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Bürger sind wahlmüde
Aus Rielasingen-Worblingen kam bisher der Kreiswert der Minus-Rekorde: Bürgermeister Ottmar Kledt hatte bei seiner Wiederwahl nach acht Jahren gerade 29 Prozent Wahlbeteiligung. Ein Prozent darunter lag 2001 sein Stockacher Kollege Rainer Stolz. Er ist zum Maß aller Wiederwahldinge geworden. Und seine 83 Prozent ohne wirklichen Gegenkandidaten waren auch nicht berühmt. Das hat einen Mann im Kreis samt seiner Bürgerinnen und Bürger angestachelt: Artur Ostermayer in Steißlingen. Mit seiner vierten Wahl ins Amt ist er schon Rekordhalter. Und dann schafft er es noch mit 94 Prozent bei 57 Prozent Wahlbeteiligung! Hut ab!
Die Bürgermeister wissen ohne ein solches Votum wirklich nicht, wo sie stehen. Das weiß auch im Prinzip der neue Bürgermeister Severin Graf von Aach nicht. Im zweiten Wahlgang hatte er 42,6 Prozent der Stimmen bei gerade 64 Prozent Wahlbeteiligung. Zwischen dem ersten und zweiten Wahlgang hatte sich unter den drei faktischen Bewerbern wenig verändert. Das ist ungewöhnlich. Dafür muss es deshalb Gründe geben. Ein kleiner Ort, der viele Jahre von der Quelle und zwei wirklich guten Unternehmen lebte, wird umgekrempelt, wenn ein Investor plötzlich daraus ein deutsches Reitsportzentrum macht. Darüber spricht niemand, deshalb muss man es schreiben.
Strukturveränderungen sind eben in Wahlbeteiligungen abzulesen. So war Singens Oberbürgermeister Andreas Renner am Ende glücklich, bei 36 Prozent Wahlbeteiligung mit 85 Prozent Lutz Konopka von der Neuen Linie majorisiert zu haben. Nachdem die SPD trotz strammer Ankündigungen am Abend der Landtagswahl keinen Gegenkandidaten aufgetrieben hatte, kämpfte Renner allein um die Wahlbeteiligung. Sichtbar war, dass in den SPD-Hochburgen die Wähler weggeblieben waren. Renner ist als OB unumstritten, doch in seiner Machtfülle ohne weitere Bürgermeister als politische Beamte vielen auch suspekt. Der Höhepunkt des Schmusekurses der anderen politischen Parteien in der Stadt war seine Amtseinführung. Renner ist zum Maß aller Dinge geworden. Damit ist er zum wahren Nachfolger von Theopont Diez geworden, der durch sein Landtag-Doppelmandat eine unwahrscheinliche Machtfülle hatte. Renners Zugehörigkeit zum Präsidium der Landes-CDU unterstreicht dies als Coup des Jahres nur noch.
Hans Paul Lichtwald

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