Statt
Frieden auf Erden - Bomben auf Singen
So galt also auch der stärkste
Angriff auf Singen - ausgeführt am 1. Weihnachtsfeiertag 1944 - ganz
eindeutig dem Eisenbahnknotenpunkt Singen und nicht der Singener Industrie.
Aus
dem vorliegenden "endgültigen Einsatzrapport Nr. 436 der 320.
US-Bombergruppe" geht hervor, daß an diesem 25. Dezember 1944 um
12.23 Uhr 38 amerikanische Bomber des Typs B 26 von ihrem Stützpunkt Dijon
in Frankreich gestartet waren mit dem klaren Auftrag, die "Eisenbahnbrücke
Singen" (gemeint ist die Brücke über die Rielasingerstraße
/ Hauptstraße) zu zerstören. Flugkommandant war der US-Oberst
Woolridge, Führungspilot war Hauptmann Merril. Der Anflug von Dijon aus
erfolgte über Belfort, Schopfheim, Faulenfürst, Bonndorf und ein
erster Anflug auf Singen erfolgte dann um 14.20 Uhr vom Ausgangspunkt westlich
von Blumenfeld. Nach einer Schleife zurück zum Ausgangspunkt Blumenfeld
kehrten die B 26-Bomber erneut nach Singen zurück und warfen 104
Sprengbomben mit je 1000 Pfund auf das Ziel Eisenbahnbrücke Singen. Alle
Maschinen sind um 15.10 Uhr wieder in Dijon gelandet. In nüchterner Militärsprache
heißt es dann im Protokoll: "Ein ausgezeichnetes Muster von Bomben
bedeckte das Ziel, darunter auch Volltreffer !"
Die betroffenen Menschen am Boden erlebten diesen sonnig-kalten
Weihnachtsfeiertag völlig anders und der Verfasser lebte als Zehnjähriger
damals nur wenige Häuser von der Eisenbahnbrücke entfernt. Kurz nach
14.00 Uhr brüllten Sirenen ihr kaltes, schauriges Lied über die
Stadt:Fliegeralarm! Wie vorgeschrieben und eingeübt gehen die Bewohner in
ihre Luftschutzkeller - trotz Feiertag! Gegen 14.30 Uhr ein schauriges Heulen über
der Stadt: herabstürzende Bomben. Jemand von den Erwachsenen beginnt zu
beten, wir Kinder schließen uns an. Es beruhigt und es ist der einzige
Trost in dieser Dunkelheit und in dieser Angst.Nach dem Angriff ist man glücklich,
daß alle Familienangehörigen am Leben sind. Aber dann kommt die
bittere Erkenntnis, daß in unmittelbarer Nähe 37 Menschen, unter
ihnen auch mehrere Kinder, getötet und 58 Mitbürger schwer verletzt
wurden; 450 Singener waren obdachlos geworden.
Und immer wieder die
Frage: Warum so etwas an diesem Tag, der doch Friede auf Erden verkündet!
Was erinnert heute noch an diesen dramatischen Weihnachtsfeiertag 1944. Draußen
auf dem Singener Waldfriedhof sind die meisten der Toten bestattet worden, dort
am Ehrenmal, wo auch die gefallenen Soldaten liegen. Die Berichterstattung über
den Krieg im Kosovo, das Heulen der Sirenen, die Trümmerbilder, die
herumliegenden Toten, haben Vieles aus der Erinnerung wieder wach werden lassen.
Für die damals Unbeteiligten sind nur noch Splitterspuren an der kleinen
E-Station direkt an der Eisenbahnbrücke an der Rielasingerstraße zu
sehen, und dort, wo das zerstörte Gasthaus zum Schützen einmal stand,
hängt am heutigen Parkhaus an der Julius-Bührer-Straße zur
Mahnung und Erinnerung einesder abgeworfenen Bomben, ein Blindgänger, der
dort nach dem Kriege gefunden und entschärft wurde.
Und die amerikanischen Piloten, die damals als Zwanzigjährige
den Einsatz Nr. 436 der 320. Bombergruppe geflogen und die tödliche Last über
Singen abgeworfen haben ? Haben sie eine Erinnerung an dieses Geschehen, wenn
Weihnachten ist? Oder berufen sie sich einfach auf den Befehl, den sie ausgeführt
hatten? Der US-Pilot Hartwell Davis, der am Kommando beteiligt war,
versehentlich aber mit seiner Staffel die Bomben über dem schweizerischen
Thayingen abwarf, bekannte einem Journalisten gegenüber im Jahre 1984: "Immer
wenn Weihnachten kommt, denke ich daran !"
Wilhelm J. Waibel
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