|

|
 1944: Die große deutsche
Vision bricht in sich zusammen:
Bomben auf Singen
 1945: Der Krieg ist verloren: Die
Franzosen besetzen
die Region
 1945: Der Krieg hat sie
auseindergerissen, nach 50 Jahren lernte eine Frau
ihren Vater kennen
 1949: Wiederaufbau: Werner Messmer
gründet einen Betrieb, der später über 1000 Menschen
Arbeit bieten wird
| |
Flucht
aus der SS-Kaserne in Radolfzell
So bekannt dürfte die Geschichte
nicht sein, auch nicht in Radolfzell: Leonhard Oesterle wurde 1935 von der
Gestapo verhaftet, nachdem er sich im Alter von 20 Jahren in eine kommunistische
Funktionärin verliebt hatte. Die Strafe für angebliche Vorbereitung
zum Hochverrat: 5 Jahre Zuchthaus mit anschließender Schutzhaft. Die
letzten Jahre seiner Gefangenschaft verbrachte Oesterle im Außenlager
Radolfzell des Konzentrationslagers Dachau. Am Bahnhof kam Oesterle in
Radolfzell zusammen mit weiteren Dachau-Häftlingen an und marschierte zur
Radolfzeller SS-Kaserne. Leonhard Oesterle stieg in der internen Lagerhierarchie
schnell auf: Er wurde zum Stubenältesten ernannt.
In Radolfzell
mussten die Gefangenen von Hand Schießstände für die jungen
Soldaten bauen, Oesterle selbst war zudem als Pfleger tätig, musste
Kochgeschirr reinigen und durfte schließlich sogar malen: Ein Bild
heroischer Soldaten, Handgranaten aus einem Unterstand schleudernd. Der
Radolfzeller Kasernenkommandant wollte wohl die schönste Kaserne in Hitlers
Reich werden. Den entsprechenden Wettbewerb soll es wirklich gegeben haben. Die
Malerei sollte sich im Nachhinein als Glücksfall erweisen: Der
zwangsverpflichtete Maler wurde von einem jungen SS-Mann bewacht, der
offensichtlich unzufrieden war, in die Schweiz wollte. Und Leonhard Oesterle
hatte schon länger mit Fluchtgedanken gespielt. Der junge SS-Mann
vermittelte dem Häftling interessante Hintergrundinformationen. Wohl um das
Jahr 1943 rechneten viele in der Radolfzeller Kaserne - auch SS-Leute - mit dem
vorzeitigen Ende des tausendjährigen Reiches. Die Disziplin ließ nach
und Oesterle versuchte Post aus der Kaserne zu schmuggeln, an seine Schwester
Hanna. Ein gefährlicher Versuch, wie sich herausstellen sollte: Der Brief
wurde aufgegriffen und Tage später vermutete der Häftling, dass die
Gestapo bereits mit dem Fall betraut sei.
Über ein Toilettenfenster schließlich flüchteten
Leonhard Oesterle und ein weiterer Häftling 1943 wahrscheinlich über
das Herzenbad mit einem Boot über den See in die Schweiz, wo sie nach
eigenem Bezeugen von Oesterle herzlich aufgenommen worden seien. Auch wenn das
Lager in Radolfzell wahrscheinlich nicht vergleichbar war mit vielen anderen
Lagern in Deutschland, auch in Radolfzell spielten sich unschöne Szenen ab:
Als mehrere Tschechen zu fliehen versucht hatten, ließ das Wachpersonal
alle Häftlinge stillstehen, die ganze Nacht hindurch und den nächsten
Tag ebenso. Es gab weder Essen noch Trinken, noch durfte sich einer der Häftlinge
aus der Reihe entfernen. Die Geschichte von Leonhard Oesterle gibt es in
Buchform: "Glücksvogel" heißt die Geschichte von Leonhard,
Autor ist Sigbert E. Kluwe. Leonhard Oesterle selbst ist 1956 nach Kanada
ausgewandert und wurde Bildhauer.
Anatol Hennig |
|
|

|

Ab 1936 gab es in Radolfzell eine sich
schnell vergrößernde SS-Kaserne, in der eine Unterführerschule,
ein SS-Regiment und weitere Verfügungstruppen untergebracht waren, in den
Betrieben Schiesser und Allweiler arbeiteten zahlreiche Zwangsarbeitskräfte.
Die rund 50 Häftlinge (ein Arbeitskommando des KZs Dachau) waren in der
Radolfzeller Kaserne in ehemaligen Stallungen untergebracht. Weitaus mehr Häftlinge
- ebenfalls aus Dachau wurden in Überlingen gegfangengehalten. Rund 700
Gefangene bildeten dort ein Arbeitskommando bei der Firma "Magnesit".

Blättern
| |