Der
Grenzzaun beendete die Freiheiten
Welch eine Gelegenheit. Nun fällt
das alte Zeugnis aus einer Welt der Grenzen, der Flüchtlin-ge, der Grenzwächter,
der Jäger und der Gejagten. Ja, er fällt, doch er soll in veränderter
Form, etwas niedriger, vor dem Wall wieder aufgebaut werden! Damals wie heute
gegen Men-schen in Not: Juden, Asylbewerber, (Bürger)kriegsflüchtlinge,
Wirtschaftsflüchtlinge. Die ersten Anfänge der Schweizer Grenze sind
im Ausgang des Schweizer Krieges 1499 zu finden.
Doch erst 1648 mit
dem Westfälischen Frieden wurde die Eidgenossenschaft, zu der Schaffhausen
seit 1501 endgültig gehört, Ausland. Die Grenze als solche wurde erst
richtig mit Beginn des Ersten Weltkriegs empfunden. Da be-gann eine Zeit der
bewußten Absonderung der Schweizer von den Deutschen. Zuvor war die Grenze
zwar Demarkationslinie, aber sie hatte bis 1914 nicht die Bedeutung wie heute.
Aus der Schweiz kamen viele Menschen in die Fabriken, die im Hegau errichtet
wurden. Deutsche wohnten in der Schweiz. Von den 10.757 Ausländern, die
1910 im Kanton Schaffhausen wohnten, waren 8.047 oder 74,8% Deutsche.
Der
Prozentsatz der Deutschen bei Ehen mit Ausländern in der Schweiz lag
1900-1910 bei über 50%. Die Deutschen gingen in die Schweiz zum Einkaufen,
35 Jahre lang war die Apotheke im schweizerischen Buch auch "offiziell"
die Apotheke für die Gottmadinger und Randegger, während die Bietinger
sich im nahen Thayngen mit Medikamenten versorgten. Kreuzlingen galt als südliche
Gartenvorstadt von Konstanz. Milch, Obst und Gemüse aus dem Thurgau wurden
auf dem Konstanzer Wochenmarkt verkauft. Die Schweizer kauften Klei-dung,
Schuhe, Wäsche und Haushaltsartikel in Konstanz, ihrer Einkaufsstadt. Das
konnte man auch recht problemlos machen, denn z.B. die Kreuzlinger
Gemeindebeamten erhielten einen Teil ihrer Besoldung in deutschem Geld
ausbezahlt. Es bestand ein fester Wechselkurs 1 Mark = 1,25 Sfr.
Badische Eisenbahner wohnten in der Schweiz, Schweizer Zöllner in Konstanz.
Schweizer Kinder gingen auf Konstanzer Schulen und die Narrenumzüge beider
Städte pas-sierten ungehindert die Grenze. Die Soldaten der Konstanzer
Garnison waren in der Schweiz in Uniform anzutreffen. Um das Idyll des fast
grenzenlosen Bodenseegebiets gar voll zu machen: Vor dem Ersten Weltkrieg trafen
sich alljährlich die Offiziere aus den fünf Uferstaaten des
Bo-densees. Es ging feuchtfröhlich zu. Zitat der Schriftstellerin Lilly
Braumann-Honsel: "Es war ein Männerfest mit Männerreden und Männertrunk
und Verbrüderung. Arm in Arm, oft in vertauschten Uniformen, zogen die
Offiziere durch die festlich geschmückten Straßen ins Kasi-no."
Die Zeit der vertauschten Uniformen war 1914 vorbei: Das Grenzgebiet wurde durch
einen Sperrgürtel vom Landesinnern abgeschottet. An der Grenze war der
Kriegszustand deutlicher zu spüren als im Landesinnern. Die Grenze zur
Schweiz wurde dicht.
Nun durfte man nur noch mit amtlichem
Passierschein die Grenze passieren und in Gottmadingen standen im Herbst 1914
alle 100 bis 200 Meter Männer entlang der Grenze - weniger zum Schutz der
Grenze als zum Abfangen von Flücht-lingen. Die Grenzwächter waren
teilweise von Hunden begleitet. Die Grenze sollte sich bis heute nie mehr so
durchlässig zeigen, wie sie vor 1914 war. In den zwanziger Jahren
verhin-derten die Inflation und die großen wirtschaftlichen Unterschiede
zwischen Deutschland und der Schweiz eine Durchlässigkeit. Mißtrauen
statt Offenheit war angesagt. Die Deutschen mißtrauten den Schweizern, die
in der Inflation mit ihren harten Franken die deutschen Läden leerkauften:
Maschinen und Ackergeräte, Schuhe und Kleidung, aber auch die knappen
Le-bensmittel wurden von ihnen aufgekauft. Argwohn, ja Haß kam auf: "Vielfach
benahmen sie (die Schweizer) sich sehr unanständig und jedenfalls als
Nachkommen Wilhelm Tells und des-sen Zeitgenossen oft sehr unwürdig",
bemerkte der Gottmadinger Ortschronist. Die Schiebe-reien von Vieh verschärfte
die Fleischknappheit in Deutschland. Damals bewegte sich manchmal eine seltsame
Prozession zum Grenzstein an der Grenze von Gottmadingen nach Buch: die
Stumpenprozession.
Die Gottmadinger kauften Zigarren am Grenzstein von
Schweizern, die sie mit Gewinn im Dorf weiterverkauften. Der Ortschronist: "Sogar
Leute der besten Stände beteiligten sich an der Stumpenprozession" und
mußten sich in Doppelreihen aufgestellt "ohne der geringsten
Widerrede den Befehlen und Anordnungen der Schweizer Grenzwache fügen",
berichtet der Ortschronist von Gottmadingen. Der Prozentsatz der Deutschen
unter den Ausländern in der Schweiz sank kontinuierlich seit 1914. Die persönlichen
Beziehungen - von Mensch zu Mensch - nahmen ab. Auch die Zahl der
deutsch-schweizerischen Ehen nahm absolut und relativ zu den Ausländerehen
ab. Der Ton an der Grenze hatte sich verändert, es wurde "unpersönlicher".
1914 war der tiefste Einschnitt. In den zwanziger Jahren normalisierte sich die
Lage. Aber es wurde undenkbar, daß Offiziere der Reichswehr oder später
gar der Wehrmacht untergehakt mit Schweizer Offizieren durch Kreuzlingen
wankten.
Wolfgang Kramer
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