Die längste
Viertelstunde seines Lebens
"Die Viertelstunde bis zum Abflug
nach Düsseldorf war die längste meines Lebens." Noch immer weiß
Reinhold Kinder, Schon 1957 hatte seine Schwester den gleichen Weg gewählt.
Dorthin
war der damals 19jährige nun unterwegs. Eine Zukunft wollte er haben, denn
die wurde ihm in seiner Heimat - er stammt aus dem Erzgebirge - verwehrt. Eben
weil die Schwester sich in den Westen abgesetzt hatte, gab es für Reinhold
Kinder nach den Pflichtjahren in der Volksschule und zwei weiteren Jahren
Oberschule keine Möglichkeit, zur Bundeswehr zu kommen, was ihm den Weg zu
weiterer Ausbildung und Studium ermöglicht hätte. Genau das aber war
sein Ziel. Reinhold Kinders Mutter hatte ihn, seine Schwester und zwei Brüder
allein durchbringen müssen. Der Vater war 1942 im Krieg in Russland
gefallen. In Nienstedt bei Halle hatte er im Kupfererzbergwerk gearbeitet, zehn
Tage hindurch, dann gab es drei Tage frei, um nach Hause zu fahren. Diese
Heimfahrt im Bus nutzte Reinhold Kinder schliesslich für sein Vorhaben.
Statt nach Hause zu fahren, kaufte er ein Bahnticket und fuhr nach Berlin. Um
von dort weiter durchzukommen, hatte er sich etwas einfallen lassen müssen.
Mit einem großen Foto von sich unter dem Arm, seine Verlobung mit einer
Frau in Potsdam vortäuschend, bestieg er den Zug. Geradewegs zum Flugplatz
Tempelhof, wo er seine gesamten Ersparnisse - 680 Ostmark - für ein
Flugticket nach Düsseldorf einsetzte.
Die ganze Zeit über
mit der Angst im Nacken, doch noch gefasst zu werden. "Es gab Leute, die
gaben vor, einem den Weg zeigen zu wollen, und schon war man wieder im Osten."
Dann wieder Zittern wieder beim Passieren der amerikanischen Kontrolle. "Heute
weiß ich, dass die sich das damals wohl gedacht haben," meint
Reinhold Kinder. Sie liessen ihn durch. Der Weg in die Freiheit war offen. "Im
Flugzeug gab es dann etwas zu essen, aber ich hatte doch kein Geld mehr,"
erzählt er weiter. Woher hätte er auch wissen sollen, dass so etwas im
Flugpreis inbegriffen war? Schon am 22. Juni hatte Reinhold Kinder in seinem
erlernten Beruf als Maurer Arbeit gefunden. "Aber für meine Mutter war
das eine schwere Zeit," sagt er. Sein Weg führte ihn dann nach
Konstanz, gemeinsam mit seiner Frau, die er in Düsseldorf kennengelernt
hatte. Dort ging Reinhold Kinder seinen Weg weiter, arbeitete mehrere Jahre in
einer grossen Firma, machte die Meisterprüfung, bis er schliesslich mit der
Familie - das Ehepaar Kinder hat drei Kinder - in Stockach das jetzige
Unternehmen aufbaute. Auch die Mutter wohnte zwischenzeitlich in der Nähe. "Aber
wir hatten kaum Zeit füreinander, unser Betrieb liess kaum Raum für
die Familie."
Kontakte zu Verwandten in der ehemaligen DDR hat Reinhold Kinder bis
heute nicht. Nach dem Fall der Mauer 1989 ist die Familie zwar einmal im Osten
gewesen. "Aber es war noch schlimmer, als ich es in Erinnerung hatte,"
sagt Reinhold Kinder. Sein Sohn habe gesagt, dass er nun endlich glaube, was ihm
der Vater erzählt habe. "Wer es nicht erlebt hat, kann es nicht
nachvollziehen," sagt Reinhold Kinder, dessen Brüder ebenfalls, seit
Juli 1961 beziehungsweise 1987, im Westen sind. Auch 1989 sei es für die
Menschen aus der DDR zuerst noch eine Flucht gewesen, denn keiner habe
schliesslich gewusst, ob die Mauer wirklich fällt, meint Reinhold Kinder .
Und dass die Wiedervereinigung nicht für alle eine goldene Zukunft
bereithielt? "Schliesslich gilt es, hart zu arbeiten, um etwas zu
erreichen," so Reinhold Kinder. Das Anspruchsdenken von so manchem sei wohl
zu hoch gewesen.
Sabine Strantz
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