Jahresrückblick 2000
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Silvester ABC 2000

Arbeit stand im Mittelpunkt vieler Beratungen. Singen bekommt nun sein Technologiezentrum, aber im Kleinen haben dies viele andere Gemeinden auch schön. Was wird sich ändern? Welche Arbeit der Mensch braucht, fragte der Kirchliche Dienst in der Arbeitswelt des evangelischen Dekanats im Herbst. Ehrenamtliche Arbeit gewinnt an Bedeutung, wenn es darum geht, dass Menschen sich gebraucht fühlen. Die arbeitnehmerische Ersatzreserve wird im neuen Jahrtausend erhalten bleiben. Das ändert nichts daran, dass die Arbeitslosenzahlen leicht rückläufig sind. Der Arbeitsplatzabbau in der Großindustrie wird mit Ausnahmen weitergehen.

Bankenszene sorgt immer wieder für Überraschungen und Schlagzeilen. Angesichts des Zwangs zu weiteren Fusionen, wird die vom WOCHENBLATT immer wieder prognostizierte Volkssparkasse Bodensee am Ende Realität werden. Zehn Jahre noch? Die Zwischenschritte mögen den Akteuren schwer fallen, doch dies wird der einzige Weg sein, dass leistungsfähige Regionalbanken kundennahen Service bieten können.

Christliche Kirchen müssen sich nun auch verstärkt dem Wettbewerb stellen. Die Amtskirchen haben entweder kein Geld oder keine Pfarrer. Das verlangt die Zusammenlegung von Pfarreien, bringt aber einen Verlust von Identität. Daneben hat gerade die Evangelische Landeskirche mit einem wachsenden Konkurrenzdruck von Freikirchen und freien Gemeinschaften zu kämpfen. Als ein Redakteur der Süddeutschen Zeitung kürzlich Singen entdeckte, stolperte er über die vielen hier angesiedelten Sekten und Nachtlokale. Keine gute Nachbarschaft!

Deutschland gegen Rechts, kam auch in unserer Region an. Der Singener Jugendgemeinderat hatte am 9.November seine Glanzstunde, als er zur Demonstration gegen Rechts mit einem Zug vom Bahnhof zur Herz-Jesu-Kirche aufbrach. Die Jugend gedachte der Reichskristallnacht an diesem Tag und die Stadt Singen und die Sportverbände eröffneten am gleichen Tag ihre Sportausstellung im Rahmen des Stadtjubiläums. Ein Glanzstück.

Einzelhandelsgutachten bewegen alle Städte in der Region: Was ist innenstadtrelevantes Angebot? Die Radolfzeller Repräsentanten von Handel und Gewerbe wollen nun auch die Innenstadt attraktiver gestalten. Sie nutzten die OB-Wahl zur eigenen Positionierung. Wenn sich Schokoladenseiten wie der Gerber-Platz zu Magneten entwickeln lassen, gibt es dort eine Menge Chancen. Singen wartet auf sein GMA-Gutachten zu den Einzelhandelsflächen, Stockach hat nun sein Parkhaus in der Oberstadt und lebt mit der Angst, die neuen Flächen am Bahnhof könnten das Publikum abziehen. Aber dieses Parkhaus ist doch genial: Welche Stadthalle in der Region hat wie die Adler-Post ein solches Parkhaus nebenan? Die Leute sollten es nur mehr nutzen.

Familienverhältnisse sind schwerer geworden. Die 40 Prozent Ehescheidungen im Kreis sind wohl im Jahr 2000 nochmals getoppt worden. Die Jugend-und Sozialämter sind offenbar weniger fit, als die kirchlichen Beratungsstellen. Sie tragen inzwischen einen großen Teil der sozialen Last im Kreis. Probleme kommen hinzu: Obwohl sie keine Beratungsscheine zum Schwangerschaftsabbruch mehr ausstellen dürfen, bieten die katholischen Beratungsstellen weiterhin ihre Dienste an. Sie wollen einfach anderen Menschen helfen.

Gesundheitswesen ist im Jahr 2000 im Kreis strittig geblieben. Das Hegau-Klinikum Singen hat durch die Übernahme des Jugendwerks Gailingen eine neue Qualität erreicht. Doch zwischen den Krankenhäusern im Kreis läuft nur wenig. Das Land will eine Arbeitsteilung zwischen Singen und Konstanz zumindest in den Bereichen Urologie und Kinderklinik. Aber was für ein Theaterdonner kommt da immer wieder aus Konstanz! Und dann die Herzklinik! Jetzt kommen die Thurgauer durch die Hintertür und locken das Land zur Akzeptanz für alle Kassenpatienten. Schließlich ist Wahlkampf. Und der Allensbacher CDU-Landtagskandidat Andreas Hoffmann steht inhaltlich voll für die Herzklinik. Jetzt braucht er
wenigstens einen Lichtschimmer aus Stuttgart. Wer braucht den aber nicht?!

Hegauer Selbstbewusstsein ist zum Faktor geworden. Viele Gemeinden definieren sich auch kulturell neu. Die Alte Kirche in Volkertshausen ist am Ende des Jahres nur vorläufiger Schlusspunkt einer schon länger laufenden Entwicklung. Nachdem die Städte kein Bauland in ausreichender Qualität zur Verfügung gestellt haben, begann die Stadtflucht. Heute lebt das urbane Publikum auf dem Dorf und schafft sich seine kulturelle Oase. Und politisch? Auf der Nase herumtanzen lässt sich auch niemand mehr. Und vor allem sind die Gemeinden enorm gewachsen: Rielasingen-Worblingen liegt bei 12 000 Einwohner, Hilzingen hat im Jahr 2000 die 8000 erreicht.

Industriekapitäne werden rar in unserer Region. Zum Glück haben wir noch Dietrich H. Boesken, den nimmermüden Präsidenten der IHK. Mit Wefa-Inotec feierte er in Singen dieses Jahr sogar noch Einweihung im eigenen Unternehmen. Der Generationswechsel hat im Jahr 2000 die Alu kräftig erfasst, wo Dr. Gerd Springe nun auch als Holding-Chef jetzt in den Ruhestand gegangen ist. Wie die neue Manager-Generation mit der Region lebt, wird man sehen. Wir müssen vielleicht auch mit ihnen lernen, dass vieles sachlicher geworden ist. Auch der Umgang mit der Frage, ob eine Weihnachtsfeier ein gesellschaftliches Ereignis sein kann.

Jugendsozialarbeit ist in aller Munde. Und das beginnt in der Schule. Singen baut diesen Zweig aus, Gottmadingen und Rielasingen folgen. Und Stockach hat mit Marcel da Rin einen Stadtjugendpfleger gefunden, der da ein gutes Händchen im Umgang mit Jugendlichen hat. Hoffentlich lässt man ihm auch den nötigen Freiraum für seine Arbeit. Zugleich hat der Kreis immer noch keinen Kreisjugendpfleger. Tobias Zahn, Singener Gemeinderat der Grünen, zog die Zusage nach seiner Wahl zurück.

Kreisumlage ist seit vielen Jahren ein Reizwort. Nun wurden die Gemeinden im Kreis kräftig entlastet. Bei 32,88 Prozent zogen sogar die vier Kreisgemeinden, die gegen den Finanzausgleich im Land geklagt hatten, vorübergehend zurück. Ernst war die Lage in vielen Kreisgemeinden ohne jede Investitionsrate natürlich schon. Doch bewahrheitet hat sich auch meine Grundposition, dass man nicht jammern solle sondern sehen müsse, dass die Bewältigung schlechter Finanzlagen eben zur Aufgabe eines Bürgermeisters und damit zu seinem Job gehöre. Ist doch ganz gut gelaufen! Oder nicht?

Leitkultur war im Hegau in diesem Jahr das, was in Singen auf der Landesgartenschau lief. SWR 4 bestimmte den Musikgeschmack. Lassen wir Mundart und Musik so weiterleben wie bisher. Machen wir keine Wortspiele mit Sonja Schrecklein mehr, die inzwischen Ehrenburgherrin der Konstanzer TV-Niederburg geworden ist. Das ist halt alles real existierende Leitkultur. Manchmal auch Leidkultur. Aber mit der Kultur ist es ganz einfach: Wer sie vermisst, merkt es im Zweifelsfall nicht einmal.

Mittelstandsvereinigung hat einen Generationswechsel vollzogen. Und der neue Kreisvorsitzende Harald Dreher wurde hinterher auch noch Singener Stadtchef der MIT. Bewegen kann er zusammen mit seiner verjüngten Mann-und Frauschaft bisher wenig, denn zwischen den Platzhirschen verlangt ein eigenes Profil schon harte Kutteln. Und vielleicht auch einen Mentor, der die anderen gewähren lässt.

Nahverkehr ist in die Schlagzeilen gekommen: Die Bahn-Netz lässt die eigenen alten Monopole nicht fahren. Altberechnungen der Bahn belasten offenbar seit 1997 erheblich den Tarifverbund und lassen den Kreis einfach zu viel zahlen. Oder sind es alle miteinander? Der Kreis hat den Tarifverbund nur bis zur Jahresmitte 2001 verlängert und will genaue Zahlen auf dem Tisch und diese dann überprüfen. Wenn das keine gute Nachricht ist: Sollte sich der Nahverkehr plötzlich viel besser rechnen?!

Obdachlosigkeit scheint angesichts so vieler Häusereinweihungen und Klagen über einen Wohnungsüberhang kein Thema mehr zu sein. Dabei ist das Problem, das dahinter steht, unvermindert wichtig. Wer in dieser Gesellschaft aus der Bahn geworfen wird, keine Scheckkarten und keine Bankkonten mehr hat, der ist ohne Chance. Zum Glück gibt es den Jakobushof in Böhringen. Doch die Existenz eines Alibis darf das Thema nicht reif für die Ablage Papierkorb machen.

Politik sollte Spaß machen. Doch auch in diesem Jahr machte sie oft nur verdrossen. Emotionen freigesetzt haben die Kandidatenaufstellungen für den Landtag eigentlich nur bei der CDU. Veronika Netzhammer hatte schon nach einer Wahlperiode mit Harald Dreher einen veritablen Herausforderer abzuwehren. Und Andreas Hoffmann schaffte es in Allensbach auf Anhieb gegen praktisch alle Repräsentanten der Konstanzer Altlasten. Bei der SPD hat Susanne Sargk als Kreisvorsitzende Bernd Karcher beerbt. Die FDP hat zum Glück die quirlige Bundestagsabgeordnete Birgit Homburger. Und Hans-Peter Repnik? Der feierte im Reichstag sein 20-Jähriges im Reichstag. Ihm ist der Spaß durch die Spendenaffäre zeitweise kräftig vergangen. Ein deftiges Jahr auch für den Spitzenpolitiker in Berlin!

Querdenker sind nicht mehr gefragt. Die Schröders, Teufels und Renners geben den Ton an. Und dann läuft die Maschinerie. Zum Glück gibt es in Markelfingen den Altennachmittag der Konrad-Adenauer-Stiftung. Da hatte Dr. Heiner Geißler wenigstens noch seinen Auftritt an der Basis. Sonst sind die TV-Talks noch die einzige Chance für unbequeme Leute. Zum Nachdenken!

Radolfzell hat jetzt einen neuen OB. Nach 24 Jahren Günter Neurohr hat sie dem Nachfolger Dr. Jörg Schmid eine gute Basis mit 78 Prozent gegeben. Ein leibhaftiger Sozialdemokrat marschiert künftig beim Hausherrenfest voran. Das grenzt schon an ein Wunder in der Stadt des Münsters. Manchmal wählen sich die Wähler eben einfach frei! Und dann liegt es am neuen Mann, ob er sich wieder einfangen lässt!

Stockach ist auf dem Weg zum Mittelzentrum. Singen will jetzt Oberzentrum werden. Im Vorfeld der Landtagswahl werden offenbar neue Prädikate verliehen.
Da müssen sich alle dranhalten. Bürgermeister Rainer Stolz war in Stockach eben der erste, der die Gunst der Stunde erkannt hat. Traurig sind bisher die Rielasinger, die durch ihre Nachbarschaft zu Singen nur als Kleinstzentrum eingestuft sind. Und das bei diesem Wachstum!

Tourismus hat durch viele Anstrengungen an Profil gewonnen. Die Landesgartenschau hat den Hegau vielen bewusster gemacht. Kulinarische Aktionen kommen hinzu. Dass die Reichenau nun zum Europäischen Kulturerbe gehört, ist eine bedeutende Auszeichnung dieser geschichtsträchtigen Region, die den Besuchern auch verstärkt vermittelt werden sollte. Die Bodensee-Erlebniskarte hatte einen tollen Einstieg. Und ich werde auch nie mehr schreiben, dass Uhldingen am &quotl;östlichen&quotl; Bodensee liegt, wo die meiste Kritik am Konzept bis zum Ausstieg herkam. Da kam harsche Kritik auf: So ist dies beim Tourismus eben! Jeder hat seinen eigenen Suppentopf . . .

Unterricht soll nicht mehr so oft ausfallen. Und vor allem so soll es eine verlässliche Grundschule geben. Derzeit ist es wieder still an der Bildungsfront geworden. Die Bildungspolitik wird zwar ein großes Wahlkampfthema werden, doch im Detail ist es in unserer Raumschaft fast gespenstisch ruhig geworden. Ein Ärgernis bleibt der ungewisse Übergang nach der Mittleren Reife auf die berufsbildenden Gymnasien. Viele Bewerber und wenige Plätze gaben im Jahr 2000 richtig Knatsch.

Verkehrsverbindungen bleiben ein schwieriges Thema. Zwar gab es im Landratsamt einen hochkarätigen Work-Shop zu den einzelnen Verkehrsräumen im Kreis mit guten Anregungen vor allem im ländlichen Raum. Die Vernetzungen im ÖPNV sind nötig, um dann über den Seehas an die größeren Netze zu kommen. Einen Aufschrei kam einmal aus Tengen, doch dann wurde es auch wieder friedlich. Dennoch müssen die Abläufe im Schülertransport transparenter gemacht werden. Und das hat auch die Kommission gesagt: Auch diese Busse müssen für alle ÖPNV-Nutzer zugänglich sein.

Wirtschaftsförderung war in aller Munde im Jahr 2000, jetzt haben wir wenigstens die Marketing GmbH des Landkreises und 20 seiner Gemeinden. Bei keinem Thema wurde bisher ein solches Null-Summen-Spiel betrieben. Auf Absichtserklärungen folgten kaum Taten. Und weil das Thema auch den kommunalen Würdenträgern jetzt zum Hals heraushängt, haben sie gehandelt. Nur delegiert?

Xaver Hintergruber wird nicht der Singener Gegenkandidat von Andreas Renner am 9. September bei der OB-Wahl heißen. Die SPD will niemanden aufstellen, sagte im Frühjahr SPD-Landeschefin Ute Vogt im Gespräch mit dem WOCHENBLATT. Aber auch das kann sich nach der Landtagswahl noch ändern.

Ypsilon ist einmal mehr eine unüberwindbare Hürde. So als würde man Schneemänner für die Landesgartenschau suchen.

Zeitgeist hat uns alle fest im Griff. Entweder liegen wir IT-mäßig voll im Trend oder wir steuern selbst unbewusst dagegen. Im anderen den Menschen zu sehen, bleibt gerade wegen der Green-Card und neuer Ökonomie auch ein Ziel für das Jahr 2001. Trotz Treibhauseffekt ist es im Jahr 2000 manchmal erheblich kühler geworden . . .

Silvester-ABC von WOCHENBLATT-Chefredakteur Hans Paul Lichtwald.

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