Fusionitis:
Virus oder Chance?
Die Bürgermeister wussten in den
70ern und 80ern noch Bescheid, wenn der Betrieb vor Ort vor großen Umwälzungen
steht. Stockachs Bürgermeister Franz Ziwey beispielsweise kämpfte in
vielen Konferenzen selbst für den Fahrstandort in Stockach, verlor aber
letztlich gegen Konzerninteressen. In den 90ern sind Fusionen größer
und meist für die örtliche Macht nicht mehr zugänglich gewesen:
Als Algroup und Viag fusionieren sollten, stellte man spätestens fest, dass
der SIngener Alu-Standort zu teuer ist. 450 Arbeitsplätze sind wieder für
die Region verloren. Der besorgte Brief vom Singener Oberbürgermeister an
Konzernchef Marcchionne wurde nie beantwortet.
Ob sich das die
Wirtschaftskapitäne früherer Zeit getraut hätten, zumal sie
zumeist von der Gunst von Bürgermeister und Gemeinderat abhängig
waren? Jetzt kommt die Fusion der Algroup mit zwei weiteren Unternehmen zum größten
Aluverarbeiter der Welt. Entschieden wird künftig in Kanada und die Region
bangt um weitere Arbeitsplätze. Fusioniert wurde in den 90ern in allen
Branchen: Aus den Sparkassen Singen und Radolfzell wurde eine, aus den
Volksbanken Konstanz und Radolfzell ebenfalls, die Volksbanken Stockach und Überlingen
sind schon früher fusioniert, Engen und Singen haben heute eine gemeinsame
Volksbank. Kolossa wird von der Spar-Gruppe übernommen, dann mit der
gesamten Intersparkette rund ein Jahr später von Wal-Mart geschluckt.
Der
Filialleiter vor Ort darf jedes Mal die Änderungen umsetzen, der
Mitarbeiter verspürt zumeist Ohnmacht gegenüber der jeweils neuen
Macht im Haus. Dass Volkswagen heute Seat und Skoda sein eigen nennt, hatte
Folgen auch für die Autohäuser vor Ort. BMW vertritt Rover gleich mit.
Es sind Branchenriesen entstanden, die hier in der Region wie überall auf
der Welt die Macht über den Konsumenten von den Kleinunternehmern und
vielfach auch von den Mittelständlern übernommen haben. 91000 Stellen
hat der neue Alukonzern APA, in dem die Algroup Teil sein soll, TRW beschäftigt
rund 80000 Menschen weltweit. Die Autokonzerne haben ihre Zulieferer weltweit so
fest im Griff wie noch nie. Die Produkte der Giganten erobern unseren Alltag: In
fast jedem Büro werden Produkte des Softwareginganten Microsoft verwendet -
weltweit.
Auch die regionalen Fusionen sind nicht von Pappe: Die Sparkasse
Singen-Radolfzell hat eine BIlanzsumme von rund 3,5 Millarden Mark. Ob die
regionalen Bankenfusionen der letzten Jahre das Ende des Fahnenstange sind, ist
keinesfalls heraus. Bankengrößen wie die der Stockacher Sparkasse
sind nur noch selten in Deutschland. Vor Ort will man natürlich die eigene
Bank behalten. Fusioniert wird, weil viele Großen glauben, dass sie den
Markt besser beherrschen können, wenn sie noch größer werden
oder der Wert ihrer Aktien steigt. Shareholder Value, der Wert einer Firma für
den Teilhaber, das ist ein Stichwort des Jahrzehnts. Der Textilhersteller
Schiesser will an die Börse und das Unternehmen muss ein Appetithappen für
Anleger werden. Die Standorte Stockach und Rielasingen sind geschlossen, Engen
soll folgen, Radolfzell wird schrumpfen. Lokal ist der Fusionitis nicht zu
begegnen: Standorte sind für Weltkonzerne beliebig austauschbar.
Die
überschaubare Welt vor Ort droht schon bald für viele einfach nicht
mehr zu existieren: Standorte - auch von Arbeitnehmern werden sie gewechselt
werden müssen. Wirtschaftsförderer müssen in passenden Größeneinheiten
global für ihren Standort werben, die Poliitk vor Ort muss letztlich der
Wirtschaft dienen oder auf Arbeitsplätze und Steuern verzichten. Und die
Chancen vor Ort sind dann plötzlich die kleinen Unternehmer, die neue Lücken
finden müssen, die die Giganten zwangsläufig lassen
Anatol
Hennig
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