Mein
Jahrzehnt: Winfried Pfeffer
1960: Ruhe, erdrückende Ruhe lag überm
ganzen Land, Bundeskanzler Adenauer bereitete sich auf seinen 85. Geburtstag
vor, die Hausfrauen bemühten sich um einen staubfreien Glanz auf den
Gummibaumblättern und darum, mit 670 Mark Durchschnittseinkommen für
einen 4-Personen-Haushalt auszukommen, was bei einem Butterpreis von 10 Mark pro
Kilo nicht leicht war. Im Boli, Radolfzell 3.Kino läuft wieder mal "Tarzan
- Bezwinger der Wüste". Besonders Kühne überlisten die bärbeißige
Kartenabreißerin, indem sie samstagmittags zum Kinderpreis von 80 Pfennig
in "Fuzzy" gehen und abends in einen verruchten Film á la "Sie
tanzte nur einen Sommer".
1961:
Plötzlich und ohne dass man uns vorher gewarnt hatte, war die Schule
fertig, alles sprach vom "König Lehrling", wir bewarben uns
deshalb selbstbewusst bei allen großen hiesigen Firmen, bei der Maggi gab
es ein gutes Mittagessen mit einem Paket Beutelsuppen, beim Schiesser kleine
Unterhosen als Einstecktücher. Die Mehrfachbewerbung brachte nichts, die
Lehrfirmen sprachen sich untereinander ab, ich fand mich bei der Firma Allweiler
wieder, gottlob waren die väterlichen Ohrfeigen des Lehrmeisters gerade
abgeschafft worden. Mein ganzes Denken und Streben beherrschte auf einige Monate
ein U-Eisen, was mühevoll und schikanenreich mittels Feile zu Staub
verwandelt werden musste. Dass da an einem Sonntag in Berlin eine Mauer
errichtet wurde, das hat man im säuberlich nach Geschlechtern abgetrennten
Herrenbad gar nicht so richtig mitgekriegt. Wichtiger war, was da wohl im
Frauenbad so ablaufen könnte.
1962: Kaum dass wir Lehrlinge sind, boomt die deutsche Wirtschaft.
140.000 Arbeitslosen stehen 156.000 neue Arbeitskräfte gegenüber, die
alle aus den Mittelmeerländern angeworben werden. Der 100.000-ste wird eine
NSU-Quickly und nach 2 Monaten bestimmt Heimweh kriegen und damit dann mit einem
Kumpel zusammen am Radolfzeller Bahnhof von Napoli träumen, zumindest
glaubte es damals Cornelia Froboess so. Im fernen Hamburg traten erstmals 4
Liverpooler Jungs auf, aber das haben wir gar nicht mitgekriegt. Wichtiger war
damals, dass man im Gaismaier, Radolfzells großem Supermarkt, nochmals 2
große Flaschen Öl gehamstert hat, man weiß ja nie bei dieser
Kuba-Krise.
1963: Das Kennedy-Jahr. Im Juni jubeln Tausende von Menschen
J.F.Kennedy zu, 4.000 Berliner hören "Ich bin ein Berliner". Am
22. November fallen in Dallas die tödlichen Schüsse. Im Scheffelhof
spielt an diesem Abend das Bodensee-Sinfonie-Orchester, in der Pause gibt es
einen Aushang. "Weiter spielen oder nicht ?", das war die Frage. Man
hat dann schließlich doch weiter musiziert und manch einer hat sich seiner
Tränen nicht geschämt. Am Samstagabend organisieren Schüler des
Gymnasiums einen Schweigemarsch auf dem Marktplatz. Aber auch sonst wird es kälter,
der erste Schnee von Buß-und Bettag bleibt bis weit in den März
liegen, der Untersee und später der ganze Bodensee friert zu, es wird der kälteste
Winter seit -zig Jahren.
1964: Yeah, yeah, yeah. Das Beatles-Jahr. So langsam kriselt es in
vielen Radolfzeller Familien, die immer ordentlich gehaltenen Kurzhaare, stets
gescheitelt und mit "Brisk" gefettet, kommen aus der Mode. Frech
stehen dem einen oder anderen von uns schon einmal ein paar Haarspitzen am
Ohrrand auf. Das finden die Eltern aber gar nicht gut, auch nicht, dass jetzt
die Jugend jeden Abend auf Mittelwelle "Salut Le Copain" hören
muss, nur weil im schon damals alten Südwestfunk immer noch Freddy Quinn
von Heimweh singt. Plötzlich trennt Musik mehr, als dass sie verbindet, und
während unsere Seniorenchöre "Frohsinn" und "Harmonie"
noch immer und noch weitere 20 Jahre vom deutschen Wald singen, sitzen wir
gebannt im Scheffelhof und ziehen uns die "deutschen Beatles", die "Lords"
rein. Überhaupt knackt es hörbar in den Pfeilern der bisherigen selbst
ernannten Autoritäten. Im "Resi" läuft wochenlang "das
Schweigen" von Ingmar Bergman bis auch der letzte Schweizer aus der
Grenzregion den Film gesehen hat. Aber welch eine Änderung, 15 Jahre früher
protestierte die katholische Jugend noch mannhaft gegen die 2 Sekunden lang
nackte Sünderin Hildegard Knef. Sie protestierte auch damals gegen den
einzigen, im hintersten Eck der Münster-Drogerie angebrachten Radolfzeller
Präservativ-Automat. Jetzt aber kamen "Mothers little helper"
auf, ein Königreich für eine Packung Eugonom H., die es legal bei
Radolfzeller Ärzten aber erst gab, wenn frau mindestens 3-4 Kinder
vorweisen konnte.
1965: Das Jahr hatte schon so gut angefangen. Endlich ausgelernt und
unvorstellbare DM 3,80 Stundenlohn als Geselle. Nun ja, das Glas Bier in der "Germania"
kostete dafür auch bloß 55 Pfennig, das reichte gerade noch für
die Platte "Satisfaction" von den Stones, ein "Muss" in
diesem Jahr. Da kann Kanzler Erhard lange vom Maßhalten erzählen,
mich kann er da nicht gemeint haben. Eigentlich könnte es jetzt so
weitergehen, plötzlich macht mir die Bundesrepublik Deutschland ein fast
nicht ausschlagbares Angebot: 18 Monate bei freier Kost und Logis, Kleidung und
leider etwas einseitiger Unterhaltung und dann sogar noch DM 50,-- Wehrsold. Wer
konnte da Nein sagen ?
1966: Kanzler Erhard wird demontiert, seither hat für mich das
Wort Parteifreund einen besonderen Klang. Nach langen Wirren (wer soll mit wem)
setzt sich eine große Koalition durch. Baden-Württemberg verliert den
schönen Kurt Georg Kiesinger und gewinnt Hans Filbinger, den Mann mit großen
Gedächtnislücken. Es fängt überall an zu rumoren, in Berlin
nimmt ein Rudi Dutschke an der Demonstration gegen den Vietnam-Krieg teil, in
Amerika singt Bob Dylan gegen den Krieg an. Der einzige Lichtblick
1966:
Die Engländerin Mary Quant erfindet den Minirock. Radolfzell machte in
diesem Jahr nur einmal traurige Schlagzeilen: Im ruhigen Bleichenweg werden drei
Menschen mit dem Hammer erschlagen und im Kleiderschrank versteckt.
1967: Irgendwo im bolivianischen Urlaub wird "Che" Guevara
erschossen, lebt aber als Poster in Tausenden von Jugend- und Studentenzimmern
weiter. 46% der Amerikaner sind nach Gallup gegen den Vietnam-Krieg, es ist aber
hauptsächlich nur die Pop-Musik, die diesen Kampf führt. Das Musical "Hair"
artikuliert diese Unzufriedenheit, Hunderte von Radolfzeller pilgern dafür
nach Zürich. Wer bei uns gegen den Vietnam-Krieg was tun will, der muss
schon nach Singen fahren, wo ein damals noch mutiger Günter Heiß den
Martin Walser dafür auf die Bühne bringt.
1968: Das Jahr, auf das wir nachher (so grundlos) stolz waren. Was
heute noch mancher wie einen Orden vor sich herträgt, eben ein 68-er zu
sein, hat sich zumindest in unserer heilen Radolfzeller Welt so nicht erleben
lassen. Wir schauen ehrfürchtig nach Berlin, wo Fritz Teufel und andere den
erstarrten Rechtsstaat vorführen. Unter den Talaren, Muff von 1000 Jahren,
das wird zum Startsignal, alte Ordnungen zu hinterfragen, und siehe da: Die
meisten davon waren recht hohl. In Frankreich gerät im Mai General de
Gaulle in ernste Bedrängnis, in Amerika fallen Robert Kennedy und Martin
Luther King den Mörder-Kugeln zum Opfer. Im August wird die Hoffnung auf
den Prager-Frühling und einen Sozialismus mit menschlichem Antlitz vom
Warschauer Pakt zerschlagen. Das Einzige, was in Radolfzell zum Zerschlagen
freigegeben wurde, war das "Cafe Achteck, die Anstalt, in der mancher heute
so anständiger Radolfzeller das Holzspalten lernen mußte. Im "Residenz"
wurde wieder wichtige Aufklärung geleistet, es lief "Helga", der
große nationale Aufklärungsfilm, auch für jene, denen es 1964
bei "Das Schweigen" etwas zu dunkel war. Gut, ein bißchen
politisiert wurde auch schon. Die F.D.P - damals noch ohne die 2 sinngebenden
Punkte zwischen den Buchstaben - brachte 200 Zuhörer ins Kreuz. Es durfte
gefragt werden, Prof. Dahrendorf antwortete druckreif. Preisfrage: "Wieviel
Personen besuchen heutzutage eine gewöhnliche F.D.P-Versammlung ?" Wir
sind wohl alle politikmüde geworden, oder die Inhalte und die Personen
stimmen nicht mehr. Das ist der Unterschied zwischen 1968 und 1999
1969: Wir verlieren Heinrich Lübke als Bundespräsident, er
war stets für einen peinlichen Ausspruch gut. Frankreich verabschiedet sich
von General de Gaulle, und Neil Armstrong setzt als erster Mensch seinen Fuß
auf den Mond. 1969 musste die CDU nach 30 Jahren an der Macht auf der harten
Oppositionsbank Platz nehmen. Willy Brandt will mehr Demokratie wagen. Das
wollen wir aber erst einmal im heimischen Bereich probieren. Gegen massiven
Widerstand - einige besonders besorgte CDU-Stadträte sehen schon im Voraus
ein fürchterliches Drogennest - wird in der alten Langenbach'schen
Weinstube Radolfzells erste alternative Kneipe eingerichtet, der unvergessliche
"Leierkasten". Neben den sozialen Preisen (es reicht dem Wirt aber
dann noch immer für die Anschaffung eines alten Porsches), bleibt mir die
beruhigende Wirkung der Musik in Erinnerung. Immer wenn besonders aggressiv
ausschauende Typen den "Leierkasten" betraten, wurde die Musik geändert.
"Stones" raus und Ravels "Bolero" rein. Selten haben "die
Halbstarken" - so hießen sie damals - die zweite Runde Bolero überlebt.
Total beruhigt, fast eingeschlafen haben sie den Leierkasten geräumt. Am
Weihnachtsabend trafen sich dann die ganz Mutigen zu einer etwas anderen
Weihnachtsfeier im Leierkasten und träumten davon, daß 1970 alles
besser wird in Radolfzell und anderswo. Tragische Hoffnung oder Realität ?
Urteilen Sie selbst, denn über die 70er Jahre brauche ich nichts schreiben.
Winfried A. Pfeffer
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