt werden müsse, aus den
Nachbarorten liehen sich die Stockacher Böllerschüsse, um die künftige
Königin gebührend zu empfangen, sechs Ochsen und 80 Brote standen für
Maries Tross bei den Stockacher Metzgern zur Verfügung und sogar das
Rathaus wurde saniert. Am 9. April dann mussten noch mehr Stockacher ran: Alle Häuser
mussten geweißelt werden, wer es unterließ, war um fünf Pfennig
ärmer. Das ist mehr Geld, als man heute denkt. Wien ordnete an, dass die Bürger
bei der Ankunft von Marie Antoinette Spalier zu stehen hätten. Am 2. Mai
kam die edle Dame mit 21 sechsspännigen Prachtwagen und 36 vornehmen
Kutschen, 450 Pferden und 257 Gefolgsleuten von Zoznegg über die Besetze
und die heutige Meßkircher Straße nach Stockach.
Am 2. Mai
übernachtete die künftige Königstochter im "Weißen
Kreuz"", das später Polizeigebäude und schließlich
Einzelhandelsstandort wurde. Nach der Übernachtung in Stockach zog Marie
Antoinette mit ihrem Gefolge weiter durch Nenzingen, Eigeltingen, Aach, Engen
und Geisingen bis nach Paris. Prominente Gäste waren früher nicht
immer eine lohnende Sache: Die Stockacher mußten für den Empfang der
teuren Österreicherin vom heutigen Weingarten (bei Ravensburg) insgesamt
2000 Gulden Schulden aufnehmen.
Und nach dem Zug durch den Hegau? Marie Antoinette wurde,
wie von den Eltern geplant, mit dem Enkel von König Ludwig
XV., geehelicht, gelangte in Versailles an einen Hof, der
zeitgemäß von Intriganten nur so wimmelte. Diplomatisch
war sie nicht, leicht hatte sie es folglich bei Hofe auch
nicht. Ihr Mann, der Dauphin Louis-Auguste, der von Historikern
als scheuer und unbeholfener Charakter bezeichnet wird, soll
in den ersten sieben Jahren die Ehe nicht vollzogen haben.
Ludwig XV. starb 1774, der Dauphin bestieg den französischen
Thron, Marie Antoinette, gerade mal 18, wurde Königin.
Ihr verschwenderischer Lebensstil brachte sie schon bald in
Verruf. 1789 war die Staatskasse Frankreichs leer, daran waren
freilich mehr schuld als Marie Antoinette. Dennoch: Die Königin
war zum Symbol für die Verschwendung von etwas geworden,
was es damals noch gar nicht gab: Von Staatsmitteln, die der
Gemeinschaft gehören. Am 14. Juli dann der Sturm auf
die Bastille: Die Massen in Frankreich waren nicht mehr zu
halten, die französische Revolution hatte begonnen. Ludwig
XVI. versuchte sich als konstitutioneller Monarch, sah aber
zunehmend seine Felle davonschwimmen und wollte schließlich
ins Ausland fliehen. Die Revolutionäre fassten ihn, Ludwigs
Kopf rollte am 21. Januar 1773. Am 14. Oktober wurde über
Marie Antoinette gerichtet. Das Urteil: Des Hochverrats und
der Unzucht sei sie schuldig. Am 16. Oktober 1793 wurde sie
hingerichtet. Hätte sie die Reise durch den Hegau gelassen,
der erst kurz vor ihrem Tod charakterlich gefestigten Adeligen
wäre vielleicht einiges erspart geblieben. Aber auch
das gehört zu den Machtstrukturen dieser Zeit: Marie
Antoinette hatte diese Wahl nicht.
Anatol Hennig
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