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Ist
die Angst entscheidend?
Kreis
Konstanz (he). Im Februar geschah
zumindest für die Öffentlichkeit im Kreis das schrecklichste
Ereignis des Jahres: Der schweizerische Waffensammler Marco Telatin
schoß am Klein-Venedig-Zoll auf zwei Zöllner und schoß
sich anschließend in den Kopf. Nach dem Staatsakt, an dem
auch Finanzminister Theo Waigel sprach und trauerte, folgte ein
wenig erquickliches Schauspiel: Zuerst wurde den beiden toten
Zollbeamten noch einiges an Schuld in die Schuhe geschoben, die
sie nicht mehr anziehen können und dann wurde das Verfahren
eingestellt. Klar: Der Täter war tot. Aber hätten tiefergehende
Ermittlungen nicht weitergehende Erkenntnisse über die Organisierte
Kriminalität im Landkreis gebracht? Marco Telatin hatte nämlich
Schulden, auch Spielschulden im Landkreis Konstanz. Und irgendjemand
war sein Gläubiger und für irgendjemand waren die Waffen
bestimmt, die Telatin im Kofferraum hatte. Zum Schießen
auf den Dettinger Übungsplatz wollte er damit nämlich
garantiert nicht. Die Organisierte Kriminalität im Landkreis
ist ein schwieriges Thema: Nur wenige wollen sie sehen, geschweige
denn benennen, denn: Im Normalfall stört sie den Normalbürger
nicht. Wenn mehrere mafiose Gruppierungen in Singen ihre Territorien
auch blutig abstecken, so war das 1998 oft scheinbar nicht einmal
von öffentlichem Interesse. Und wenn ein PKK-Führer
Killer nach Singen und anderswohin schickt, dann war der folgende
Prozeß in Stuttgart nicht einmal für die Medien ein
Thema. Solcherlei führt dann in manchen Bevölkerungskreisen
zu dem Gefühl, daß das Parken ohne Parkschein in diesem
Staat mehr verfolgt werde als Körperverletzungen oder schlimmere
Kapitalverbrechen. Um soziale Integration ging es bei der Organisierten
Kriminalität auch 1998 weniger. Die Jugend allerdings war
diesbezüglich Hauptaugenmerk: Auf die Kriminalitätsstatistik
im positiven Sinne eher negativ wirkte sich zum Beispiel die Einrichtung
der Ermittlungsgruppe "U 21" bei der Konstanzer Polizeidirektion
in diesem Jahr aus: Hier ermittelte 1998 geschultes Personal gegen
jugendliche Straftäter und für die Jugend. Und plötzlich
erfuhr man von immer mehr Straftaten Jugendlicher, wurde offenkundig,
was bisher oft im Verborgenen stattgefunden hat. Dabei ging die
Polizei nicht blind gegen das fernsehtaugliche Bild einer "immer
schlimmeren Jugend" vor: "Die Jugendlichen von heute
sind nicht schlechter als die Jugendlichen von früher,"
sagte Gerd Stiefel, Chef der Kriminalpolizei im Landkreis: Nur:
Die Jugendlichen würden in einer komplexeren Welt leben und
das kriminelle Angebot sei zu groß geworden. Zu groß
ist für die Staatsanwaltschaft in Konstanz ist dieses Jahr
nicht nur der Zöllnermord gewesen: Auch die Ermittlungen
gegen einen Mann, der 1997 einen Allensbacher Anwalt anschoß,
wurden 1998 eingestellt. Die Öffentlichkeit wurde über
die Einstellung des Verfahrens nicht informiert, Verknüpfungen
zur Organisierten Kriminalität waren in diesem Fall offensichtlich.
Indes: Das öffentliche Interesse an dem Fall sei nicht mehr
groß gewesen, sagte der zuständige Staatsanwalt, Dr.
Gerhard Busam, und begründet damit, daß es zur Einstellung
des Verfahrens keine Presseinformation gab. Größer
war das öffentliche Interesse tatsächlich an einer Handvoll
Jugendlichen aus den ehemaligen GUS-Staaten, die in Singen und
teilweise auch in Stockach in Serie Straftaten begehen und in
Singen 1998 zumeist betrunken auch harmlose Passanten schlugen
und bedrängten. Zu beneiden sind sie nicht, die jungen Straftäter:
In den ehemaligen GUS-Staaten werden sie auch von ihren Eltern
aus der vertrauten Umgebung gerissen, um anschließend in
Deutschland weder Deutsche noch Russen sein zu dürfen und
oft keine Arbeit zu finden. Zu beneiden sind allerdings auch nicht
die Opfer, die teils mit nie gekannter Brutalität bearbeitet
wurden, wie der Singener Chef der uniformierten Polizei, Fritz
Marxer zum Jahresende darstellte. Ob Streetworker oder städtische
Sozialämter das Problem 1999 lösen können, oder
doch eher die Strafverfolgung? Schnell gelöst worden ist
auf jeden der Mord an der Singenerin Romana Borrack Berisha bei
Waldshut: Der Ex-Freund steht im Verdacht, die Singenerin umgebracht
und dann in den Rhein geworfen zu haben.

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