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Diese
Stadt ist mein Zuhause geworden
Eigentlich wollte er gar nicht bleiben.
Aber eine Arbeit hatte Vito Giudicepietro schnell gefunden, er hatte schon in
Italien als Kraftfahrzeugmechaniker gearbeitet. Er erinnert sich: "Damals
war der Singener Bahnhof so etwas, wie die Arbeitsplatzbörse für die
ausländischen Arbeiter. Man stellte sich früh am Morgen auf und dann
kamen die Fahrzeuge der Baufirmen und holten sich so viele Arbeiter, wie sie
gerade brauchten." Das Klima zwischen den Menschen machte es einem
temperamentvollen Süditaliener nicht gerade leicht am Anfang. Man blieb
noch unter sich. "Ich habe die ersten sechs Jahre fast kein Deutsch
geredet, wir lernten nur die Worte, die man brauchte um die Arbeit zu machen."
Die 70er Jahre waren die Zeit, wo es am leichtesten war, in der Heimat mit dem
neuen Auto zu imponieren. Vito Giudicepietro kam schon bald in der Alu unter. "Ich
habe mich integriert." Schnell fand er auch in der Gewerkschaftsbewegung
eine Aufgabe, daraus wurde inzwischen ein neuer Beruf für ihn. Aus dem
Gewerkschaftler und Betriebsrat wurde ein Vertreter für die Belange der
hier lebenden Italiener.
Lange war er Vorsitzender des Italienischen
Vereins ACREI, den er damals hier mitbegründete. Er leitet heute die
Singener Dependance des Patronat "INCA" und kandidiert für die
SPD im Herbst für den Singener Gemeinderat. Vito Giudicepietro sieht sich
als Vorstreiter für die Integration der Italiener in Singen. "Der
Sport und die Kultur brachte die Menschen aus den verschiedenen Nationen
einander näher." "Der Gedanke, zurückzukehren ist schon
immer dagewesen. Auf der anderen Seite kann ich mir nicht mehr vorstellen, für
immer wieder da unten zu leben." Der Hegau und Singen sind für ihn
eine Heimat geworden. "Er und seine Familie haben inzwischen ein Haus im "Alten
Dorf" in Singen gekauft. "Ich fühle mich wohl." Vito
Giudicepietro sieht sich als "Singener mit italienischem Pass". Und: "Meine
Kinder sind hier geboren, das sind eigentlich keine Italiener mehr, wie ich
einer bin." Hat sich das Klima in Deutschland durch die seit so langen
Zeiten hier lebenden ausländischen Mitbürger verändert? Auf diese
Frage ist Vito Giudicepietro erstmal ungewöhnlich still. "Eine gewisse
Kälte ist geblieben", sagt er dann. "Es gibt viele Schritte, dass
wir uns besser verstehen und akzeptieren können, aber wir sind noch lange
nicht am Ziel."
Gerade die Diskussion um die begrenzte doppelte
Staatsbürgerschaft habe das sehr deutlich gezeigt. "Ein Pass ändert
nicht die Kultur eines Menschen. Hätte ich einen Deutschen Pass, würde
mein Deutsch dadurch nicht besser", schmunzelt er dazu. Vielleicht wird es
ja noch etwas mit der "Wärme", die er immer wieder an den
Deutschen vermisst. Die Region Singen war schon seit Beginn der
Industrialisierung ein Anlaufpunkt für ausländische Mitbürger. Über
die Textilbetriebe Mitte letzten Jahrhunderts kamen die ersten großen
Wellen von italienischen Arbeiterinnen, für die eigene Häuser gebaut
wurden. Der Eisenbahnbau brachte eine zweite Welle, die Balkankrisen eine
weitere und so ging es weiter bis in die 60er Jahre, als Singener Unternehmen
sogar Anwerbe-Agenten auf den Balkan oder bis nach Portugal losschickten, um
Arbeiter für die steigende Produktion zu bekommen. Heute liegt der Ausländeranteil
bei rund 15 Prozent. Ein Schmelztiegel wurde Singen aber nie.
Oliver
Fiedler.
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Der 17. September 1964 war der
entscheidende Tag im noch jungen Leben des Vito Giudicepietro. Als 16jähriger
stand er auf dem Singener Bahnhof, er kam aus Monte Scalioso, dort wo der
italienische Stiefel seinen Absatz hat und suchte eigentlich seinen Bruder, der
schon 1959 in Deutschland eine wirtschaftliche Zukunft suchte und zuerst in
Triberg arbeitete, dann aber zu Alusingen wechselte. "Der Besuch dauerte 35
Jahre", sagt Vito Giudicepietro heute darüber. Obwohl alle seine Brüder,
die hier gearbeitet haben, längst wieder in ihre Heimat zurückgekehrt
sind.

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