Die
Spaltung in zwei Lager. Die Singener Vereine in den 20er Jahren
Um die Trennung zu verstehen muß
man in die zweite Hälfte des 19.Jahrhunderts zurück. Die Arbeiter und
ihre politischen und wirtschaftlichen Organisationen wurden angefeindet,
beschimpft, sozial ausgegrenzt und polizeilich und gerichtlich verfolgt,
namentlich unter dem Sozialistengesetz (1878- 1890). Den Arbeitern, die sich dem
sozialdemokratischen Lager zugehörig fühlten, blieb gar nichts anderes
übrig, als sich in eigenen Vereinen zusammenzutun. Erst nach der
Revolution von 1918/19 wurden diese Vereine den bürgerlichen
gleichgestellt.
Die
Konfrontation aber blieb bestehen. 1922 waren in den bürgerlichen Singener
Sportvereinen 720 und in den sozialdemokratischen 420 Mitglieder organisiert.
Im gleichen Jahr wies ein sozialdemokratischer Festredner daraufhin ,daß
es doch unmöglich sei, in einem bürgerlichen Turnverein zu sein, "wenn
man tagtäglich mit den Fabrikanten und ihren Helfern um die Hebung der
allgemeinen wirtschaftlichen Notlage, um die Erringung menschenwürdiger
Verhältnisse kämpft". Die eigenen Vereine sollten in den
Auseinandersetzungen das eigene Lager stärken.
Es gab jedoch auch andere Gründe für die fortbestehende
Trennung. Die Arbeitersportbewegung setzte auf Gemeinsinn, kollektive Leistung
und körperliche Gesundheit, nicht aber auf Wettkampf, Konkurrenz und Sieg.
So ging es zum Beispiel bei den Arbeiterradfahrern um Langsam- und
Hindernisfahren, Reigenfahren und Kreisfahren sowie Kunstradfahren, nicht aber
um Radrennen. Bei den Turnern symbolisierten die kunstvollen Pyramiden
anschaulich die andere Zielsetzung: In einer Menschenpyramide müssen alle
zusammenhalten.
Sie klappt nur , wenn sich alle der gemeinsamen
Aufgabe widmen. Sie war die turnerische Umsetzung des Solidaritätsgedankens,
der für den Erfolg der Arbeiterbewegung notwendig war. Ein dritter Grund
für den Fortbestand ergab sich aus der unterschiedlichen Haltung der
Sportvereine zum Ausgang des 1. Weltkriegs und zur Rolle des Militärs in
Vergangenheit und Zukunft. 1922 erklärte ein Redner, das regionale
Sporttreffen der Arbeitersportler werde auch ein Bekenntnis zum Frieden sein, "im
Gegensatz zur bürgerlichen Sport- und Turnbewegung, die schon vor dem
Kriege im Schlepptau der Kriegspatrioten sich befand und heute von denselben der
gleiche Versuch gemacht wird". Für diese Nähe gibt es genügend
Belege.
So wurde auf der Generalversammlung des Singener
Stadtturnvereins 1911 betont, daß das Turnen für alle jungen Leute nützlich
sei, die zum Militär eingezogen würden. "Ein tüchtiger
Turner gebe einen tüchtigen Soldaten". Nach dem Weltkrieg stand das
Turnen in den bürgerlichen Vereinen zu einem guten Teil im Dienst der
Revision der deutschen Niederlage und der Wiedererlangung der deutschen "Weltgeltung".
Teile der bürgerlichen Sportvereine gerieten in der Weimarer Republik schon
früh ins Fahrwasser der antidemokratischen Feinde der Weimarer Republik.
Ihren Höhepunkt erreichte die Arbeitersportbewegung in Singen 1927/28 mit
dem Bau eines eigenen Sportplatzes im Schnaidholz. Wenige Jahre später
wurde sie wie die gesamte Arbeiterbewegung von den Nationalsozialisten verboten
und enteignet. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde die Bewegung nicht mehr ins
Leben gerufen.
Die Verhältnisse hatten sich verändert. Der
wirtschaftliche Aufschwung in den 50er Jahren, die Öffnung der
Bildungseinrichtungen in den 60er Jahren haben die sozialen Grenzen
abgeschliffen. Die Einbindung der Bundesrepublik in den Westen und die Nato
haben einem Wiederaufleben des Militarismus Grenzen gesetzt. Die
Sozialdemokratie ist ganz anders als in den 20er Jahren ein unbestrittener
Pfeiler des heutigen Staates. Und wenn gelegentlich noch die alte
Konfrontationen verbal belebt wird ("bürgerliche" gegen "sozialistisch"),
wirkt das eher angestaubt als gegenwärtig . Eine Zielsetzung der
Arbeitersportbewegung, nämlich die Förderung von Gemeinsinn und
Teamarbeit, ist als Gegenprogramm noch heute aktuell. Sie ist, wie vieles, unter
die Räder gekommen, man sollte sie darunter hervorziehen.
Gert
Zang
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