Kriegslust
und der jähe Absturz in den Hunger
Der Krieg kam letztendlich recht plötzlich
über diese Region hereingebrochen. "Noch keine Entscheidung - nur
ruhig Blut", titelte der "Högauer Erzähler" noch am 31.
Juli, doch diese Meldung wurde schnell von den Ereignissen überrollt. Schon
am Abend des selben Tages wurden die Bürgermeister im Kreis aufgefordert,
wegen der "drohenden Mobilmachung" am 1. August in Konstanz zu
erscheinen. Noch am selben Abend kam ein weiteres Telegramm in die Rathaus, das
von "drohender Kriegsgefahr" sprach. Ortsdiener riefen diese Meldung
damals an die Bevölkerung aus.
Schnell
entwickelte sich eine Art Kriegseuphorie. Es gibt kaum eine Chronik, die nicht
die Fotos der Stolzen Patrioten zeigt, die in den Krieg ziehen wollen und sich
vorher zum Gruppenbild stellen. Schon am 1. August werden am Morgen erste
Grenzsicherungsmaßnahmen ergriffen, sogar Gräben werden zum Teil
gezogen, Schranken aufgestellt, um das "Eindringen von Spionen" zu
verhindern, obwohl die Schweiz ja schon lange neutrales Land war. Es war die
Euphorie des Krieges. Schon wenige Tage später werden Freiwillige gesucht,
die die Bahn entlang der Grenze bewachen, der nationale Überschwang beginnt
Blüten zu treiben. Die Männer im wehrfähigen Alter zogen in den
Krieg. Zum Teil bezahlten patriotisch eingestellte Unternehmen ihren
Mitarbeitern, die den Blaumann gegen die feldgraue Uniform getauscht hatten
einen Teil des Lohns weiter, das Unternehmen Fahr sogar den halben Lohn. Die
Begeisterung über den Krieg wurde jedoch bald von den wirtschaftlichen
Folgen gelöscht, die auch in unserer Region schmerzhaft spürbar
wurden. Kein Unternehmen konnte mehr in dem Masse produzieren wie in den Jahren
zuvor. Es herrschte ein akuter Mangel an Arbeitskräften, auch wurden die
Rohstoffe für die Produktion durch unterbrochene Versorgungslinie immer
knapper.
Kurioserweise wurden, um den Arbeitskräftemangel zu
mildern, neue Mitarbeiter in der Angrenzenden Schweiz angeworben. Die trotz der
Tatsache, dass die Grenze inzwischen von Soldaten des Landsturms bewacht wurden,
die ohne zögern von der Schusswaffe Gebrauch machten. Ohne den Ausweis der
Heimatgemeinde konnte sich kein Mensch mehr auf die Strasse trauen. Arbeitskräftemangel
auch in der Landwirtschaft. Schon im Frühjahr 1915 wurden Frauen und
Arbeiter aufgefordert, sich zur Mithilfe in der Landwirtschaft auf den Rathäusern
zu melden. Erste Meldungen von Kriegsgefangenen oder gar Gefallenen Soldaten
trafen in den Gemeinden ein, schon im März wurden Sammelstellen für
Eier und Milch eingerichtet, Karten für Brot ausgegeben. Bauern mussten die
Waren, die über ihre Selbstversorgung hinaus gingen, den Kommunalverbänden
abgeben.
Erste fleischlose Tage wurden zunächst propagiert, immer
mehr "Ersatzstoffe" tauchten auf, schon ab 1915 mussten überzählige
Töpfe abgegeben werden, damit Kriegsgerät daraus hergestellt werden
konnte. Kinder begannen, Obstkern zu sammeln, damit daraus Öl gewonnen
werden konnte. Das war auch die zeit, als der Hegau Durchlaufstation für
französische Zivilisten, die von Nordfrankreich aus ihren zerstörten Dörfern
über das Kaiserreich und die Schweiz in südfranzösische Gebiet
abgeschoben wurden. Zum Teil waren das mehrere Züge pro Tag. Der Staat
brauchte Geld für diesen Krieg. Kriegsanleihen wurden propagiert um die Schützengrabenschlachten
weiter zu finanzieren. Die Grenzwachen mussten mehr und mehr zur Sicherung von
Obstgärten und Feldern eingesetzt werden. Ein Volk hatte Hunger. Im Mai
wurde gar verlangt, dass die Elektrizitätswerke das Kupfer ihrer
Ortsleitungen herausgeben sollten, der Krieg begann die gerade erst gewonnene
Infrastruktur wieder zu vernichten. Heute erinnern Mahnmale mit den gefallenen
Soldaten an diese dunkle Zeit.
Das Vereinsleben kam in fast allen Städten
und Gemeinden völlig zum erliegen. Auch der Wohnungsbau war in den harten
Kriegszeiten fast völlig eingestellt worden. Das führte bald zu Engpässen,
denn viele, die in den Krieg gezogen waren, hatten ihre Hochzeit verschoben. Das
führte zu einem regelrechten Hochzeitstau der den Wohnungsmangel noch
drastischer erscheinen liess. Zudem gab es auch damals erste Ströme von Flüchtlingen,
die aus den Gebieten vertreiben worden, die das deutsche Reich an die
Kriegsgegner verloren hatte. Aber auch wenn die Zeiten denkbar schlecht wurden,
das Kaiserreich war beendet. Noch 1922 durchsuchten "Arbeiterräte"
Wohnungen und öffentliche Gebäude auf Abbildungen des Kaisers und
vernichteten, was sie fanden. Die Unruhe, die in den Metropolen zu spüren
war, erfasst, auch den Hegau hier unten an der Grenze.
Oliver Fiedler
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