Jahresrrückblick 2001
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* Mittwoch 27. Dezember 2001

Kunterbuntes Sylvester-ABC spiegelt das Jahr


Arbeitsmarkt gestaltet sich freundlicher, aber immer noch von dunklen Wolken begleitet. Nach 19 Jahren ist der Singener Arbeitsamtsleiter Lorenz Gebendorfer in den Ruhestand gegangen. Er hatte den ganzen Strukturwandel in der Region durchlebt: Als er kam, gab es 1982 eine schwerwiegende Jugendarbeitslosigkeit. Die gibt es heute nicht mehr. Doch immer mehr Arbeitnehmer müssen durch Qualifizierungsmaßnahmen wieder vermittelbar gemacht werden, langjährige Arbeitslose und ältere Arbeitssuchende bestimmen zunehmend das Bild. Von der Stempelbude zur modernen partnerschaftlichen Arbeitsverwaltung reichte der Arbeitsweg von Lorenz Gebendorfer, der sich durch seine Dialogfähigkeit großen Respekt verdient hat.



Bürgerbegehren gibt es selten - und meistens sind sie aussichtslos. So war es jetzt bei der Konstanzer Katamaran-Entscheidung: Die Gegner hätten 30 Prozent aller Wähler sein müssen. Das ist bei der heutigen Lethargie der Bürger eben zuviel, wenn man bedenkt, dass bei der Stockacher Bürgermeisterwahl ganze 28,63 Prozent der Bürger zur Wahlurne gingen. Würde dort der Gesetzgeber ähnliche Maßstäbe anlegen, hätten die Stockacher heute keinen Bürgermeister mehr! Der Singener Bürgerentscheid gegen die Stadthalle war vor 20 Jahren erfolgreich, weil sie zu einer Generalabrechnung mit der Stadtverwaltung und der Stadtplanung wurde. Und der Singener Oberbürgermeister Andreas Renner kann froh darüber sein, dass die Landesgartenschau 2000 zum damaligen Zeitpunkt nicht vom Bürger entschieden wurde! Jetzt optiert er für das Kippen des Quorums. Heute hat er eben gut lachen!



Christliche Kirchen werden in der Region immer mehr - in der Zahl der neuen Gebäude und Gemeinden, aber nicht in der Form der Amtskirche. Da ist Schmalhans längst der Küchenmeister: Die evangelische Landeskirche hat genügend Pfarrer, aber kein Geld angesichts weniger werdender Kirchensteuerzahler. Und die katholische Kirche hat keine Pfarrer mehr. Die Seelsorgeeinheiten sind deshalb schon lange angedacht und werden jetzt Stück für Stück Realität. Wie sich die Menschen darin zurecht finden, bleibt offen. Früher gehörte im Ort eben auch der Pfarrer zum Kirchturm. Riesigen Zulauf hat parallel dazu die Telefonseelsorge . . .



Drogen sind zwar bundesweit im Jahr 2001 rückläufig gewesen, für den Grenzkreis Konstanz kann dies aber nicht gelten. Kokain vor allem ist weiter im Vormarsch. Offen ist, welche Folgen der Schweizer Volksentscheid für die Drogenentwicklung im Grenzbereich haben wird. Die Gewaltbereitschaft ist die zweite Ebene des Problems: Ohne Schulsozialarbeit wird es auch in kreisangehörigen Gemeinden künftig nicht mehr gehen. Die Integration der Aussiedlerkinder, die oft diesen Lebensweg nicht wollten, verlangt nach wirkungsvollen Maßnahmen. Die Stadt Stockach hat mit der Anstellung von Marcel DaRin als Jugendpfleger einen wichtigen Akzent gesetzt. Ohne Professionalität geht es nicht mehr.



Eurofieber hält sich immer noch in Grenzen. Die Schlangen, die auf ihr erstes Starter-Kit warteten, haben wir im Kreis nicht gesehen. Dafür ist der Schweizer Franken auf über 1.30 Mark gestiegen. Bei künftig rund 65 Cent wird die Preisvergleichbarkeit noch geringer. Da wird es spannend, wie sich der kleine Grenzverkehr da künftig entwickelt. Die Schweizer sind verlässliche Kunden für die Filialen der Lebensmittelketten entlang der Grenze geworden. Umgekehrt fanden die Zollfahnder Schwarzgeldbelege in Milliardenhöhe bei Kontrollen an der Grenze in den letzten Monaten. Typisch deutsch: alles schwarz auf weiß bei sich haben!



Fremdenverkehr sucht nach der Zukunftsperspektive. Bekannt und beliebt ist der Bodensee auch nach einer Studie der Demoskopen aus Allensbach. Doch er braucht neben der Mainau und den Bregenzer Festspielen noch andere Zugpferde. Jetzt soll in Böhringen eine Wellness-Landschaft mit am Ende 2200 Betten entstehen. Planungsrechtlich ist einiges in diesem Jahr bewegt worden. Die Option der Investoren um Sprecher Edgar Mallwitz ist nochmals um ein halbes Jahr verlängert worden. Bald sind aber Roß und Reiter zu nennen.



Gewerkschaften sind zahm geworden. Zum Glück haben wir die Dienstleister von ver.di: Sie wissen, was sie wollen. Sonntags soll die Ladenkasse nicht klingeln, selbst nicht bei den Banken am 1. Januar 2002, wenn der Euro an die Türe klopft. Im Bereich der IG-Metall schrumpft vieles vor sich hin: Selbst beim gut gehenden Betrieb von Lawson Mardon sind es zum Jahresende hat über hundert Mitarbeiter weniger als vor der Fusion. Und Schiesser ist seit dem Weggang von Helmut Haller kein Thema mehr. Das kann nicht wahr sein.



Handel ist in aller Munde und prägt den Charakter der Städte und Gemeinden immer mehr. Es sind die privaten Investoren, die hier für Furore sorgen, ein Heinz Kornmayer ebenso wie ein Hans Sulger in Stockach. Viele zeigten im Jahr 2001 Mut. Dazu der Satz des Jahres: ». . . und das ist gut so!«



Industrie krankt und Gründerzentren haben es schwer: Im Frühjahr soll es mit dem Gründerzentrum ernst werden: Aber das Land zahlt erst eine Million Euro als erste Rate. Dafür haben die Konstanzer Hochschulen 500 000 Mark an das Land für Übergangsprojekte von der Uni in die Selbständigkeit zurückgegeben. Sie haben es nicht auf die Reihe gebracht, personelle Probleme wittert Landtagsabgeordnete Veronika Netzhammer. Das Geld wäre besser zum Beispiel nach Welschingen in den dortigen Technologie-Park geflossen.



Jubiläen gab es 2001 in Hülle und Fülle. Die Stockacher Narren blickten auf 650 Jahre Hans Kuony zurück. Hundert Jahre gibt es Höhere Schulen in Singen und Stockach, zahlreiche Gemeinden haben nach Jubiläen eine neue Ortschronik geschenkt bekommen. Und in der Regionalen Volkshochschule gibt es seit 25 Jahren als Leiter Dr. Jochen Schmidt-Liebich. Das ist die (fast) kreisweite Einrichtung mit Akzeptanz in der ganzen Region. Die berufliche Qualifikation rückt hier immer mehr in den Vordergrund.



Kreisbewusstsein kann man auch 2001 mit der Lupe suchen. Der Hegau ist seit der Landesgartenschau spürbar zusammengewachsen. Das ist so ein zartes Pflänzchen, das zu pflegen ist. Singen bekennt sich zur Führungsaufgabe in der Landschaft. Mit Dr. Jörg Schmidt hat Radolfzell zudem einen Oberbürgermeister mit Dialog-Qualitäten. Krankenhäuser und Sparkassen sind zum Gradmesser des Kreisbewusstseins geworden. Dabei sitzt der Fusionsschock bei den Sparkassen schief: Erst blockiert der Friedrichshafener Landrat die Fusion Singen-Radolfzell mit Überlingen. Dann legt sich Konstanz mit beiden im Bodenseekreis ins Bett.



Landesgartenschau hat mehr als die Liebe zu Blümchen bewegt. Erwartungen wurden geweckt, die 2001 höchstens in einem Mainau-Tag befriedigt wurden. War das alles nachhaltig? Der Stadtpark-Verein kam zu spät aus den Startlöchern, ein Parkfest der Tausende fehlte. Von einer mobilen Bühne wurde gesprochen. Dafür kam die Laga GmbH finanziell mit einem blauen Auge davon: Mehr Besucher ließen die Nachfinanzierung auf rund 800 000 Mark schrumpfen. Das Kompliment dafür gebührt dem Singener Stadtkämmerer Michael Lucke. Doch der wurde inzwischen Bürgermeister in Metzingen. Das Glückskind des Jahres.



Müll wird zur unendlichen Geschichte. Die Gärungsanlage im Kompostwerk in Singen hat nie funktioniert. Jetzt soll der Hersteller in Regress genommen werden. Immer deutlicher wird, dass, das die Umrüstung des einstigen Müllkompostwerks in eine Biomüllanlage die falsche Weichenstellung war. Aus einem VW macht man schließlich auch keinen Ferrari! Andererseits waren vor Landrat Hämmerles Zeit die Investitionen in die Mülleinrichtungen so mangelhaft aufgelistet worden, dass eine Million Mark Schaden bei den Abschreibungen den Müllkunden entstanden sind. Die Staatsanwaltschaft tut sich weiter schwer im Verfahren gegen den früheren Geschäftsführer des Kompostwerks: Wo war der Betrug, wenn die Anlage schlicht nicht funktionsfähig war?



Nichtöffentlichkeit prägt den politischen Stil in der Region immer mehr. Entscheidungen werden hinter verschlossenen Türen ausgehandelt, bis sie wasserdicht sind. Öffentlichkeit kann es aber nicht nur dann geben, wenn Beteiligte sich davon etwas für ihre Ziele versprechen. Wie war es mit der Entscheidung der Volksbank Steißlingen-Volkertshausen für die Fusion mit Konstanz-Radolfzell? Vor der Entscheidung der Mitgliederversammlung machte selbst Singens Oberbürgermeister Andreas Renner Stimmung für eine Fusion mit der Volksbank Singen-Engen. Und das als Verwaltungsratsvorsitzender der Sparkasse! Zurück zu den Parlamenten: Der Bürger will gerne wissen, wohin bei Problemlösungen die Reise geht. Und da werden wir ihm auch 2002 helfen!



Oberzentrum ist zum Reizwort geworden. Im neuen Landesentwicklungsplan ist Stockach aufgewertet worden - zum stolzen Mittelzentrum. Das hätte Engen auch gerne geschafft. Mittelzentrum ist bisher auch Singen. Beim Vergleich fällt bei aller Diskretion einiges auf. Und so hat OB Renner gehandelt und für Singen den Status des Mittelzentrums mit oberzentralen Funktionen nicht nur beantragt sondern auch im Landtag durchgesetzt bekommen. Jetzt sollte es die Regierung in den Plan einbauen. Doch da kommt das Geschrei aus Konstanz: Zwei halblebige Oberzentren fürchtet der dortige OB Horst Frank, sonst ein guter Freund von Renner. Die Rollen werden neu verteilt. Und da wird es spannend.



Parteien sind in Nöten: Sie sind oft überaltert und am Ende bleibt alles an den wenigen Aktiven hängen. Beispiel war der Besuch von SPD-Spitzenkandidatin Ute Vogt in Singen. SPD-Landtagskandidatin Claudia Weber musste die Werbetafeln für die nächste Veranstaltung nach St. Georgen fahren! Wer für die FDP oder die Grünen antritt, muss zu noch mehr Engagement bereit sein. In einer sich wandelnden Gesellschaft wird die Gruppe der Engagierten geringer. Die CDU-Mittelstandsvereinigung ist ein Beispiel für die Misere. Mit Georg Finthammer, Günter Bareither und zuletzt Harald Dreher haben gleich drei Kreisvorsitzende in Serie das Weite aus der Organisation gesucht! Wo sind die Hoffnungsträger, für sie sich junge Leute engagieren sollen?



Querdenker sind nicht gefragt - und dafür könnten sie wieder das Salz an der Suppe sein. Ziel ist in unserer Gesellschaft nur noch der Erfolg. Deshalb tut sich die Agenda 21 trotz mancher Erfolge wie in Gottmadingen mit der Baumpatenschaft so schwer: Alle redeten ein Jahr vom bürgerschaftlichen Engagement. Doch wo steht es heute? Es sind die gleichen Gesichter, die man wiedertrifft. Das Ende der Spaßgesellschaft braucht auch Menschen, die ernst machen!



Soziallasten sind ein Dauerthema im Kreis. Zehn Millionen Mark hat der Kreis im Jahr 2001 im Vergleich zu den Vorjahren eingespart. Auch das ist gut so, würde Landrat Frank Hämmerle sagen. Natürlich gibt es deshalb keine massenhafte Armut im Kreis, doch die soziale Decke ist löchriger geworden, nicht unbedingt für die richtigen Menschen. Das Motto Arbeit statt Sozialhilfe hat vielfach gefruchtet, vor allem haben viele Hegau-Gemeinden Plätze für gemeinnützige Arbeit geschaffen. Dennoch muss ein neues soziales Klima angemahnt werden: Der Abgang von Kreissozialamtsleiterin Ursula Auchter kommt auch nicht von ungefähr, denn der Sprung von der Leitung einer Jugenstrafvollzugsanstalt in eine moderne Sozialbehörde mag auch für sie zu groß gewesen sein.



Theaterszene gehört zum regionalen Leben. Die Hegauer Mundartbühne mit Sigrun Mattes hat rund 7500 Besucher in die Singener Kunsthalle gelockt. Viele Laienaufführungen hatten speziell einen didaktischen Hintergrund: Soziale Situationen wurden Mitmenschen bewusst. Dennoch leben wir in der Region von zwei Profibühnen, dem Konstanzer Stadttheater und der Singener »Färbe«. Hier wurde 2001 zeitnahes Theater auf hohem Niveau geboten. In Singen kam die offizielle Eröffnung der »Basilika« für die »Färbe«-Mannschaft hinzu. Das sind originäre Werbeträger für die Region, selbstgemacht eben!



Untersee ist ein Kleinod weit über die Region hinaus. Als Tourismus-Landschaft wollen Gemeinden und Hoteliers Profil gewinnen. Die Felchen-Wochen sind ein Hit. Und selbst Umweltminister Jürgen Trittin wurde im Landtagswahlkampf nachhaltiges ökologisches Bewusstsein demonstriert. Dafür kochte der Minister eine Fischsuppe im »Grünen Baum«.



Verkehrsanbindung ist zum Trauerspiel geworden: Der Interregio endet in Singen, die Konstanzer schauen jetzt auch hier in die Röhre. Für sie rächt sich die Nicht-Lösung der Autobahntrasse jetzt in doppeltem Maße. Dafür bekommt Bietingen jetzt nach 25 Jahren Kampf die Aufweitung der Autobahnzufahrt an die Grenze. Die Bilanz ist dennoch katatrophal: Die Gäubahn ist nicht zukunftsfähig, was der Gottmadinger Bürgermeister Hans-Jürgen Schuwerk unterstrichen hat. Die Bodensee-Gürtelbahn ist einspurig und letztlich unattraktiv. Daran ändert kein erfolgreicher Seehas etwas!



Wohnungsbau ist ein Kapitel für sich. Betreutes Wohnen im Alter boomt weiter. Den Mietwohnungsbau aber gibt es praktisch nicht mehr. Eigenheime werden im kostengünstigen Bereich noch realisiert, der Boom früherer Jahre ist gebrochen. Dennoch gibt es einen Bedarf an bezahlbarem Wohnraum. Gut saniert ist zum Motto geworden. Das soziale Wohnumfeld ist oft schwierig. Die Sozialarbeit beginnt künftig offenbar im Wohnquartier.



Xylophon mag das Stichwort für die erfolgreiche Arbeit der Musikschulen in den Städten und Gemeinden des Kreises sein. Das sind die Gegenbewegungen dieser Zeit: Kreative Vielfalt gegen Zerstörung und Gewalt. Hier ist noch mehr wünschenswert, denn im Bereich der Bildenden Kunst fehlt ein ähnliches Angebot. Wenn das Kind längst in den berühmten Brunnen gefallen ist, wird es der Maltherapie zugeführt. Einfach zum nachdenken.



Ypsilon wird auch 2001 das unlösbare Problem dieses Sylvester-ABCs sein. So hätte man ja auch einen neuen Treffpunkt im Fazz oder im Top 10 nennen können!



Zeitgeist dokumentiert sich vielfältig. Der Egoismus hat in der bisherigen Spaßgesellschaft zugenommen. Jeder, der so lebt, muss aber auch bedenken, dass er den Mitbürger, seinen Nachbarn auch einmal brauchen könnte. Die Pflege im nachbarschaftlichen Bereich ist ein Thema. Wir werden älter und brauchen einander mehr. Die entsolidarisierte Gesellschaft zerstört Sicherungsnetze. Das beginnt in Gewerkschaften, Vereinen, Parteien und Bürgerinitiativen. Und am Ende ist auch dem eigenen Egoismus eine Grenze gesetzt: Mit »Schmuddelkindern« spielt man eben nicht gerne, haben die 68er eben noch gelernt.

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