Jahresrückblick 1998
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* Dienstag 29. Dezember 1998

Doppelter Landrat

Kreis Konstanz (li). Das Jahr 1998 war im Kreistag von neuem Rollenverständnis geprägt: Angesichts großer Probleme auf vielen Feldern rückten die Kreisräte näher zusammen. Und das war angesichts mancher Peitschenhiebe schon notwendig. Erst war die Kasse leer. Die Bürgermeister im Kreistag mußten die schwierige Frage beantworten, ob ihnen das Hemd nicht doch näher als der Rock ist. Am Ende gab es doch noch einen Kreishaushalt, vor allem die SPD stand zu Landrat Frank Hämmerle, der damit auch einen neuen Politik-Stil im Kreis entwickelt hatte. Der Müll erhitzte vorher und nachher die Gemüter. Die Abfall-Kommission leistete ganze Arbeit unter Leitung von Franz Ziwey. Und da gelang der Brückenschlag zwischen allen politischen Lagern von Helmut Kennerknecht über Sigurd Gawron bis zu zu Wildtrud Baumeister, die ungeahnte Realo-Qualitäten gezeigt hat. Doch der thematische Faden riß nie mehr ab im Kreistag: Der Öffentliche Personennahverkehr ist rechtlich so verschachtelt wie die Hegau-Kreislaufwirtschaft, die Träger von Storzeln werden sollte. Der neue Landrat hat damit Probleme: Frank Hämmerle will in allen Bereichen klare Verhältnisse haben. Er will wissen, wieviel ihm was maximal kosten kann. Das will auch der Kreistag so. Deshalb gibt es zum Jahresende 1998 immer noch mehr Fragen als Antworten. Gespannt warten alle auf den Abschluß des Ermittlungsverfahrens der Staatsanwaltschaft gegen Helmut Schriewer, dem früheren Geschäftsführer des Kompostwerks. Ein Teil des Kreisrats erwartet immer noch Hinweise, daß Aufsichtsratsmitglieder falsch gehandelt hätten. Das weiß auch der frühere Landrat Dr. Robert Maus. Dieser startete beim Singener Nachbarschaftswein einen Entlastungsangriff: Gift versprühen würden ja nur die Kreisräte, die schon früher die wichtigen Beschlüsse nicht mitgetragen hätten. Das seien die ewigen Verlierer. Doch auch im Lager von Dr. Maus, der eine sehr stabile „Landrats-Mehrheit" im Kreis hatte (CDU und Teil der Freien Wähler), werden verstärkt Fragezeichen gesetzt. Dr. Maus war der Landkreis. Und selbst seine Haushaltspläne setzten er und sein Führungskreis redegewandt durch. Dr. Maus sagt heute, der Kreistag habe doch alle Verträge beschlossen. Doch die Zahl der Kreisräte steigt, die mit Schrecken sieht, was so alles abgesegnet wurde. Das soll nie mehr passieren, ist ein Schwur, den viele notfalls auch im stillen Kämmerlein geleistet haben. Weil dies durch nahezu alle Fraktionen hindurchgeht, ist das enge Zusammenrücken verständlich: In alten Wunden herumzustochern bringt nichts! Um so honoriger ist es, wenn CDU-Fraktionsvorsitzender Franz Moser die Hegau-Kreislaufwirtschaft im Regen stehen läßt. Er stand wie ein Fels für die Politik Maus. Er verkämpfte sich für Storzeln und riß damit Gräben in seine Gemeinde. Seine Ausstiegsrede war im Kreistag einer der bewegendsten Momente des Jahres. Schwer hat es Frank Hämmerle im Amt: Der doppelte Landrat ist allgegenwärtig. Und mit diesem großen Schatten muß er fertigwerden. Keine Einweihungsfeier ohne den „doppelten Landrat", keine Bilanz ohne die Frage, wie sehr damit der Vorgänger getroffen wird. Führende Vertreter von CDU und Freien Wählern im Kreistag sind jahrzehntelange Freunde von Dr. Maus. Da tut man sich mit manchen Formulierungen schwer. Nicht so die SPD: Sie hat sich von der Landratswahl schnell erholt gehabt und steigt jetzt ballastfrei in die Debatten ein.
Hans Paul Lichtwald

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