Zu Fuß
in eine neue Heimat gelaufen
Die deutschen Besatzer, die hier 1941
einmarschierten, planen zwar die Rückführung der Donauschwaben zurück
ins Deutsche Reich, doch der Vormarsch der gegnerischen Armeen lässt es
nicht mehr dazu kommen, obwohl die Pferdefuhrwerke für den Abtransport
schon bereitstanden. Eine Odyssee begann für die Familie Ziwey.
Im November übergaben die Russen die politische und militärische Macht
des Gebiets an Jugoslawien, mit einem Sondergesetz wurden den hier lebenden
Donauschwaben alle staatsbürgerlichen Rechte aberkannt und deren Vermögen
eingezogen. Junge Frauen wurden nach Russland deportiert um in Lagern zu
arbeiten, Alte und Kinder wurden in Konzentrationslagern interniert. Auch Franz
Ziwey kam in eines dieser Lager, von Herbst 1944 bis 1947 war es nicht mehr möglich,
eine Schule zu besuchen. Weil der Hunger ihn und seine Freunde antrieb, floh er
oft Nachts aus dem Lager, um sich bei Tagesmärschen in den ungarischen
Nachbardörfern etwas essbares zu suchen oder zu erbetteln. "Mein
ganzes Leben bestand für mich damals darin, nicht zu verhungern", sagt
Franz Ziwey heute, mit einem Abstand von über 50 Jahren darüber. Eine
Zeit lang verbrachte er sogar in einem Vernichtungslager. Im Juni 1947 gelingt
die Flucht mit der Mutter und dem jüngeren Bruder über die Ungarische
Grenze. Irgendwie treffen sie ihren Vater dort wieder, der dort in der Pußta
arbeitete. Nun musste eine neue Heimat gesucht werden. Fast einen Monat ging die
Flucht zu Fuß durch ganz Ungarn bis ins Burgenland. Jeden Tag soweit
laufen, bis man nicht mehr kann. Von dort mit der Eisenbahn in ein Sammellager
nach Kärnten. Doch das war noch nicht die Heimat.
Im August 1949
kam die zweite Flucht. Die Enge im Lager hielten die Ziweys einfach nicht mehr
aus. Illegal von Österreich über Salzburg nach Deutschland bis in ein
Auffanglager bei Balingen. Eine Lüge öffnete den weg. Alle sagten sie
hätten keine Papiere mehr, obwohl es einen österreichischen Flüchtlingspass
gab.(Franz Ziwey hat ihn noch heute.)Doch den zeigte man nicht. _Es war wie
heute: die Flucht ging über Österreich durch ein Drittland. Was das
bedeutet, kennen wir ja von der Asyldiskussion der letzten Jahre. Als Flüchtling
würde man auf diese Weise nicht mehr anerkannt. In Balingen wurde der
Familie Spaichingen als Wohnort zugewiesen. Das war nun die zweite Heimat. Drei
Wochen später tritt das Grundgesetz in Kraft. Das beendet die
Staatenlosigkeit des Franz Ziwey, er ist nun deutscher Volkszugehörigkeit
gleichgestellt. Die reguläre Deutsche Staatsangehörigkeit erhält
Franz Ziwey im Jahr 1955. Doch erst mal die Schule: Er war drei Jahre älter
als all seine Mitschüler, musste die lange Zeit des Überlebenskampfes
nachholen. Anfangs wurde er bestaunt, aber doch schnell akzeptiert.
"Ich
habe mich rasch eingegliedert." - Und das aus einem einfachen Grund: "Wir
wussten alle, dass unsere Heimat für immer verloren war. Jeder von uns war
froh, dem kommunistischen System und der Vernichtung entkommen zu sein. Schnell
bauten sich die Donauschwaben ihre Häuser. Franz Ziwey, von Kind auf durch
eine Hüftverengung behindert, entschied sich für den
Verwaltungsdienst. Am 5. Mai begann nach der theoretischen Ausbildung auf der "Haigerlocher
Schule" die praktische Ausbildung auf dem Rathaus in Spaichingen wo auch
Erwin Teufel, mit dem Franz Ziwey trotz seinem Bekenntnis zu den freien Wähler
noch immer Verbunden ist. 1958 ist er Oberinspektor, geht 1963 in Landratsamt
Rottweil und 1965 wieder als Kämmerer zurück nach Spaichingen. Dann
kommt die dritte Heimat, in der Franz Ziwey heute noch lebt. 1969 wird die
Stelle des Stockacher Bürgermeisters ausgeschrieben. Nach einer
Ortsbesichtigung ist ihm schnell klar, das will er hin. Und er schafft es, ohne
eine Lobby im zweiten Wahlgang tatsächlich. Er blieb Bürgermeister bis
1993. Die Gegenwart: In den letzten Wochen hat Franz Ziwey mit sehr gemischten
Gefühlen die Nachrichten im Fernsehen geschaut. Die Erinnerungen werden
wieder lebendig.
Ein halbes Jahr verbrachte er als Junge in einem
Konzentrationslager in Kosovska Mitrovica, jener Region die heute wieder von
Krieg, Ausrottung und Vertreibung in einem ähnlichen Muster wie damals
betroffen ist. Dort hat sich gegenüber seinen Eindrücken aus der
Jugend nichts geändert. Sein Heimatdorf war ab 1947 keine Siedlung der
Donauschwaben mehr. Franz Ziwey aber mit seiner Familie ist die Flucht gelungen.
Die Stadt Stockach hat sich übrigens immer sehr um die Integration von
Aussiedlern und Spätaussiedlern bemüht.
Oliver Fiedler |