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»Mehr als zehn Stunden im Leben einer Frau«

Diskussion Hebammenmangel
Mit rund 20 Frauen diskutierten Nese Erikli, Helga Häusler und Jutta Niemann (v.l.) im Zunfthaus der Narrizella Ratoldi die Themen Hebammenmangel und Geburtshilfe. swb-Bild: dh

Diskussion zum Thema Geburtshilfe und Hebammenmangel

 

Radolfzell. Kinder kriegen, das liegt wieder im Trend, und trotzdem wird es immer schwieriger Hebammen zu finden. Aus diesem Grund hatten die beiden grünen Landtagsabgeordneten Nese Erikli (Radolfzell/ Konstanz) und Jutta Niemann (Schwäbisch Hall) zu einer Diskussion über die Situation der Geburtshilfe und den Hebammenmangel ins Zunfthaus der Narrizella Ratoldi eingeladen.

Das Problem, dass immer weniger Hebammen zur Verfügung stehen sei schon lange bekannt. Maßnahmen um gegenzusteuern wurden allerdings noch keine getroffen, prangerte Niemann an und betonte, dass heutzutage jede fünfte Frau das Krankenhaus nach der Geburt ohne Nachsorge-Hebamme verlassen muss. Besonders Tragisch sei dies vor dem Hintergrund, dass viele junge Familien nicht mehr auf ein festes Mütter/ Großmütter-Netzwerk zurückgreifen können, wie dies früher noch häufiger der Fall war.
Die Ursache für den Hebammenmangel sieht Niemann in der schlechten Vergütung, den hohen Haftpflichtprämien und der mangelnden Wertschätzung für die Hebammen. Auf kommunaler Ebene könnten ihrer Meinung nach Finazielle Zuschüsse und Organisatorische Unterstützung, wie die Einrichtung einer Hebammenzentrale oder von Hebammenkreißsälen für eine Entspannung der Situation sorgen.

Nese Erikli betrachtete die Politische Ebene des Problems. »Es sind die Männer, die die Politik im Land bestimmen. Der Frauenanteil im Landtag beträgt grade einmal 26 Prozent. Auch bei den Kommunalwahlen sind zu wenig Frauen beteiligt«, erklärte sie und spitzte die Diskussion auf die Frage zu »Wäre die Situation für Hebammen besser, wenn Männer Kinder bekämen?« Helga Häusler, die seit 28 Jahren als Hebamme tätig ist, beantwortete diese Frage mit einem kühnen »ja«. Für sie wird der Geburt im allgemeinen zu wenig Bedeutung beigemessen. »Bei der Geburt geht es um mehr als zehn Stunden im leben einer Frau. Es geht um eine Weichenstellung für das Leben«, erklärte sie. Häusler schilderte zudem den hohen Druck unter dem Hebammen oft stehen. Laut Betreuungsschlüssel müssten Hebammen in Deutschland 118 Geburten im Jahr begleiten. »Da ist der Burnout vorprogrammiert«, ist sich Häusler sicher.

Zur seit zwei Jahren geschlossenen Geburtshilfestation im Radolfzeller Krankenhaus äußerten sich einige Vertrerinnen der »Initiative für eine Familienfreundliche Geburtshilfe«. Stadträtin Martina Gleich erinnerte daran wie groß die Enttäuschung über den Verlust war. »Unser Ziel ist jedoch nicht, die Geburtshilfe nach Radolfzell zurück zu holen, sondern Strukturen zu schaffen, die allen im Landkreis eine schöne, Geburt ermöglichen. Betonte Gleich, die auch eine Lanze für die Männer brach. »Es haben sich damals viele Männer sehr beherzt für den Erhalt der Geburtshilfe eingesetzt«.

Nese Erikli freut sich über das Engagement der Initiative, und hofft darauf, dass gemeinsam mit dem Kreis eine gute Lösung gefunden wird. »Laden Sie den neuen Landrat und den OB zu ihren Treffen ein«, empfahl sie den Frauen und versprach zudem, einen Abgeordnetenbrief an die Landesregierung zu schreiben, in dem sie sich erkundigen will, inwiefern das Land helfen kann.

Wochenblatt Redakteur @: Dominique Hahn