Stadtmarketing:
Außer Spesen nichts gewesen?
Was tun, wenn sich jede Stadt droht zu
gleichen droht wie ein Ei dem anderen? Die Antwort auf diese Frage zu suchen,
fingen Gemeinderäte, Einzelhandelsgemeinschaften und Stadtoberhäupter
Anfang der 90er-Jahre an, auch wenn Volkswirtschaftler schon in den 70ern darauf
hingewiesen haben, dass die Städte ihr Profil schärfen müssen.
Engen hat wohl das älteste Stadtmarketing der Region: 1995 begann man dort
bereits. Wie so oft ging es schon bald darum, den anfänglichen Impuls zu
erhalten: Die Ergebnisse aus den Projektgruppen tröpfelten schon bald
dahin. Der neue Bürgermeister der Stadt, Johannes Moser, hat dem
Stadtmarketing wieder etwas Leben eingehaucht. Radolfzell, Stockach und zuletzt
(sieht vom ersten schief gelaufenen Ansatz ab) Singen zogen nach, nicht weil
Engen anfing, sondern weil die Zeit reif war dafür.
In Singen begann das Stadtmarketing 1996 mit einem Fehlstart: Mit
einem Moderator, der von den zu Moderierenden nicht akzeptiert wurde, kam die
erste Bruchlandung. Die Erkenntnis: Nicht immer stehen ABM-Stellen, eine
typische Erscheinung der 80er, für qualitativ hochwertige Arbeit. Die
Pressesprecherin der Stadt, Adreana Olivotti, und der Wirtschaftsförderer
Bernd Häusler übernahmen das Singener Stadtmarketing Ende 1997.
Erfolge? Der ganz große Wurf ist das Singener Stadtmarketing nie geworden.
Bernd Häusler resümiert bereits, dass es heute um kleine Ziele gehe.
Leitbilder zu erstellen, die wirklich verfolgt würden, sei schwierig. Und
nicht immer sei das Verhältnis zwischen Gemeinderat und Stadtmarketing
einfach. Das hat das Stadtmarketing auch schon in anderen Städten zu spüren
bekommen: In Stockach scheut sich das Stadtmarketing vor der Öffentlichkeit,
die es repräsentieren sollte, weil Teile des Gemeinderates sich allzu oft
hintergangen fühlen.
In Radolfzell ist die Kompetenz der
Arbeitsgruppen manchmal gefragt, manchmal zerstieben die städtebaulichen
Visionen in der Aufregung der Sitzungen. Bleibt die Motivation: In Engen hat
sich letztlich über das Stadtmarketing wieder eine Werbegemeinschaft mit
dem Titel »Impuls Engen«gegründet. In Singen haben sich der die
Innenstadt vertretende Cityring und die Interessengemeinschaft Süd an einen
Tisch gesetzt. Und: Der Singener Wirtschaftsförderer Bernd Häusler
meint, dass der Begriff Stadtmarketing tauge, um Inhalte zu transportieren, sei
es das Kunstkonzept zur Landesgartenschau oder etwas anderes. in Stockach setzen
Bürgermeister und Gemeinderat auf das Stadtmarketing, um die Lokale Agenda
21, vielleicht das Umweltschutzkonstrukt der globalen Zukunft, vor Ort
umzusetzen und auch der Verein »kostenloses Parken« befruchtet sich
mit den Stadtmarketingleuten.
In Radolfzell sitzen Banker,
Wirtschaftsleute, Kulturtreibende und Handelsvertreter an Tischen, an denen sie
erstaunlich offen über die Schwächen und Stärken der Stadt reden.
Heraus kam ein Parkplatzbewirtschaftungskonzept, eine Belebung der Promenade
(Die Anfänge des neuen Molencafes sind im Radolfzeller Stadtmarketing zu
suchen) und viele Visionen, die freilich nur von einer überzeugten
Verwaltungsspitze umgesetzt werden können. Die kleinen Dinge haben es den
Radolfzellern ebenfalls angetan: Immer wieder wurden ganz pragmatisch kleine
Dinge wie ein Spielhaus auf dem Marktplatz und ähnliches konzipiert.
Motiviert hat vielleicht auch das professionell von außerhalb moderierte
Stadtmarketing in Radolfzell dazu, dass sich Handel und Gewerbe zu einem
gemeinsamen Eventwochenende im Jahr 1997 durchgerungen hatten: Eine
Handwerksmesse im Milchwerk und ein Tag des Rades am verkaufsoffenen Sonntag,
das war eigenständige Profilierung.
In Singen hat das Cityfest
als Stadtfest neuen Auftrieb erfahren. Bernd Häusler resümiert:
Stadtmarketing hat nicht den Effekt, den man Ende der 80er-Jahre mit
wissenschaftlichem Anspruch zu sehen glaubte. Das können wohl alle
unterschreiben, die mit Stadtmarketing zu tun hatten. Und die großen
Visionen oder interessanten Gedankenblitze im schwierigen politischen
Alltagsgeschäft immerwährend als machbar zu verkaufen, bis sie
umgesetzt sind, fiel und fällt ebenfalls schwer. Wer darauf wartet, dass
die einst aufgestellten Leitbilder zur städtebaulichen und
gesellschaftlichen Realität werden, der darf im neuen Jahrtausend wohl noch
einige Jahre warten. Denn: Visionen zu erhalten, bis sie umgesetzt sind, dazu
bedarf es Zivilcourage.
Und Zivilcourage ist ein Wort, das in den
90ern nur noch wenige für sich reservieren dürfen. Wird man das
Stadtmarketing in zehn Jahren als umsonst, aber nicht immer kostenlos,
abschreiben? Es wäre schade: All die, die sich in den Arbeitskreisen
engagiert haben, werden die Zeit nicht missen wollen, in der sie frank und frei,
ohne Medien, ohne Öffentlichkeit und ohne dauernd an das momentan Machbare
erinnert zu werden, diskutieren durften und so ein Teil einer lernenden
Gesellschaft wurden, die im nächsten Jahrhundert für die westliche
Welt Überlebensprinzip sein muss.
Anatol Hennig
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