Die
Bankenwelt im dritten Jahrtausend
Wirtschaft und Gesellschaft stehen an
der Schwelle zum 21. Jahrhundert vor ganz neuen Herausforderun-gen. Fakt ist, daß
die Welt sich verändert, der globale Wettbewerb und der Ausbau der
Kommuni-kationstechnologien machen die Welt kleiner und sie bringen Märkte
näher. Ob am Ende dieses Prozesses globaler Wohlstand steht oder das
Kapital die neue Weltre-gierung bildet, sei dahingestellt. Erkennbar ist, daß
Krisen sich häufen, Lösungen der Kernprobleme jedoch ausbleiben.
Wollen wir uns mit der Zukunft der Banken beschäftigen, müssen wir uns
zu-nächst mit deren Aufgaben und der gesellschaftlichen Funktion
auseinandersetzen. Auf die nationale Ebene bezogen sammeln die Banken das
Sparkapital und leihen dies als Kre-dite an Wirtschaft und Privatpersonen aus.
Der Geldkreislauf sicherte bisher - bezogen auf Deutschland - die dezentrale
Entwicklung von Wirtschaftsräumen. Das Kapital hat den natürlichen
Anspruch sich zu vermehren. Es vagabundiert zwischen Ertragschancen und Risiko,
wobei die Fiskalpolitik diese Prozesse teilweise begünstigt. Auf jeden Fall
wird es zunehmend der peripheren Region entzogen.
Der Wettbewerb unter den Banken in Deutschland, den Groß- und
Regionalbanken, den Sparkassen mit ihren Landesbanken sowie den
Genossenschaftsbanken sicherten bisher die Ver-sorgung der Wirtschaft und
privaten Haushalte mit Kapital. Im folgenden kamen die Non- und Nearbanken dazu,
z.B. Versandhäuser, Autohäuser, Kreditkarten-Organisationen. Sich
selbst zu "Finanzberatern" erkorene, in drei Wochen auf Verkauf
getrimmte Berufsfremde, gaukeln in Geldfragen wenig vertrauten Bürgern
ungeahnte Erfolgschancen vor, natürlich ohne Be-raterhaftung. Der
Wettbewerb hat sich insgesamt verstärkt. Derzeit zeichnet sich in der
Wirtschaft allgemein, bei den Banken im speziellen, eine Suche nach der idealen
Unternehmensform und -größe ab. Europa- und weltweit operierende
Unternehmen suchen Kooperationen bzw. Fusionspartner, um ihre Marktstellung neu
zu positionieren. Dabei steht die Kapitalrentabilität, das sogenannte
Shareholder-Value-Prin-zip, im Vordergrund. Die Eigentümer bzw. Anleger
fordern Rendite. Die Privatbanken stehen rund um den Globus bereit, die Welt
unter sich zu verteilen. Durch Übernahmen und Fusionen werden derzeitig die
ersten Pan-Europäischen Finanzkonzerne geschaffen. Keine Bank ist mehr
sicher, von einem anderen Finanzkonzern übernommen zu werden. Ranking, Größe,
Vergleich mit mächtigen amerikanischen und asiatischen Geldhäu-sern
sind der Maßstab und werden zur Strategie.
Das Ziel?: Angst vor
dem eigenen Nieder-gang, Verdrängung, Vorherrschaft, Profit. Wenn das nur
gut geht. Die Stützungs-aktionen des japanischen Staates zur Rettung von
Großbanken liegen noch nicht weit zurück. Zielkunden dieser
Megafinanzdienstleister sind im wesentlichen Großanleger und
Wirtschaftskonzerne. Die Sparkapitalbeschaffung erfolgt über
Fonds-Gesellschaf-ten, angeschlossene Versicherungstöchter oder aufgekaufte
Regionalbanken. Als Alternative zu den sach- und personalkostenintensiven
Filialen wird das Direktbankgeschäft via PC und Telefon angeboten. Dem
Ziel der Marktbeherrschung entgegen steht in Deutschland die starke Stellung der
Sparkassen mit einem Marktanteil von 36 % und den Ge-nossenschaftsbanken mit 14
%. Über politische Einflußnahmen und Klagen vor dem europäischen
Gerichtshof wird versucht, Grundstrukturen zu verändern. To get big or to
get out?
Oder: "Kleine Schnellboote sind wendiger als
Schlachtschiffe!" Diese Frage ist noch lange nicht beantwortet. Der Mensch,
der Kunde, entscheidet letztendlich, mit wem er seine Geldgeschäfte in der
Zukunft tätigt. Globalisierung und weltwirtschaftlicher Strukturwandel
sind nicht gleichbedeutend mit einer Überlegenheit von Zentralisierung und
großen Strukturen. Im Gegenteil: Sie verlangen Ge-genpole im Lokalen und
Regionalen. Unser ehemaliger Bundespräsident Roman Herzog hat diese Einschätzung
mit Recht auch in einen emotionalen Zusammenhang gestellt: "Der Mensch, der
sich in der komplizierten Welt nicht mehr zurecht findet, sucht instinktiv die
kleinen Einheiten". In Zukunft sollte des-halb den kleineren Lebenskreisen
und damit nicht zuletzt der eigenständigen Problemlö-sungsfähigkeit
der Menschen und Regionen mehr praktische Bedeutung beigemessen wer-den als
bisher. Der Bedeutungsgewinn örtlicher und regionaler Handlungsstrukturen
korrespondiert unmit-telbar mit den Strukturen und Prinzipien der Sparkassen.
Die Sparkassen stehen institutio-nell für Dezentralität. Durch ihre örtliche
und regionale Verankerung gewährleisten sie eine wirtschaftliche
Infrastruktur für eigenständige Handlungsmöglichkeiten und
Problemlö-sungen in den Regionen.
Die im Regionalprinzip und dem
selbständigen Unterneh-mertum begründete Konzentration auf einen
bestimmten Wirtschaftsraum veranlaßt Spar-kassen aus Eigeninteresse, ihre
Geschäftspolitik auf die Erhaltung und Weiterentwicklung der
Wirtschaftskraft und der Lebensqualität dieses Raumes auszurichten. Sie
sind moderne Netzwerkunternehmen des 21. Jahrhunderts, die zur Sicherung von
Zukunftschancen für die Menschen in allen Regionen beitragen. Die
Bedeutung regional ausgerichteter Kreditinstitute wurde bemerkenswerterweise in
jüng-ster Zeit im Ausland neu entdeckt. Die Renaissance von
Kreditinstituten mit Orientierung auf örtliche Märkte und Kundenkreise
sowie traditionellem filialgestütztem Retail-Banking geht vor allem aber
auch auf neue marktpolitische Einschätzungen zurück.
Deshalb sollte auch die derzeit über die Finanzmärkte
rollende Fusionsquelle nüchtern be-urteilt werden. Es gibt keinen Königsweg
für die Bank der Zukunft. Im Wettbewerb der Zukunft werden sich vielmehr
die Institute durchsetzen, die am besten die Bedürfnisse der Kunden
erkennen und nachvollziehbaren Mehrwert schaffen. Der Prozeß der
Bankenkonzentration eröffnet gerade mittelständisch strukturierten
Kreditinstituten am Markt neue Chancen in Be-reichen, um die sich vermeintliche
"Global Player" nicht mehr kümmern können oder wollen. Verbündete
der Sparkassen und weniger Wettbewerber müßten derzeit die
Genossenschafts-banken sein. Sie bearbeiten den gleichen Markt und unterhalten
Filialen manchmal gerade gegenüber. Um der Region kostengünstige
Unterstützung zu gewähren, wäre möglicher-weise ein
Zusammengehen in gleichen Wirtschaftsräumen erstrebenswert.
Die
Zeit dazu ist momentan noch nicht da. Natürlich werden sich die Filial-
und Betreuungsstrukturen der Sparkassen und Genossen-schaften wandeln. Allein
der technische Fortschritt wird die heute sach- und personalintensi-ven
Routinevorgänge automatisieren. Ich gehe davon aus, daß spätestens
in 10 bis 15 Jah-ren ein Großteil des bisherigen "Schaltergeschäfts"
mittels elektronischer Telekommunika-tionsmedien abgewickelt wird. Die nächste
Generation ist zumindest darauf eingestellt, surft schon heute im Internet und
fordert Handy-Banking. Die Beratung der Kunden in Geldangelegenheiten ist das
Kerngeschäft der Kreditinstitute. Was wichtig ist und bleibt ist die
absolute Kundenorientierung des Dienstleisters Bank. Geld ist letztendlich der
Lebensstandard unserer Gesellschaft. Zwischen dem Berater und dem Kunden muß
ein Vertrauensverhältnis bestehen und die Region, das Lebensumfeld der
Menschen ist gerade in Zeiten der Globalisierung das naheliegende. Der Computer
kommt den Menschen entgegen - bleibt aber Hilfsmittel.
Joachim Twardon
Vorstandsvorsitzender Sparkasse Engen
|