Jahresrückblick 1998
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* Dienstag 29. Dezember 1998

Ist die Angst entscheidend?

Kreis Konstanz (he). Im Februar geschah zumindest für die Öffentlichkeit im Kreis das schrecklichste Ereignis des Jahres: Der schweizerische Waffensammler Marco Telatin schoß am Klein-Venedig-Zoll auf zwei Zöllner und schoß sich anschließend in den Kopf. Nach dem Staatsakt, an dem auch Finanzminister Theo Waigel sprach und trauerte, folgte ein wenig erquickliches Schauspiel: Zuerst wurde den beiden toten Zollbeamten noch einiges an Schuld in die Schuhe geschoben, die sie nicht mehr anziehen können und dann wurde das Verfahren eingestellt. Klar: Der Täter war tot. Aber hätten tiefergehende Ermittlungen nicht weitergehende Erkenntnisse über die Organisierte Kriminalität im Landkreis gebracht? Marco Telatin hatte nämlich Schulden, auch Spielschulden im Landkreis Konstanz. Und irgendjemand war sein Gläubiger und für irgendjemand waren die Waffen bestimmt, die Telatin im Kofferraum hatte. Zum Schießen auf den Dettinger Übungsplatz wollte er damit nämlich garantiert nicht. Die Organisierte Kriminalität im Landkreis ist ein schwieriges Thema: Nur wenige wollen sie sehen, geschweige denn benennen, denn: Im Normalfall stört sie den Normalbürger nicht. Wenn mehrere mafiose Gruppierungen in Singen ihre Territorien auch blutig abstecken, so war das 1998 oft scheinbar nicht einmal von öffentlichem Interesse. Und wenn ein PKK-Führer Killer nach Singen und anderswohin schickt, dann war der folgende Prozeß in Stuttgart nicht einmal für die Medien ein Thema. Solcherlei führt dann in manchen Bevölkerungskreisen zu dem Gefühl, daß das Parken ohne Parkschein in diesem Staat mehr verfolgt werde als Körperverletzungen oder schlimmere Kapitalverbrechen. Um soziale Integration ging es bei der Organisierten Kriminalität auch 1998 weniger. Die Jugend allerdings war diesbezüglich Hauptaugenmerk: Auf die Kriminalitätsstatistik im positiven Sinne eher negativ wirkte sich zum Beispiel die Einrichtung der Ermittlungsgruppe "U 21" bei der Konstanzer Polizeidirektion in diesem Jahr aus: Hier ermittelte 1998 geschultes Personal gegen jugendliche Straftäter und für die Jugend. Und plötzlich erfuhr man von immer mehr Straftaten Jugendlicher, wurde offenkundig, was bisher oft im Verborgenen stattgefunden hat. Dabei ging die Polizei nicht blind gegen das fernsehtaugliche Bild einer "immer schlimmeren Jugend" vor: "Die Jugendlichen von heute sind nicht schlechter als die Jugendlichen von früher," sagte Gerd Stiefel, Chef der Kriminalpolizei im Landkreis: Nur: Die Jugendlichen würden in einer komplexeren Welt leben und das kriminelle Angebot sei zu groß geworden. Zu groß ist für die Staatsanwaltschaft in Konstanz ist dieses Jahr nicht nur der Zöllnermord gewesen: Auch die Ermittlungen gegen einen Mann, der 1997 einen Allensbacher Anwalt anschoß, wurden 1998 eingestellt. Die Öffentlichkeit wurde über die Einstellung des Verfahrens nicht informiert, Verknüpfungen zur Organisierten Kriminalität waren in diesem Fall offensichtlich. Indes: Das öffentliche Interesse an dem Fall sei nicht mehr groß gewesen, sagte der zuständige Staatsanwalt, Dr. Gerhard Busam, und begründet damit, daß es zur Einstellung des Verfahrens keine Presseinformation gab. Größer war das öffentliche Interesse tatsächlich an einer Handvoll Jugendlichen aus den ehemaligen GUS-Staaten, die in Singen und teilweise auch in Stockach in Serie Straftaten begehen und in Singen 1998 zumeist betrunken auch harmlose Passanten schlugen und bedrängten. Zu beneiden sind sie nicht, die jungen Straftäter: In den ehemaligen GUS-Staaten werden sie auch von ihren Eltern aus der vertrauten Umgebung gerissen, um anschließend in Deutschland weder Deutsche noch Russen sein zu dürfen und oft keine Arbeit zu finden. Zu beneiden sind allerdings auch nicht die Opfer, die teils mit nie gekannter Brutalität bearbeitet wurden, wie der Singener Chef der uniformierten Polizei, Fritz Marxer zum Jahresende darstellte. Ob Streetworker oder städtische Sozialämter das Problem 1999 lösen können, oder doch eher die Strafverfolgung? Schnell gelöst worden ist auf jeden der Mord an der Singenerin Romana Borrack Berisha bei Waldshut: Der Ex-Freund steht im Verdacht, die Singenerin umgebracht und dann in den Rhein geworfen zu haben.

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