Vom
Waschkeller auf die Bühne eines verruchten Clubs
Fleißig hörte man die Songs
von Elvis, Eddie Cochran, Paul Anka, Roy Orbison, Ricky Nelson, Buddy Holly, den
Everly Brothers, Rolling Stones, Kinks, Cliff Richard und den Shadows auf den
Frequenzen von Radio Luxemburg.
An Noten von den Stücken kam man
nur sehr schwer heran, meistens musste man sie in den USA bestellen. Die
deutschen Rundfunkanstalten spielten nur die »konservativen« Schlager.
Proberäume wie man sie heute kennt, gab es nicht. Sowieso war jeder, der
sich den »sündigen« Rhythmen hingab, »verrucht«. Doch
das war genau das, was die Jugendlichen damals bewegte: Revolution - den
Gehorsam in Frage stellen und gegen das, was Eltern und Lehrer von einem sehen
wollten, demonstrieren. »Eine Freundin durfte man nur hinten herum haben«,
so Hans-Jürgen Olbrich von den »Raddows«, einer anderen Band aus
dieser Zeit. Michael Schwendemann von den Ghostriders, der heute mit seiner
Familie in der Schweiz lebt und als Diplom-Volkswirt Geschäftsführer
eines Unternehmens in Zürich ist, erinnert sich: »Mir kamen die 60er
Jahre immer wie eine Metamorphose der Gesellschaft vor. Die Musik war der Wirt
des Revolutions-Virus. Doch haben sich nicht alle anstecken lassen. Hauptsächlich
drehte sich alles um Mädchen. Die Freundinnen der Bandmitglieder wechselten
öfters. Man könnte es auch die Zeit des »Petting«
bezeichnen. Das waren alles Dinge, die in der Öffentlichkeit als verrucht
abgestempelt wurden.
Die Gemüter waren damals sehr in Richtung
Frankreich orientiert. Das Jugend-Magazin »Salut les copains« lüftete
mit Interviews und Konzertreportagen die Kulissen der großen Stars. Das
war eines der wenigen Informationsquellen die wir hatten. Die, die damals in
Bands gespielt haben, hatten in den Schulklassen das Sagen. Doch außer uns
bildeten sich natürlich noch weitere Beat-Bands, so wie die Tramps aus
Radolfzell oder die Tigers, die hauptsächlich Kinks-Stücke spielten.
Fast jede Klasse hatte ihre Band. Aufgetreten sind wir in Kellern, die zu »Clubs«
umgestaltet wurden, so wie zum Beispiel Club 10, Blaue Grotte oder Knuts Pinte.
Der Adlersaal war auch ein beliebter Veranstaltungsort für Konzerte. Dort
trafen sich dann alle, um mit den heißesten Mädels zu tanzen. Oft
kamen wir erst zum Morgengrauen wieder nach Hause.« »Musikinstrumente
waren auch zu unseren Anfangszeiten immer das große Manko«, gräbt
Wolfgang Trautwein in seinen Erinnerungen an diese Zeit. Heute ist er die »rechte
Hand« von OB Renner. Die »Raddows« formierten sich kurz nachdem
die »Ghostriders« schon als populäre Band bekannt waren. »Gott
sei dank gab es damals das Musikgeschäft Schächle.
Lydia Schächle
(mittlerweile verstorben) bot auch Second-Hand-Gitarren zu erschwinglichen
Preisen an. Auch die 120 Mark für eine gebrauchte waren damals eine Menge
Geld. Bei Lydia Schächle konnten wir die Instrumente in 5 oder 10 Mark
Raten abbezahlen. Zum Heraushören der Musikstücke musste, wenn
vorhanden, das Familien-Grammophon herhalten. Eigene Stücke brauchte man
gar nicht schreiben. Es gab so viele Songs die keiner kannte, da brauchten wir »nur«
nachspielen.« Singen war seinerzeit eine Kleinstadt mit etwa 28000
Einwohner. Die Stadt war eindeutig in eine Nord- und Südstadt geteilt. Die
meisten Schulen in Singen entstanden in den Jahren 1965 bis 1970. Interessant
ist, dass die verruchten Bekannten der damaligen Musikszene Ministranten waren.
So war es möglich, in diversen Gemeinderäumen zu proben. Hans Bold,
einer der Ur-Ghostrider, ist heute sogar Pfarrer in einer Gemeinde bei
Heidelberg. Ein weiteres Problem das vielen Jung-Bands das Musiker-Dasein
erschwerte, war der Transport der Instrumente. Nicht jeder konnte sich in den
60ern ein Auto leisten. Doch die Ghostriders und die Raddows hatten Glück.
Durch die geldbringenden Auftritte haben sie Fahrwasser bekommen. Die
Ghostriders hatten sehr schnell Auftritte bis in den Raum Zürich. Hans Wöhrle
war damals schon ein großer Fan der Ghostriders. Schließlich gab
Michael Schwendemann ihm damals Gitarrenunterricht. Als die Zeit reif war, stieg
der heutige Schuhgeschäft-Unternehmer mit in das verruchte Geschehen ein.
Doch die Hegau-Gymnasiasten blieben drogenfrei und behielten trotz aller Verrücktheiten
klaren Kopf. Nach dem Abitur verliefen sich die Bandmitglieder in alle
Richtungen. Einige studierten, andere lernten einen Beruf. Bewegt haben sie in
den wilden 60ern Einiges. Die Ghostriders und die Raddows treten auch heute
wieder mit den »verruchten« Stücken von damals auf.
Wolfgang Graf
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